Die Energiewirtschaft hält die Ausrufung der Alarmstufe durch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck für den richtigen Schritt. „Derzeit ist die Versorgung gewährleistet, aber wir müssen unseren Blick auf den kommenden Winter richten. Es geht darum, alles für möglichst hohe Speicherfüllstände zu tun und die Einspeicherziele zu erreichen“, erläutert BDEW-Chefin Kerstin Andreae. Nötig seien eine gemeinsame Kraftanstrengung sowie eine enge europäische Abstimmung.
Wie Andreae betont, leiste die Energiewirtschaft dazu einen wichtigen Beitrag, indem sie die Stromerzeugung aus Gas im Bedarfsfall reduziere. Besorgt zeigte sich die Verbandschefin angesichts möglicher Auswirkungen auf die Endkundenpreise. Klar sei, dass aufgrund des ohnehin sehr hohen Börsenpreisniveaus der Druck auf die Gaspreise weiter steigen werde.
Energieversorgung in Gefahr?
Sollten die Gesamtimportmengen nach Deutschland weiter sinken, könnte die Situation eintreten, dass Gasversorger nicht die langfristig gekauften Gasmengen erhalten, sondern zu den aktuell sehr hohen Großhandelspreise Ersatz beschaffen müssen. „Es besteht dann das Risiko, dass Energieversorger diese dann extrem teuren Zukäufe finanziell nicht mehr stemmen können und letztlich die Gewährleistung der Energieversorgung bedroht wäre“, warnt Andreae.
Die Preis-Entwicklung müsse daher weiterhin sehr aufmerksam beobachtet werden. Die Handlungsfähigkeit der Unternehmen müsse bei Bedarf sehr kurzfristig gesichert werden können, damit sie die erforderlichen Gasmengen trotz extrem steigender Börsenpreise beschaffen und liefern können, gibt die BDEW-Chefin zu bedenken.
LNG-Kapazitäten schnell ausbauen
Rückendeckung bekommt Habeck auch vom Branchenverband Zukunft Gas, der zugleich eine „sorgfältige Planung“ der nächsten Schritte anmahnt. „Gashändler und Industrie benötigen angesichts der Preissituation Unterstützung, der Auf- und Ausbau der erforderlichen LNG-Kapazitäten muss beschleunigt werden“, fordert Timm Kehler, Vorstand von Zukunft Gas. Auch er geht davon aus, dass auf die Gaskunden nun große Belastungen zukommen. „Die Alarmstufe vermeidet aber hoffentlich noch größere Verwerfungen.“
Mehrkosten umlegen
Das von der Bundesregierung geplante Umlagesystem, in dem die Mehrkosten der Ersatzbeschaffung umgelegt werden, ist nach Überzeugung von Kehler eine sinnvolle Alternative insbesondere für Gashändler und Industriekunden. „Ohne Regeln zur Preisanpassung drohen Insolvenzen. Daher ist es richtig, dass der Staat hier unterstützend eingreift. Die Mehrkosten werden von allen Verbrauchern gemeinsam getragen werden müssen.“
„Wichtig“, so der Vorstand des Branchenverbandes der deutschen Gaswirtschaft „ist es nun, die Anstrengungen zum Ausbau der geplanten LNG-Kapazitäten weiter zu intensivieren. Die Bundesregierung hat sehr schnell gehandelt und das Chartern von vier Floating Storage and Regasification Units (FSRU) ermöglicht. Doch bislang kennen wir nur von einem dieser schwimmenden LNG-Terminals mit Wilhelmshaven eine klare Umsetzungsperspektive.
Die geplanten stationären Terminals haben weiterhin keine abschließenden Investitionsentscheidungen. Hier und bei einigen weiteren regulatorischen Fragen benötigt die Branche endlich Klarheit. Um im kommenden Jahr, wie vom BMWK beschrieben, eine Kapazität von 13 Milliarden Kubikmetern Erdgas über die LNG-Terminals zu erreichen, muss beim Auf- und Ausbau der Kapazitäten weiter Tempo gemacht werden.”
