Wie kann der Verkehrssektor Klimaneutralität erreichen und dabei gleichzeitige Wertschöpfung und Beschäftigung in Deutschland erhalten? Darüber diskutierten Akteure der Automobil- und Mobilitätswirtschaft zusammen mit Bundeskanzler Olaf Scholz beim „ersten Spitzengespräch der Strategieplattform Transformation der Automobil- und Mobilitätswirtschaft“ – vulgo beim Mobilitätsgipfel. An den Gesprächen nahmen auch die zuständigen Bundesminister und Bundesministerinnen Robert Habeck (Wirtschaft), Christian Lindner (Finanzen), Hubertus Heil (Arbeit), Volker Wissing (Verkehr) sowie Umweltministerin Steffi Lemke teil. Mit am Tisch saßen außerdem Vertreter von Wissenschaft, Länder und Kommunen sowie weitere Verbände und Organisationen.
Im Mittelpunkt des ersten Spitzengesprächs habe der Klima- und Umweltschutz, die Digitalisierung von Fahrzeugen, eine vernetzte Mobilität sowie die Resilienz von Lieferketten gestanden. Der Expertenbeirat Klimaschutz in der Mobilität werde zeitnah weitere Optionen entwickeln, wie die bestehende Emissionsminderungslücke im Verkehr bis 2030 geschlossen werden kann. Beim Aufbau und Betrieb von Ladeinfrastruktur sei nun in erster Linie die Energie- und Automobilwirtschaft gefordert.
Mehr als die Hälfte der Ladesäulen ist kommunal
Anlässlich des Gipfels warnte der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) vor einer Spaltung in urbane Ballungszentren mit Schnelllade-Hubs und ländlichen Regionen ohne Ladesäulen. Gerade der Ausbau der Ladeinfrastruktur in dünn besiedelten Gebieten sei Voraussetzung für den Durchbruch der Elektromobilität, erklärte VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing.
Nach Angaben des VKU sind mehr als die Hälfte aller Ladesäulen in Deutschland in kommunaler Hand. Bei den Investitionen seien sich die kommunalen Unternehmen bewusst, dass oft keine unmittelbare Wirtschaftlichkeit gegeben ist. „Trotzdem ist die Verkehrswende eine gesamtgesellschaftliche Herkulesaufgabe, die wir als dringend notwendige Investition in den Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit sehen müssen“, sagte Liebing.
VKU-Chef Liebing für die Spitzenglättung
Der VKU-Hauptgeschäftsführer sprach sich für die Spitzenglättung aus - ein Prozess, bei dem Netzbetreiber den Stromverbrauch von Elektroautos auf längere Zeiträume ausdehnen können. Durch das gesteuerte Laden könnten bis zu vier Mal mehr Elektrofahrzeuge kurzfristig in das bestehende Stromnetz integriert und zugleich das Stromnetz stabil gehalten werden, sagte Liebing.
Mangel des Angebots, nicht der Nachfrage
Die Spitzenrunde zum Thema Mobilität im Kanzleramt habe das Ziel der Bundesregierung von mindestens 15 Millionen vollelektrischen Autos auf Deutschlands Straßen bis 2030 bekräftigt, hieß es am Abend. "Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich einig, dass ein rascher Hochlauf der E-Mobilität erforderlich ist, um die Klimaziele im Verkehr zu erreichen", erklärte Regierungssprecher Steffen Hebestreit am Dienstag nach dem Treffen in einer schriftlichen Mitteilung.
Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) fordert derweil eine „15-Millionen-E-Auto-Strategie.“ Die Zulassungszahlen müssten deutlich schneller steigen, um bis Ende des Jahrzehnts 15 Millionen vollelektrische Pkw auf den Straßen zu haben. Die Nachfrage und Akzeptanz seien bereits hoch, jetzt müsse das Fahrzeugangebot gestärkt werden. Kunden seien derzeit bereit, Wartezeiten von über einem Jahr für bestellte E-Autos in Kauf zu nehmen.
Wichtig ist nach BDEW-Einschätzung die Erkenntnis, dass das Laden nicht das Problem ist. Die Auslastung der Ladesäulen liege bei rund 15 Prozent. Da sei ordentlich Luft nach oben. Das Henne-Ei-Problem im Markt existiert nicht mehr. Insbesondere das Schnellladen sei ein Gamechanger. „Wenn die Bundesregierung den Ausbau unterstützen möchte, sollte sie dafür vor allem zeitnah staatliche Flächen mobilisieren und die Genehmigungen vereinfachen“, so der BDEW. Die detaillierte Planung des Ladesäulenausbaus sei keine staatliche Aufgabe.
Verkehrswende als Ganzes sehen
Aus Sicht mehrerer Fahrrad- und Verkehrsverbände ist der Gipfel „ein Beleg dafür, dass die Verkehrswende noch nicht im Kanzleramt angekommen ist“. Dass es bei dem Treffen zwar um die Transformation der Mobilitätswirtschaft gehen soll, aber fast ausschließlich Vertreterinnen und Vertreter der Automobilbranche eingeladen sind, kritisieren die Allianz pro Schiene, der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC), der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) und Zukunft Fahrrad. Dies steht aus Sicht der Verbände für ein völlig veraltetes Mobilitätsverständnis. Sie fordern von Bundeskanzler Olaf Scholz, die Verkehrswende als Ganzes anzugehen und zur Chefsache zu machen. (wa)



