Von Jürgen Walk
Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) in Rheinland-Pfalz steht vor erheblichen Herausforderungen. Steigende Kosten, Investitionsstau bei der Infrastrukturmodernisierung und sinkende Fahrgelderlöse fordern die Branche heraus. Gerade in Rheinland-Pfalz mit seinen ländlichen Strukturen liegt die Kostendeckung deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Aber wie könnte durch kluge Investitionen ein flächendeckend attraktiver ÖPNV im Bundesland möglich werden? Antworten liefert das Leistungskostengutachten des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV).
Der Verband hatte im Sommer zwei Szenarien entwickelt, wie sich Angebot, Nachfrage, Kosten und Erlöse im bundesweiten Nahverkehr bis 2040 entwickeln. Im Szenario "Modernisierung 2040" geht es darum, die Substanz zu sichern und zu erneuern. Deutlich ambitionierter ist das Szenario "Deutschlandangebot 2040". Darin wird zusätzlich zur oben beschriebenen Modernisierung auch das bestehende ÖPNV-Angebot systematisch ausgebaut. Diese beiden Szenarien hat der VDV nun auf Landesebene am Beispiel Rheinland-Pfalz heruntergebrochen.
Geringer Kostendeckungsgrad von 27 Prozent
Der Fokus des Landes beim Nahverkehr liegt besonders auf dem Schienenpersonennahverkehr (SPNV), der 57 Prozent der Nachfrage deckt (Bundesschnitt 54 Prozent). Auch der Busverkehr ist mit 41 Prozent stärker ausgeprägt als im Bundesdurchschnitt (33 Prozent), während Straßenbahnen aufgrund der nur zwei vorhandenen Netze in Mainz und Ludwigshafen eine untergeordnete Rolle spielen.
Die Gesamtaufwendungen für den ÖPNV in Rheinland-Pfalz beliefen sich 2024 auf 1,8 Milliarden Euro. Davon konnten lediglich 480 Millionen Euro durch Fahrgeldeinnahmen gedeckt werden. Die Kostendeckung von 27 Prozent liegt damit deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Wesentlicher Grund dafür ist die geringe Auslastung in den ländlichen Räumen. Der verbleibende Finanzierungsbedarf von 1,3 Milliarden Euro wird durch öffentliche Mittel gedeckt – vor allem durch kommunale Zuschüsse, Landes- und Bundesförderungen sowie Ausgleichszahlungen.
Im Landeshaushalt selbst ist für den ÖPNV knapp eine Milliarde Euro im laufenden Jahr vorgesehen. Zwei Drittel davon stammen aus Bundesmitteln, ein Drittel sind originäre Landesmittel. Rheinland-Pfalz weist damit einen hohen Anteil an eigenen Landesmitteln auf, insbesondere zur Finanzierung des ÖSPV-Betriebs und von Ausgleichsleistungen im Ausbildungsverkehr. Investitionen in Fahrzeuge oder Infrastruktur, etwa zur Elektrifizierung des Busverkehrs, spielen dagegen nur eine untergeordnete Rolle.
Das Szenario Modernisierung 2040 verfolgt das Ziel, den ÖPNV als Rückgrat klimafreundlicher Mobilität langfristig zu sichern. Es beinhaltet den Abbau des Sanierungsstaus, die Modernisierung von Betriebshöfen, die Dekarbonisierung der Fahrzeugflotten sowie umfassende Digitalisierung. In Rheinland-Pfalz bleibt das Verkehrsangebot dabei weitgehend konstant, die Nachfrage geht aufgrund des demografischen Wandels leicht um zwei Prozent zurück. Der Finanzierungsbedarf steigt bis 2040 von 1,3 auf 2,3 Milliarden Euro – ein Plus von rund einer Milliarde Euro. Das entspricht einem jährlichen Anstieg um 3,6 Prozent, wovon etwa die Hälfte inflationsbedingt ist. Besonders stark wächst der Bedarf in der Sparte Tram (+157 Prozent), gefolgt von Bus (+88 Prozent) und SPNV (+63 Prozent).
Im Szenario Deutschlandangebot 2040 steigen die Sitzplatzkilometer in Rheinland-Pfalz bis 2040 um 50 Prozent, die Personenkilometer um 26 Prozent. Damit entsteht ein spürbar leistungsfähigeres ÖPNV-System, das die Voraussetzung für Verkehrswende und Teilhabegerechtigkeit schafft. Der dafür notwendige Finanzierungsbedarf beläuft sich 2040 auf 3,93 Milliarden Euro – ein Zuwachs von 2,63 Milliarden Euro gegenüber 2024 und ein jährliches Plus von 7,2 Prozent. Die größten Zuwächse entfallen auf den Busverkehr (+319 Prozent), da dieser die Hauptlast des flächendeckenden Ausbaus trägt. Damit werden auch die Unterschiede zwischen Stadt und Land erheblich reduziert.
Die Analyse zeigt jedenfalls: Ein leistungsstarker ÖPNV ist nur mit deutlich wachsenden öffentlichen Mitteln zu realisieren. Rheinland-Pfalz steht angesichts geringer Fahrgelderlöse und sinkender Bevölkerungszahlen vor einem besonders hohen Finanzierungsbedarf. Um den Modernisierungs- und Ausbaupfad zu sichern, ist ein langfristiger Finanzierungspakt zwischen Bund, Ländern und Kommunen notwendig, heißt es beim VDV. Nur durch eine klare politische Priorisierung und verlässliche Haushaltsmittel könne der ÖPNV bis 2040 zu einem modernen, emissionsfreien und flächendeckend attraktiven Mobilitätssystem weiterentwickelt werden – als Investition in Lebensqualität, Klimaschutz und gleichwertige Lebensverhältnisse.



