Die Suche nach einem Endlager für den deutschen Atommüll wird sich nach Angaben des Bundesumweltministeriums über das angestrebte Datum 2031 hinaus verzögern. Wie das Ministerium am Donnerstag erklärte, kann das Verfahren "unter Berücksichtigung der hohen Anforderungen an die Auswahl des Standortes mit der bestmöglichen Sicherheit nicht bis zum Jahr 2031 abgeschlossen werden". Bislang wollte Deutschland bis dahin den Standort für die Entsorgung seiner hochradioaktiven Abfälle festgelegt haben. Die "Ostsee-Zeitung" hatte bereits vor einigen Tagen unter Berufung auf das Bundesamt für die Sicherheit nuklearer Entsorgung (BASE) über Verzögerungen im Zeitplan berichtet.
In seiner Bestätigung des nun nicht mehr zu haltenden Datums stützt sich das Ministerium von Steffi Lemke (Grüne) auf ein Papier der mit der Endlagersuche betrauten Bundesgesellschaft für Endlagerung mbH (BGE). In diesem Papier würden "erstmals unter Berücksichtigung von Terminrisiken und Beschleunigungspotenzialen Zeitkorridore für sämtliche Phasen des Standortauswahlverfahrens dargestellt", hieß es. Dem Grundsatz der bestmöglichen Sicherheit hätten sich auch Zeitvorgaben unterzuordnen, schlussfolgert das Umweltministerium.
Ab 2050 sollte das Endlager in Betrieb gehen
Die Suche nach einem Endlager für den in Deutschland verursachten hochradioaktiven Müll gestaltet sich seit Jahren schwierig. Trotz zäher Verfahren sollte bis 2031 ein Standort feststehen. Ab 2050 sollte das Endlager in Betrieb genommen werden. Im sogenannten Standortauswahlgesetz ist dazu explizit festgehalten: "Die Festlegung des Standortes wird für das Jahr 2031 angestrebt."
Zur Verzögerung teilte das BASE, das in Deutschland die Endlager-Suche beaufsichtigt, am Donnerstag auf dpa-Anfrage mit: "Der mit der Suche beauftragte Vorhabensträger – die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) mbH – hat dem BASE als Aufsicht über das Auswahlverfahren bislang keinen Plan vorgelegt, wie er innerhalb der verbleibenden neun Jahre das in der Tat umfangreiche Verfahren durchführen kann."
Bundesumweltministerium kündigt Gespräche an
Das Bundesumweltministerium erklärte, dass es nun mit der für die Standortsuche verantwortlichen Gesellschaft und dem BASE Gespräche über den weiteren Ablauf und die Schlussfolgerungen aus dem überholten Zeitplan ziehen werde.
Zur Beteiligung der Bevölkerung hat die BGE bereits viele Gespräche geführt. Die Zahl der in Frage kommenden Gebiete hat sie unter Berücksichtigung von Ausschlusskriterien auf 90 eingegrenzt. 54 Prozent der Fläche Deutschlands gelten demnach als geologisch geeignet, das künftige Atommüll-Endlager zu beherbergen. Im nächsten Schritt steht mittels Sicherheitsuntersuchungen eine deutliche Reduzierung auf ungefähr zehn Standortregionen an.
Weltweit noch kein einziges Endlager in Betrieb
Es könnten auch mehr oder weniger werden, sagte BGE-Sprecherin Monika Hotopp am Donnerstag. Mit einem Ergebnis sei erst in "einigen wenigen Jahren" zu rechnen. Der Zeitplan sei von Beginn an sehr ambitioniert gewesen. Schon bei den ersten Schritten habe man gesehen, dass es einfach länger dauere. "Die Sicherheit steht einfach im Vordergrund." Mitunter muss die BGE wissenschaftliche Methoden erst erarbeiten.
Nach Auskunft des Umweltministeriums steht Deutschland ohne Endlager nicht allein da. Mehr als 60 Jahre nach Einstieg in die Atomkraft sei weltweit noch kein Endlager für hochradioaktiven Müll in Betrieb.
Genehmigung für Zwischenlager Gorleben läuft 2034 aus
Bislang lagert hochradioaktiver Müll an 16 über Deutschland verteilten Zwischenlagerstandorten. Eigentlich sollte das Endlager ab 2050 in Betrieb gehen. Da auch dieses Ziel nun nicht mehr zu halten sein dürfte, könnte der Abfall länger in den Zwischenlagern verbleiben.
Laut einer BASE-Sprecherin läuft als erstes die Genehmigung für das Zwischenlager Gorleben aus. Das sei 2034 der Fall. Für einen Großteil der Zwischenlager liefen die Genehmigungen dann in den 2040er Jahren aus. "Sofern die Betreiber der Zwischenlager eine Verlängerung der Genehmigung für notwendig erkennen, sind rechtzeitig vor Ablauf Neugenehmigungen beim BASE zu beantragen." Dabei müssten auch Sicherheitsfragen, die sich aus einer verlängerten Lagerung ergeben, vollständig beantwortet werden.
Nur Endlager bietet erforderlichen Langzeitschutz
Sie betonte, die Zwischenlager seien keine Dauerlösung. "Nur ein sicheres Endlager in tiefen geologischen Schichten bietet den erforderlichen Langzeitschutz vor den hochradioaktiven Abfällen." Bis ein solches vorhanden sei, seien die Zwischenlager weiter zu betreiben - "auf dem jeweils aktuellen wissenschaftlich begründeten Sicherheitsstand".
Im vorpommerschen Lubmin soll wegen gestiegener Sicherheitsstandards nach längerer Zeit in Deutschland wieder ein Zwischenlager-Neubau entstehen - in Nachbarschaft zu einem bestehenden Zwischenlager. Auch mit Blick auf die erwartbar längere Zeit der Zwischenlagerung fordern Kritiker für den Neubau eine sogenannte heiße Zelle, in der unter entsprechendem Schutz gegebenenfalls defekte Castor-Behälter geöffnet werden können. Dies ist bisher nicht vorgesehen. (dpa/hil)