Gurkmann will drittes Entlastungspaket
Jutta Gurkmann, Vorständin des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), fordert, dass Gewinne in der Krise bei Kraftstoff, Gas oder Öl nicht zulasten der Verbraucher an Unternehmen fließen dürfen. Hier müsse die Bundesregierung einen Riegel vorschieben. Es brauche ein drittes Entlastungspaket.
Zudem müsse Paragraf 24 des Energiesicherungsgesetzes überarbeitet werden. Es könne nicht sein, dass in der Notlage Verbraucher binnen einer Woche gegebenenfalls unbegrenzte Preissteigerungen hinnehmen müssen. „Viele könnten die Energiepreise schon jetzt nicht mehr stemmen. Eine quasi ungefilterte Preissteigerung würde zu einer Überbelastung vieler führen. Hier muss nachgebessert werden“, so Gurkmann.
DIHK für fairen Ausgleich zwischen Versorgern und Kunden
Eine wahrscheinliche Preisexplosion beim Gas treibt auch DIHK-Präsident Peter Adrian um. Er macht sich für einen fairen Ausgleich zwischen den Gasversorgern und den Gaskunden stark. Sonst bestehe die Gefahr, dass insbesondere Unternehmen in der energieintensiven Industrie ihre Produktion einstellen und in der Folge Insolvenzen drohen. Letztlich würden die höheren Preise auch die Verbraucher treffen.
Die Politik sollte es den Unternehmen daher erlauben, kurzfristig von Gas auf Heizöl oder Kohle umzusteigen. „Dem stehen bislang aber noch umweltrechtliche Vorschiften im Weg. Auch sollten die staatlichen Notfallzahlungen kurzfristig auf gasintensive Betriebe ausgeweitet werden.“
Bitkom: Mit digitalen Lösungen Verbrauch und Kosten senken
Für den Bitkom erneuerte Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder die Forderung an den Gesetzgeber, für mehr Transparenz beim Heizen zu sorgen.Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssten nun digitale Lösungen für mehr Energieeffizienz sehr viel umfassender und flächendeckend einsetzen.
Jeder Haushalt mit einer konventionellen Heizung könne mit wenigen Handgriffen smarte Heizköperthermostate installieren, um den eigenen Energieverbrauch und damit die Kosten deutlich zu senken. Handlungsbedarf gebe es auch bei Unternehmen, wo automatisierte Steuerungs- und Monitoringsysteme Verbräuche und Kosten senken könnten.
Beim Bundesverband Kraft-Wärme-Kopplung (B.KWK) zeigt man sich wenig überrascht über das Ausrufen der Gasmangellage Stufe 2. In der Hauptaufforderung bedeutet dies, dass die Bevölkerung zu Sparmaßnahmen animiert wird, erläutert Präsident Claus-Heinrich Stahl. „Bei diesen Sparmaßnahmen kann man durch eigenen Einfluss auf den tatsächlichen Verbrauch helfen der Allgemeinheit Energie zu bevorraten.“ Es sei nun wichtig, dass die Politik den Menschen vermittele "dass die deutsche Wärmeversorgung weiterhin gewährleistet ist". „Die Endkundinnen und Kunden sind geschützt“, bekräftigt Stahl.
KWK-Anlagen flexibel fahren
Hausbesitzer sollten selbst aktiv werden. Wenn die Gasanlagen und die voreingestellten Temperaturen, um ein Grad für die Raumwärme abgesenkt würden, werde sieben Prozent weniger Gas benötigt. "Wir begrüßen es, wenn die Politik den Leuten erklären würde, dass sie selbst sparen können. Aber natürlich auch, dass die Branche bereits selbst daran arbeitet, Gas einzusparen, beispielsweise durch die flexiblen Fahrweisen von den Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen", so der B.KWK-Chef. (amo)



