Nordrhein-Westfalen ist bei der Elektromobilität kein einheitlicher Markt. Das zeigt eine Auswertung der öffentlichen Ladeinfrastruktur und des Elektroauto-Bestands in den 53 Kreisen und kreisfreien Städten. NRW liegt insgesamt weder an der Spitze noch am Ende des Ländervergleichs. Auffällig ist vielmehr die große Spannweite zwischen einzelnen Regionen.
Im Mittel kommen in Nordrhein-Westfalen rund 2,1 öffentliche Ladepunkte auf 1000 Einwohner. Eine Auswertung der ZFK kommt zudem auf einen Anteil von etwa 8,8 Prozent elektrifizierter Pkw, also Autos, die mit Stecker geladen werden können. Damit liegt NRW im Mittelfeld. Der Landesdurchschnitt verdeckt jedoch die Unterschiede: Einige Regionen bauen ihr Ladenetz aus und verzeichnen zugleich hohe Fahrzeugbestände. Andere kommen bei beiden Größen deutlich langsamer voran.
Viele Dienstwagen und kaufkräftige Bevölkerung
Unter den Großstädten gehört Düsseldorf zu den Vorreitern. Die Auswertung kommt dort auf knapp 3,9 öffentliche Ladepunkte je 1000 Einwohner und einen Elektroauto-Anteil von fast 15 Prozent. Auch Bonn und Köln liegen über dem Landesdurchschnitt.
Die Gründe dürften in der Siedlungsstruktur und der Fahrzeugnutzung liegen. In dicht besiedelten Städten können öffentliche Ladepunkte viele Menschen erreichen. Zugleich gibt es dort zahlreiche Dienstwagen und eine kaufkräftige Bevölkerung. Die Daten zeigen diese Zusammenhänge, belegen aber keinen einzelnen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang.
Besonders deutlich fällt der Kreis Euskirchen auf. Nach der zugrunde liegenden Auswertung kommen dort mehr als 117 Elektroautos auf 1000 Einwohner. Auch der Rheinisch-Bergische Kreis und weitere Kreise im Kölner Umland liegen über dem Durchschnitt.
Das widerspricht dem verbreiteten Bild, wonach Elektromobilität vor allem in den Metropolen Fuß fasst. Wohlhabende Haushalte und viele Pendler können den Umstieg in suburbanen Regionen begünstigen. Hinzu kommt ein wichtiger statistischer Effekt: Hohe regionale Elektroauto-Quoten können durch gewerblich genutzte Fahrzeuge steigen.
Amtliche Zahlen von Information und Technik Nordrhein-Westfalen (IT.NRW) zeigen diesen Effekt. Zum 1. Januar 2025 lag der Anteil reiner Batterieautos am gesamten Pkw-Bestand in Euskirchen und Bonn bei jeweils 5,2 Prozent. Düsseldorf folgte mit 4,8 Prozent. Bei den privaten Pkw führte dagegen der Kreis Paderborn mit 3,2 Prozent vor Coesfeld mit 3,1 Prozent. Soest, Steinfurt und Borken erreichten jeweils 2,9 Prozent. Batterieelektrische Fahrzeuge, kurz BEV, fahren ausschließlich mit Strom; Plug-in-Hybride sind in dieser Abgrenzung nicht enthalten.
Fehlende private Stellplätze drücken den Schnitt
Am unteren Ende der regionalen Skala stehen mehrere verdichtete Ruhrgebietsstädte. Duisburg, Gelsenkirchen und Herne weisen in der Auswertung deutlich weniger Elektroautos je Einwohner auf. Auch beim öffentlichen Laden liegen sie unter dem Landesdurchschnitt.
IT.NRW meldete für den 1. Januar 2025 bei reinen Elektroautos Anteile von 1,9 bis 2,2 Prozent in Herne, Duisburg und Gelsenkirchen. Für private Pkw erreichte Gelsenkirchen mit 1,3 Prozent den niedrigsten Wert in NRW. Eine hohe Zahl von Mehrfamilienhäusern und fehlende private Stellplätze erschweren dort das Laden zu Hause. Das macht den Ausbau öffentlicher und quartiersbezogener Angebote besonders wichtig.
Die Unterschiede verlaufen damit nicht einfach entlang der Grenze zwischen Stadt und Land. Entscheidend sind offenbar mehrere Faktoren: Einkommen, Pendlerströme, gewerbliche Fahrzeugflotten, Wohnformen und die Verfügbarkeit privater Stellplätze. Das erklärt auch, warum manche ländlichen Kreise vor dicht besiedelten Städten liegen.
Bei den Neuzulassungen fällt das Bild dynamischer aus als beim Bestand. Nach Angaben von IT.NRW waren 2024 in NRW 14,1 Prozent der gut 574.000 neu zugelassenen Pkw reine Elektroautos. Das entspricht rund 81.000 Fahrzeugen. NRW lag damit über dem bundesweiten Durchschnitt von 13,5 Prozent und im Ländervergleich auf Platz fünf.
Die Neuzulassungen zeigen, wohin sich der Bestand entwickeln kann. Sie ersetzen jedoch nicht den Blick auf die Infrastruktur. Je mehr Elektroautos hinzukommen, desto stärker wird sich die Frage stellen, ob Ladepunkte dort verfügbar sind, wo Menschen wohnen, arbeiten und unterwegs sind.
Nordrhein-Westfalen ist damit ein Mikrokosmos der deutschen Elektromobilität. Das Land vereint innovative Großstädte, dynamische Pendlerregionen und klassische Industriestandorte. Der Nischenstatus ist überwunden. Eine flächendeckende Durchdringung ist aber noch nicht erreicht.
Die nächste Etappe entscheidet sich vor allem in den dicht besiedelten Quartieren. Dort braucht es Lösungen für Menschen ohne eigene Garage und für begrenzte Flächen im öffentlichen Raum. Ob NRW zur Spitzengruppe aufschließt, hängt deshalb nicht allein vom Fahrzeugangebot ab. Maßgeblich wird sein, wie schnell Kommunen, Netzbetreiber und weitere Akteure das Laden im Alltag verlässlich organisieren.