Nach dem Terroranschlag auf das Berliner Stromnetz im Januar hat eine Expertenkommission ihren Abschlussbericht vorgelegt. Sie fordert verbindliche Autarkiepflichten für Betreiber kritischer Infrastruktur und deckt ein bislang unterschätztes Defizit bei privaten Solaranlagen auf.
Ein Anschlag brachte Berlin an die Grenze
Am 3. Januar 2026 gegen sechs Uhr morgens zerstörte ein Terroranschlag mehrere Hochspannungskabel an einer Kabelbrücke des Kraftwerks Lichterfelde. Rund 45.000 Haushalte, mehr als 100.000 Menschen und 2200 Gewerbebetriebe im Bezirk Steglitz-Zehlendorf blieben daraufhin tagelang ohne Strom, mitten im Winterfrost. Erst am 7. Januar floss wieder durchgängig Strom; die Großschadenslage endete formal zwei Tage später.
Mitglieder der Expertenkommission:
- der frühere THW-Präsident Albrecht Broemme
- Charité-Vorstandschef Heyo Kroemer
- Brigadegeneral a. D. Uwe Nerger
- die frühere BVG- und DB-Cargo-Chefin Sigrid Nikutta
Am Montag stellte die vierköpfige Expertenkommission ihren Bericht vor. Ihr zentraler Befund lautet, dass weniger als fünf Prozent der Stadtfläche und drei Prozent der Berliner Bevölkerung betroffen waren und Berlin dennoch an seine Belastungsgrenze geriet.
Sieben Leitlinien, mehr als 150 Maßnahmen
Die Kommission fasst ihre Analyse in sieben übergeordneten Handlungsempfehlungen zusammen, denen mehr als 150 Einzelmaßnahmen zugeordnet sind. Eine davon ist die Einführung eines Chief Resilience Officer (CRO), der die Resilienzpolitik künftig ressortübergreifend bündeln soll. Wo die Position in Zukunft angesiedelt werden könnte ist bisher noch unklar. Wenn es nach Innensenatorin Iris Spranger geht, sollte ein zukünftiger CRO auf Staatssekretärsebene in der Senatskanzlei angesiedelt werden, wie die SPD-Frau bei der Pressekonferenz zu verstehen gab.
Auch die Bevölkerung nimmt der Bericht in die Pflicht. Die Eigenvorsorge der Berlinerinnen und Berliner sei beim Stromausfall mangelhaft gewesen, es habe an konkreter, alltagstauglicher Vorbereitung gefehlt. "Einsatzkräfte haben viele Dinge übernommen, die Teil der Selbstvorsorge und nicht der Daseinsvorsorge waren", sagte etwa Uwe Nerger auf der Pressekonferenz. Künftig solle deshalb eine regelmäßige Übungs- und Lernkultur entstehen, die auch Anwohnerinnen und Anwohner einbezieht.
Zehn Tage auf eigene Faust
Für Energieversorger und andere Betreiber kritischer Infrastruktur (Kritis) fordert der Bericht konkrete Resilienzvorgaben. Als Sofortmaßnahme sollen sie sich zu einer 72-Stunden-Autarkiepflicht für den Notbetrieb verpflichten, mittelfristig zu einer Zehn-Tage-Pflicht. Bis spätestens 2029 fordert die Kommission von allen Akteuren, die an einem Berliner Krisenfall beteiligt sind, den autonomen Betrieb ihrer Kernfunktionen über zehn Tage sicherzustellen. Der regierende Bürgermeister, Kai Wegner (CDU), stellte auf der Pressekonferenz jedoch auch klar: "Der Bericht zeichnet ein Idealbild". Und wies darauf hin, "es gibt noch viel mehr kritische Infrastruktur als die Energienetze".
Auch Mobilfunkanbieter müssten nachziehen, denn ihre Basisstationen halten derzeit nur rund 30 Minuten Pufferbatterie durch. Die Kommission fordert mindestens 72 Stunden – dafür brauche es eine bundeseinheitliche Regelung.
95 Prozent der Solaranlagen lieferten keinen Strom
Besonders alarmierend ist ein weiterer Befund. Rund 95 Prozent der Berliner Photovoltaikanlagen lieferten während des Ausfalls trotz vorhandener Dachanlage keinen Strom, weil ihnen die Inselbetriebsfähigkeit fehlt. Das Defizit war laut Bericht bis dahin kaum bekannt.
Ähnliche Probleme wurden im Wärmebereich deutlich. Fernwärme und Gas standen an fast allen Häusern zur Verfügung, es fehlte lediglich der Zündfunke und 20 bis 30 Watt für die Umwälzpumpe. Ein Kleinstnotstromgerät hätte gereicht. Vorbereitet war darauf so gut wie niemand, konstatiert der Bericht.
Berlin als Modellstadt
"Mein Ziel ist es, Berlin zur Modellstadt der Krisenfestigkeit zu machen", sagte Wegner bei der Vorstellung. Innensenatorin Spranger betonte, der Bericht mache deutlich, "welche umfassende Aufgabe Berlin vor sich hat, um die Resilienz der Stadt weiter zu stärken". In einem entscheidenden Punkt bestätige der Bericht sie zudem, so Spranger: Berlin benötige "deutlich mehr Geld für den Ausbau des Katastrophenschutzes".
In der anschließenden Fragerunde nannte Spranger auch die Größenordnung. Allein für Berlin sei ein dreistelliger Millionenbetrag nötig, ein Vielfaches der bislang für den Katastrophenschutz eingeplanten 22 Millionen Euro. Allein für den Aufbau eines zentralen Lagezentrums würde es einen dreistelligen Millionenbetrag brauchen, mahnte Spranger. Zuletzt sei Wegner selbst zu Besuch in der Berliner Partnerstadt Warschau gewesen und habe sich das dortige Lagezentrum angeschaut. "Wie man sich dort vorbereitet, zeigt eine klare Prioritätensetzung." Wegner würde sich eine solche Prioritätensetzung auch in der deutschen Hauptstadt wünschen.
"Wenn es einen Anschlag gibt, dann erfolgt der in Berlin", mahnte Wegner mit Blick auf die hohe Anschlagsgefahr in Berlin. Deshalb brauche es weitaus mehr Geld vom Bund.
Die Kommission mahnt zur Eile, denn der Anschlag vom 3. Januar war nach eigenen Angaben bereits der dritte terroristische Anschlag auf die Berliner Stromversorgung binnen zwei Jahren. Dabei dient ihr vorgelegter Bericht als fachliche Grundlage. Die endgültigen Entscheidungen werden von Senat und Abgeordnetenhaus getroffen.