Franziska Giffey, Bürgermeisterin von Berlin, wird eine Keynote auf der ZfK-Nachhaltigkeitskonferenz am 17. Juni in Berlin halten.

Franziska Giffey, Bürgermeisterin von Berlin, wird eine Keynote auf der ZfK-Nachhaltigkeitskonferenz am 17. Juni in Berlin halten.

Bild: © Britta Pedersen/dpa

Berlin will noch vor dem Jahr 2045 klimaneutral werden. Bei der Nutzung erneuerbarer Energien ist aber noch viel Luft nach oben, etwa bei der Nutzung der Solarenergie. Wie sieht Ihr konkreter Plan aus, hier voranzukommen?  

Giffey: Wir haben 2023 beim Solarausbau in Berlin eine Trendwende geschafft und mit über 10.000 neuen Solaranlagen fast dreimal so viele installiert, wie im Vorjahr. Berechnet nach neu installierter PV-Leistung in Relation zur Landesfläche lag Berlin damit bundesweit auf Platz eins. Unser Ziel ist es, bis 2035 insgesamt 25 Prozent des in Berlin erzeugten Stroms aus Sonnenkraft zu gewinnen. Das ist ambitioniert, aber machbar. Immer mehr Berlinerinnen und Berliner machen beim Solarausbau mit, weil sie damit einen Beitrag zum Klimaschutz leisten und zugleich ihre Energiekosten senken können. Darauf zielt auch unsere neue landesweite Solar-Kampagne, die wir jetzt starten: Solar zahlt sich aus, für Privathaushalte und Unternehmen. Dabei unterstützen wir den Solarausbau gezielt mit unserem Förderprogramm "SolarPLUS", das seit Februar 2023 auch 500-Euro-Zuschüsse für Balkonkraftwerke anbietet. Fast 8.000 Bewilligungen sind bereits erfolgt, das Programm läuft wie geschnitten Brot. Die Vereinfachungen für die Installation und den Betrieb von Balkonkraftwerken durch das Solarpaket 1, das gerade im Bund beschlossen wurde, werden das noch verstärken.  

„Mit einem erweiterten Bohrprogramm wollen wir das Potenzial der Tiefen-Geothermie ausloten.“

Welches Potenzial sehen Sie für die Hauptstadt bei der Windkraft und bei der Geothermie? Die Nutzung dieser erneuerbaren Energiequellen ist in einer Millionenstadt ja ein ambitioniertes Unterfangen.

Giffey: Im verdichteten urbanen Raum der Hauptstadt wollen wir zeigen, wie saubere Energieversorgung in Metropolen geht. Die Solarkraft alleine wird dafür nicht reichen. Es kommt auf einen Mix aus verschiedenen erneuerbaren Energiequellen an, um unser Ziel zu erreichen. Wir haben im Senat vergangenes Jahr die Roadmap für die Entwicklung der Tiefen-Geothermie in Berlin beschlossen. Mit einem erweiterten Bohrprogramm wollen wir das Potenzial der Tiefen-Geothermie ausloten und die 3D-seismischen Messungen zur Schaffung der nötigen Planungsgrundlagen auf das gesamte Stadtgebiet ausdehnen. Das Investitionsrisiko für Unternehmen soll gesenkt werden und für einen beschleunigten Ausbau der Tiefen-Geothermie sorgen. Für die Windkraft hat meine Senatsverwaltung erstmals eine umfassende, wissenschaftlich unterlegte Potenzialanalyse vorgestellt. Die bundesgesetzlich vorgeschriebene Ausweisung von 0,5 Prozent der Landesfläche für Windvorranggebiete ist für einen wachsenden Stadtstaat mit fast vier Millionen Einwohnern natürlich eine ziemliche Herausforderung. Wir sprechen mit anderen Bundesländern über Zusammenarbeit, aber unser Anspruch ist schon, dieses Ziel soweit es geht auch selbst zu erfüllen.

