Von Ariane Mohl und Andreas Baumer
Wer noch einen Weckruf benötigte, welche Bedrohung der Klimawandel für Deutschland darstellt, der bekam ihn diese Woche vom Bundesnachrichtendienst. Dieser veröffentlichte zusammen mit Wissenschaftlern einen 77-seitigen Report, in dem er unter anderem vor Ernteausfällen und Preisschocks warnte. Demnach ist der Klimawandel neben Russland, China, dem Terrorismus und Cyberangriffen einer der "fünf großen externen Bedrohungen für unser Land". Die Studie wurde vom grün geführten Bundesaußenministerium in Auftrag gegeben.
Die Energiewende ist die deutsche Antwort auf den Klimawandel. Die Ampelkoalition hatte sich 2021 vorgenommen, den Turbo einzulegen. Und wie ist die Bilanz nun, kurz bevor Deutschland einen neuen Bundestag wählt? Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) prüft in ihrem Ampel-Monitor fortlaufend, wie groß die Lücke zwischen aktuellem Stand und energiepolitischen Zielen für das Jahr 2030 noch ist. Ergebnis: Die Lücke ist weiterhin groß. Aber: "Die Energiewende in Deutschland hat unter der Ampel-Koalition deutliche Fortschritte gemacht – vor allem im Vergleich zur Vorgängerregierung", hält das Institut fest. Ein Überblick:
Der Ampel-Monitor zeigt, dass bei den meisten betrachteten Indikatoren eine große Lücke zwischen dem aktuellen Stand und den Regierungszielen für das Jahr 2030 klafft. Hier ist eine Auswahl von sieben wichtigen Indikatoren dargestellt. Die Lücken sind bei grünem Wasserstoff und der Elektromobilität am größten, gefolgt vom Ausbau der Windkraft auf See und der Wärmepumpen.
1. Photovoltaik: Bei der Photovoltaik (PV) hatte sich die Ampel sehr ambitionierte Ziele gesetzt. Bis 2030 wollte sie eine installierte Leistung von 215 Gigawatt (GW) erreichen – mehr als doppelt so viel wie zuvor die Große Koalition (GroKo) mit 100 GW. Hier hat die Ampel laut der DIW-Analyse nicht zu viel versprochen: In den Jahren 2023 und 2024 wurden neue Ausbaurekorde erreicht. Die installierte Leistung ist gegenüber dem Ampel-Start um rund zwei Drittel auf fast 100 GW Ende 2024 gestiegen.
Laut der DIW-Analyse liegt der PV-Ausbau damit aktuell sogar über dem EEG-Zielpfad. Dass PV boomt, liegt nach DIW-Einschätzung vor allem an vielen relativ kleinen Anlagen auf Dächern. Studienautor Wolf-Peter Schill zieht eine rundum positive Bilanz: Bei der Photovoltaik wurde in drei Jahren Ampel-Koalition mehr als doppelt so viel neue Leistung zugebaut wie zuvor in vier Jahren Großer Koalition.
2. Windkraft an Land: Bei der Windkraft an Land plante die Ampel mit 115 GW im Jahr 2030 – stolze 60 Prozent mehr als die GroKo (71 GW). Auch hier ist ihr laut der Analyse vieles gelungen. Allerdings ist die Windkraft an Land unter der Ampel deutlich langsamer gewachsen als die Photovoltaik. Zwischen Ende 2021 und Ende 2024 stieg die installierte Leistung um rund 14 Prozent auf knapp 64 Gigawatt – deutlich weniger als gehofft. Auch die ausgeschriebenen Mengen der Jahre 2022 bis 2024 wurden nicht erreicht.
Das DIW macht dafür nicht zuletzt die langen Planungs- und Genehmigungszeiten von Windkraftprojekten verantwortlich. Dieses Problem hat die Ampel laut der Studie bereits erkannt und gegengesteuert. Dementsprechend optimistisch blickt das DIW in die Zukunft: Die Weichen für ein zukünftig stark beschleunigtes Wachstum seien gestellt.
3. Windkraft auf See: Die Windkraft auf See ist seit dem Beginn der Ampel um 17 Prozent auf gut neun Gigawatt gewachsen, heißt es in der DIW-Analyse. Die Politik habe versucht, mehr Tempo in den Zubau zu bringen, allerdings seien die Vorlaufzeiten für neue Projekte noch länger als bei der Windkraft an Land.
4. Wärmepumpen: Der Ausbau von Wärmepumpen ist kein Ruhmesblatt für die Ampel. Zwar ist die Zahl der installierten Geräte seit Beginn der Ampel um zwei Drittel auf zuletzt knapp zwei Millionen Wärmepumpen gestiegen. Der Zubau war zuletzt jedoch stark rückläufig.
Von dem selbst gesteckten Ziel von 500.000 Geräten pro Jahr ist Deutschland weit entfernt. Der Run auf fossile Heizungssysteme ist ungebrochen. Sowohl im Jahr 2023 als auch in den ersten drei Quartalen des Jahres 2024 wurden gut zweieinhalbmal so viele neue Gas- oder Ölheizungen eingebaut wie neue Wärmepumpen, schreibt das DIW.
5. E-Autos: Nicht recht vom Fleck kommt auch die E-Mobilität. Die Zahl der in Deutschland zugelassenen batterieelektrischen Autos hat sich unter der Ampel zwar auf rund 1,7 Millionen erhöht – fast eine Verdreifachung. Dieser Zuwachs ist laut DIW jedoch deutlich zu gering, um das Ziel von 15 Millionen E-Autos im Jahr 2030 zu erreichen.
Laut der Studie gibt es immer noch zu wenige bezahlbare E-Auto-Modelle. Auch das abrupte Auslaufen der Kaufprämie Ende 2023 sei fatal gewesen.
6. Ladepunkte: Hier räumt das DIW mit einem Vorurteil auf: Zu wenige Ladepunkte seien nämlich nicht die Ursache für die E-Auto-Flaute. Laut der Studie gab es zum 1. Dezember 2024 154.000 öffentliche Ladepunkte in Deutschland, davon gut 20 Prozent Schnelllader.
Die Zahl der öffentlichen Ladepunkte, insbesondere der Schnelllader, sei zuletzt deutlich stärker gewachsen als der Fahrzeugbestand. Heißt: Wer sein E-Auto laden will, kann das in der Regel auch ohne großen Aufwand tun.
7. Elektrolyse: Und wie steht es um den Wasserstoffhochlauf? Schlecht, muss man nach der Lektüre der DIW-Analyse wohl feststellen. Es gibt nach wie vor kaum Anlagen, die grünen Wasserstoff produzieren. Von den für 2030 angestrebten zehn Gigawatt Elektrolyseleistung ist erst gut ein Prozent realisiert.
Generell gilt beim Thema Wasserstoff: Viele vage Pläne und Vorhaben, wenig Konkretes. Von der Ampel auf den Weg gebrachte Maßnahmen wie die Planung und Finanzierung des Wasserstoff-Kernnetzes haben bislang nicht für den Durchbruch beim Wasserstoff gesorgt.
Das Fazit der DIW-Forscher: Die Ampel habe sich viel vorgenommen und große Fortschritte bei der Energiewende gemacht – und das trotz der widrigen Umstände infolge des Angriffskriegs gegen die Ukraine. Die Energiepolitik der Ampel sei also besser als ihr Ruf gewesen, so das DIW.



