Die Energiewirtschaft in Deutschland muss sich nach Ansicht des Präsidenten der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, endgültig vom jahrzehntelang gültigen Bild des verlässlichen Gaslieferanten Russland verabschieden. „Die Regel, das Russland sich an Verträge hält, gilt nicht mehr“, sagte Müller am Montag auf einer Diskussion auf dem „Führungstreffen Energie“ in Essen. Der russische Präsident Wladimir Putin habe Ende vergangener Woche auf dem Wirtschaftsforum in St. Petersburg betont, die „neuen Marktbedingungen diktieren“ zu wollen. „Im Kern führt Russland einen Wirtschaftskrieg gegen Europa und insbesondere auch gegen Deutschland“, sagte Müller.
In der Folge werde auch für die Bundesnetzagentur das Thema Versorgungssicherheit eine noch größere Rolle bekommen. Dabei drohe bei der Stromversorgung aktuell keine Mangellage, „das Problem ist die Gasversorgung“. Müller verwies auf den derzeitigen Gas-Großhandelspreis von bis zu 120 Euro je Megawattstunde. „Das ist der härteste Energiespareintreiber, den es gibt.“ Im Moment habe für die Regulierungsbehörde oberste Priorität, eine Gasnotlage zu vermeiden. Eine Prognose für die kommenden Monate sei jedoch unmöglich. „Es gibt zu viele Unbekannte bis dahin“, sagte der Behördenpräsident.
„Zeiten billigen Gases sind vorbei“
Die Bundesregierung werde ihre Bemühungen, veränderte Versorgungsstrukturen aufzubauen, weiter forcieren, sagte Oliver Krischer, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz. Das Gasspeichergesetz sei ein erster Schritt dahin. „Die Zeiten billigen Gases sind vorbei“, so der Grünen-Politiker. Vor dem Hintergrund der jüngsten Lieferbeschränkungen Russlands könne nicht ausgeschlossen werden, dass „irgendwann in nächster Zeit der Gasfluss aus Russland ganz versiegt“.
Die beiden größten Herausforderung der Energiepolitik seien deshalb, die Versorgungssicherheit für den kommenden Winter angesichts knapper Gaslieferungen sicherzustellen und die Belastungen durch die explodierenden Energiepreise zu kompensieren. „Das Entlastungspaket reicht nicht aus“, erklärte Krischer.
Energiearmut und Abwanderung von Unternehmen
Vor erheblichen Verwerfungen durch die jüngste Preisexplosion an den Energiemärkten warnte Eon-Vorstand Thomas König. „Uns droht auf der einen Seite Energiearmut durch die Belastung der Haushalte und auf der anderen Seite eine Abwanderung von energieintensiven Unternehmen“, erklärte König. Dazu komme eine strukturelle Mangellage, es gebe einfach physisch zu wenig Gas.
„Die Lage ist ernst“, betonte der COO Networks beim Essener Dax-Konzern. Angesichts der akuten Gasmangellage bereite sich Eon derzeit intensiv auf die konkreten Konsequenzen vor. „Wir gehen gerade unsere Kundenliste durch, um zu definieren: Wer ist denn wirlich systemrelevant?“, sagte König weiter. Auch vielen Kunden sei gar nicht bewusst, welche Folgen ein Gaslieferstopp für ihre Unternehmenssituation habe.
Kunden werden zunehmend nervöser
Torsten Maus, Vorsitzender der Geschäftsführung von EWE Netz, forderte die Bundesnetzagentur auf, klare Spielregeln für eine mögliche Gasnotlage festzulegen. „Denn wir werden schnell reagieren müssen, wenn es soweit ist“, sagte Maus. Die Kunden kämen „immer mehr in eine Nervosität rein“, so der EWE-Manager. „Sie merken, der Ernstfall kommt näher.“ (hil)