„Wir arbeiten mit Brandenburg in Energiefragen sehr eng zusammen, sowohl beim Ausbau der Stromnetze, als auch beim Thema Wasserstoff.“

Berlin wird auch im Erneuerbaren-Zeitalter seinen Energiebedarf nicht selbst decken können und auf die Flächenländer angewiesen sein. Wie wollen Sie in dieser Frage künftig etwa mit Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zusammenarbeiten?

Giffey: Richtig, Berlin braucht seine Nachbarn. Unsere Erzeugungskapazitäten für erneuerbare Energien sind begrenzt und sie werden auch nicht ausreichen, erst recht nicht angesichts der zunehmenden Elektrifizierung der Mobilität und weiterer Sektoren. Wir arbeiten mit Brandenburg in Energiefragen sehr eng zusammen, sowohl beim Ausbau der Stromnetze als auch beim Thema Wasserstoff. Wir haben unser gemeinsames Landesamt für Bergbau, Energie und Rohstoffe deutlich verstärkt, um die notwendigen Planungs- und Genehmigungsprozesse zu beschleunigen. Wir haben eine gemeinsame Wasserstoff-Roadmap definiert und setzen uns gemeinsam auch mit Mecklenburg-Vorpommern dafür ein, dass unsere Region von dem Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft nachhaltig profitieren kann. Ostdeutschland insgesamt spielt in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle – wir wollen nicht nur Rohstofflieferanten sein, sondern den im Osten erzeugten grünen Wasserstoff für unsere Wirtschaft und unsere Bürger zum Einsatz bringen. Das ist ökologisch und ökonomisch sinnvoll und ein wichtiger Standortvorteil für die Metropolregion und ganz Ostdeutschland.

„Wir planen ein Wasserstoffnetz, das an das deutsche Kernnetz angeschlossen ist und mit ertüchtigten Gasleitungen zunächst Kraftwerke und große Abnehmer beliefert.“

Welche Rolle spielt Wasserstoff für die künftige Energieversorgung Berlins? Wird es eine Wasserstoffproduktion in Berlin geben und ist ein Anschluss an das geplante H2-Kernnetz vorgesehen?

Giffey: Grüner Wasserstoff ist ein wichtiger Baustein für unsere zukünftige Energieversorgung und für die Transformation unserer Wirtschaft. In welchen Bereichen der Einsatz am sinnvollsten ist, zu welchem Zeitpunkt und mit welchem Aufwand, wird unter anderem im Rahmen des H2Berlin-Netzwerks verfolgt und in Pilotvorhaben geprüft. Berlin verfügt bereits über Elektrolyseprojekte und es gibt weitere Pläne von Unternehmen für die Errichtung von Wasserstofffabriken. Das allein wird unseren Bedarf aber nicht decken. Wir brauchen ganz klar den Anschluss an das Wasserstoff-Backbone des Bundes und sind dazu auch im Gespräch. Wir planen in Berlin ein Wasserstoffnetz, das an das deutsche Kernnetz angeschlossen ist und mit ertüchtigten Gasleitungen zunächst Kraftwerke und große Abnehmer beliefert. Zusammen mit der NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg und Partnerunternehmen verfolgen wir ein Drei-Phasen-Modell. Wir gehen davon aus, dass wir in der ersten Phase bis 2030 bereits in der Lage sind, rund 50 Prozent des gesamten Berliner Gasverbrauchs durch Wasserstoff zu ersetzen. Das ist ein großer Schritt in Richtung Klimaneutralität der Wärmeversorgung und unserer Stadt.

„Im internationalen Bieterverfahren waren wir auch nicht bereit,  jeden Preis zu zahlen.“

Berlin wird sein Fernwärmenetz zurückkaufen – für rund 1,4 Milliarden Euro. Dafür muss das Land Kredite aufnehmen. Kann Berlin sich das überhaupt leisten?

