Von Jürgen Walk
Wie sieht der Nahverkehr im Jahr 2040 aus? Digitaler, effizienter, emissionsfrei und leistungsfähiger? Diesen hehren Zielen steht eine von vielen Bürgern anders wahrgenommene Realität gegenüber. Das Bus- und Bahnangebot verliert an Zuverlässigkeit und Qualität. Steigende Kosten, eine sanierungsbedürftige Infrastruktur, Fach- und Arbeitskräftemangel und Qualitätsprobleme auch bei neu beschafften Fahrzeugen setzen die Branche unter Druck. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) hat nun ein Gutachten mit einem Fahrplan für die Modernisierung und den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs in Deutschland bis 2040 vorgelegt. Es wurde von den Beratern von Ramboll, PwC und Intraplan ausgearbeitet.
Der derzeitige Zustand des deutschen Nahverkehrs sei weder Zufall noch Managementversagen, heißt es darin. Er sei vor allem das Resultat knapper Kassen. Schon heute werden die Aufwendungen für den öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) nur noch zu rund einem Drittel durch Fahrgeldeinnahmen gedeckt. Zwei Drittel steuern Bund, Länder und Kommunen bei.
Kein Nahverkehr de luxe
Zugleich steigen die Kosten: Stichworte sind Inflation, Energiepreise, Personalkosten. Sie gefährden Qualität und Quantität des Angebots, heißt es im Gutachten. Aber mit den heute zur Verfügung stehenden Geldern sei eben nicht mehr möglich, daher könne es kein 'weiter so' geben, betont VDV-Präsident Ingo Wortmann.
In zwei Szenarien – dem "Modernisierungsszenario" und dem ambitionierteren "Deutschlandangebot" – will die Branche demgegenüber zeigen, wie ein zukunftsfähiger ÖPNV für alle Regionen erreichbar ist. "Wir reden nicht über ÖPNV de luxe, sondern über flächendeckend funktionierende Daseinsvorsorge und die Erreichung von Klimaschutzzielen im Verkehrssektor", so Wortmann.
Das Gutachten bildet aus Sicht der Branche die fachlich fundierte Basis für den im Koalitionsvertrag der Bundesregierung angekündigten ÖPNV-Modernisierungspakt. Durch einen gemeinsamen Kraftakt – finanziell und organisatorisch – sei es möglich, dass der ÖPNV bis 2040 seine Potenziale voll entfalten kann. Dabei signalisiert die Branche ihre Bereitschaft, einen wesentlichen Eigenbeitrag zu leisten.
Das Modernisierungsszenario konzentriert sich darauf, den Bestand im aktuellen ÖPNV-Angebot zu sichern und das System flächendeckend zu modernisieren. Dieses Mindestprogramm enthält die umfassende Modernisierung der Infrastruktur, die Antriebswende (E-Busse, alternative Antriebe im Schienenverkehr) und massive Investitionen in Digitalisierung und Automatisierung. Das Szenario legt den Fokus nicht auf erhebliche Netzerweiterungen, sondern auf deutliche Qualitätsverbesserungen.
Das zweite Szenario, das Deutschlandangebot 2040, schafft dagegen Spielräume für neue Verkehre. Über die Maßnahmen im Modernisierungsszenario hinaus wird hier das ÖPNV-Gesamtsystem ausgebaut und in die Fläche erweitert: mehr Linien, dichtere Takte in den Ballungsräumen und vollständig mit Angeboten des ÖPNV erschlossene Regionen. Die qualitative Verbesserung aus dem Modernisierungsszenario wird also um eine quantitative Komponente des flächendeckenden Kapazitätsausbaus ergänzt.
Die Investitionen lohnen sich
Im Modernisierungsszenario steigt der Finanzierungsbedarf durchschnittlich um 1,44 Milliarden Euro pro Jahr. Von heute 26 Milliarden Euro klettert er auf 49 Milliarden Euro im Jahr 2040. Das ambitioniertere Deutschlandangebot erfordert pro Jahr durchschnittlich 3,36 Milliarden Euro mehr. Der Finanzierungsbedarf liegt damit bei rund 80 Milliarden Euro im Jahr 2040.
Auch wenn das zunächst teuer scheint: Diese Investitionen in den ÖPNV lohnen sich, heißt es im Gutachten. Jeder zusätzliche Euro für den ÖPNV bringe vielfachen Nutzen – wirtschaftlich, gesellschaftlich und ökologisch. Der Nutzen des Nahverkehrs in Deutschland sei deutlich höher als seine Kosten. Bund und Länder seien gefordert, einen gemeinsam langfristig ausgerichteten Finanzierungspakt aufzusetzen, der über die Legislaturperioden hinaus reicht, heißt es im Gutachten. Politik müsse dem ÖPNV "den Stellenwert geben, den er in der Lebenswirklichkeit vieler Menschen längst hat".