Giffey: Seit dem 3. Mai ist Berlins größter Fernwärmeversorger wieder Teil der Familie der Berliner Landesunternehmen. Das waren zwei Jahre harter Arbeit. Im internationalen Bieterverfahren waren wir auch nicht bereit, jeden Preis zu zahlen. Bei der Bewertung des Unternehmens im Zuge des Kaufpreises haben wir konsequente Investitionen in den Klimaschutz als Maßstab angelegt und zahlen darum auch weniger, als einige Beobachter vorher vermutet hatten. Der Kaufpreis liegt bei 1,39 Milliarden Euro. Der Gegenwert sind neun große Heizkraftwerke und ein Fernwärmenetz, das mit rund 2.000 Kilometern Länge das größte Westeuropas ist und etwa ein Drittel unserer Haushalte mit Wärme versorgt. Das ist ein guter Deal und ein zentraler Schlüssel für die Erreichung unserer Klimaschutzziele. Denn nur, wenn die Wärme klimaneutral wird, wird auch Berlin klimaneutral. Die Kommunalisierung der Wärmeversorgung ist deshalb die wichtigste energiepolitische Weichenstellung in diesem Jahrzehnt und eine Schlüsselinvestition in unsere Zukunft. Berlin kann damit Vorbild für viele andere Kommunen mit Fernwärmesystemen in Deutschland sein. Wenn die Transformation hier gelingen kann, dann gelingt sie auch an anderen Orten in diesem Land.

Müssen Fernwärmekunden sich auf höhere Preise einstellen? Der Kauf muss ja irgendwie finanziert werden. Zudem stehen große Investitionen in den Ausbau der Fernwärme an.

Giffey: Das Beispiel der Berliner Wasserbetriebe zeigt, dass man Investitionen aus den Gewinnen eines gesunden Unternehmens bedienen und zugleich die Preisstabilität gewährleisten kann. Dabei wird im erheblichen Maße in die Wasserinfrastruktur der Stadt investiert, nicht zuletzt, um uns auf die Folgen des Klimawandels vorzubereiten. Milliardeninvestitionen wird auch der Umbau der Wärmeversorgung in Berlin benötigen, das ist klar. Wie genau sich die Preise entwickeln werden, kann man heute noch nicht seriös sagen. Wärme soll aber bezahlbar sein, das gehört zu den Zielen der Rekommunalisierung. Und eines ist sicher: Der Preis für die notwendigen Investitionen wird nicht einfach auf die Kundinnen und Kunden abgewälzt, damit am Ende ein internationaler Investor oder seine Aktionäre mit der Rendite happy sind.

„Wir haben in Berlin einen großen Vorteil – mit unserer exzellenten Forschungslandschaft sind wir nah am Puls der technologischen Entwicklungen.“ 

Wie soll die Wärmeversorgung der Hauptstadt in Zukunft insgesamt aussehen? Auf welche Technologien setzen Sie jenseits der Fernwärme?

Giffey: Derzeit erarbeitet der Senat auf Basis unserer Wärmestrategie die gesamtstädtische Wärmeplanung. Neben dem bereits angesprochenen Energiemix werden natürlich auch Wärmepumpen eine Rolle spielen. Dabei werden neben der Fernwärme sowohl kleine dezentrale Lösungen als auch Quartiersversorgungen zum Einsatz kommen. Es sind bereits erste große Wärmepumpen in Betrieb, etwa in Berlin-Schöneweide, wo sie Wärme aus dem Spreewasser ziehen. Neue Wege gehen wir auch bei der Nutzung des Abwassers. Mit einer Temperatur zwischen 12 bis 20 Grad ist es ein beständiger Abwärmelieferant. Noch sind es Pilotvorhaben, aber sie habe eine wichtige Signalwirkung, weil sie aufzeigen, was technologisch inzwischen möglich ist. Wir haben in Berlin einen großen Vorteil – mit unserer exzellenten Forschungslandschaft sind wir nah am Puls der technologischen Entwicklungen und können sie auch direkt in der Stadt erproben und zum Einsatz bringen. Dazu kommen noch viele Unternehmen, von Start-ups bis Industrie, die an neuen Lösungen für den Energie- und Wärmesektor arbeiten. Wie zum Beispiel die MAN Energy Solutions, die in Berlin Komponenten für Großwärmepumpen herstellt.

(Das Interview führten Klaus Hinkel und Ariane Mohl)

Franziska Giffey, Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe, wird auf der ZfK-Nachhaltigkeitskonferenz am 17. Juni 2024 in Berlin eine Keynote halten. Zur Anmeldung geht es hier.

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