Markus Krebber, RWE-Vorstandsvorsitzender, beantwortet Fragen von Journalisten. Der Energiekonzern RWE legt die Jahreszahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr vor.

Markus Krebber, RWE-Vorstandsvorsitzender, beantwortet Fragen von Journalisten. Der Energiekonzern RWE legt die Jahreszahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr vor.

Bild: © Federico Gambarini/dpa 

"Entscheidend ist, dass die langfristigen Klimaschutzziele möglichst kosteneffizient erreicht werden", heißt es weiter im Positonspapier von Eon-Chef Leonhard Birnbaum (Bild) und RWE-Chef Markus Krebber.Bild: © Eon

Durch eine bedarfsgerechtere Umsetzung der Energiewende und des Erneuerbaren-Ausbaus kann in den nächsten Jahren ein dreistelliger Milliardenbetrag für die Stromkunden eingespart werden. Davon zeigen sich RWE-Chef Markus Krebber und Eon-Chef Leonhard Birnbaum in einem am Wochenende veröffentlichten Positionspapier überzeugt.

Aktuell erfolge die Energiesystemplanung in Deutschland nicht bedarfsgerecht, sondern basierend auf energiepolitischen Zielen. "Um eine Überdimensionierung des Gesamtsystems und der Netze zu vermeiden, bedarf es realistischer Szenarien, beispielsweise in Bezug auf die unterstellte Stromnachfrage", heißt es weiter. Dazu gelte es, den unterstellten nötigen Netzausbau genau zu überprüfen und kritisch zu hinterfragen, bevor teure Netzausbauentscheidungen getroffen werden, die im Nachhinein vermeidbar gewesen wären. Auch die technologiespezifischen Erneuerbaren-Ausbauziele sollten in diesem Rahmen genau überprüft werden.

Anpassungsfähig werden auf dem Weg zu den langfristigen Klimazielen

Insgesamt sei eine robuste Planungsgrundlage für die Infrastrukturentwicklung bis 2035/37 erforderlich, die unterschiedlichen Optionen für den weiteren Dekarbonisierungspfad danach eröffne. "Der Strombedarf wird beispielsweise von der Geschwindigkeit der Elektrifizierung des Verkehrs- und Wärmesektors sowie der Industrie abhängen. Hierfür sollten unterschiedliche Szenarien berücksichtigt werden", so Krebber und Birnbaum weiter.

Bei der Energiesystemplanung müsse daher zwischen Investitionen in Erneuerbare und Netze, die sich volkswirtschaftlich in jedem Fall rentierten und Investitionen, die nur dann notwendig werden und sinnvoll sind, wenn sich bestimmte Entwicklungen mit einer gewissen Verlässlichkeit abzeichneten, unterschieden werden.

"Dies ermöglicht Anfang der 2030er Jahre im Lichte der bis dann gemachten Erfahrungen den weiteren Weg anzupassen, ohne bereits große Kosten aus Investitionen, die nicht vom Bedarf gedeckt werden, verursacht zu haben", zeigen sich die beiden Konzernchefs überzeugt. Die langfristigen Klimaschutzziele sollten deshalb aber nicht vernachlässigt werden. Entscheidend sei vielmehr, dass diese Ziele möglichst kosteneffizient erreicht würden.

"Erfüllungsoptionen nicht bis ins kleinste Teil ausbuchstabieren"

Die Energiewende der letzten Jahre sei generell durch eine "Planverliebtheit" und zu viel Regulatorik von oben gekennzeichnet gewesen. Statt wie beim Gebäudeenergiegesetz Misstrauen zum Ausgangspunkt legislatorischer Arbeit der Ministerialbürokratie zu machen, müsse Regierungshandeln zukünftig vielmehr den Mut aufbringen, mehr Freiräume in der Anwendung zu gewähren. 

"Erfüllungsoptionen müssen nicht bis ins kleinste Teil ausbuchstabiert werden. Es genügt, Leitplanken zu setzen und jedem selbst die Entscheidung zu überlassen, welche Spur auf dem Weg zur Klimaneutralität für ihn die angemessene ist", stellen die beiden Manager klar.Die große Mehrheit der Gesellschaft wolle dieses Ziel mitgehen, allerdings ohne administrative Bevormundung.

Leitinstrument für den Klimaschutz sei der Markt für Emissionszertifikate. Mittels des Preissignals sorge dieser Markt für eine kosteneffiziente Dekarbonisierung, heißt es in dem Papier weiter.Nachdem Deutschland bei der Dekarbonisierung des Stromsektors weitreichende Fortschritte gemacht habe, müsse in den nächsten Jahren die Dekarbonisierung des Verkehrs- und Wärmesektors in den Vordergrund rücken.

CO2-Preissignal sorgt für kosteneffiziente Dekarbonisierung

Ein starkes und mit einer gewissen Verlässlichkeit antizipierbares CO2-Preissignal werde rasche Fortschritte bringen und dazu führen, dass die jeweils kosteneffizienteste Option gewählt werde. "In vielen Fällen wird dies nach heutigem Stand Elektrifizierung sein. Grüne oder kohlenstoffarme Gase sowie Fernwärmelösungen werden in einigen Fällen als Alternative infrage kommen", schreiben die beiden Energiemanager.

Neues Marktregelwerk für Erneuerbaren-Ausbau erforderlich

Um die Kosteneffizienz des weiteren Ausbaus der erneuerbaren Energien sicherzustellen, sollte das EEG durch ein neues Marktregelwerk ersetzt werden. Dazu gehöre auch eineÜberprüfung der bestehenden technologiespezifischen Kapazitätsziele in Gigawatt für den Erneuerbaren-Ausbau, insbesondere der in Bezug auf die Systemkosten teure Ausbau des "Entenschnabels" mit Wind-auf-See sei zu hinterfragen. Stattdessen sollte die Ausrichtung und Verauktionierung des Windausbaus auf See an realistisch erzielbaren Winderträgen in TWh als Zielgröße ausgerichtet sein.

Weiterhin solle die fixe Einspeisevergütung für alle Neuanlagen im EEG abgeschafft und durch eigene Vermarktung ersetzt werden. In Stunden mit negativen Strompreisen solle es keine Vergütung mehr geben. Der Erneuerbaren-Zubau müsse zudem über reine Marktsignale hinaus durch finanzielle Differenzverträge unterstützt werden. Weiterhin wird gefordert, dass Referenzertragsmodell zur Unterstützung windschwacher Standorte durch ökonomische Anreize zum effizienten Erneuerbaren-Zubau im Netz zu ersetzen.

Potenziale von Flexibilität optimal ausschöpfen

Eine immer wichtigere Rolle in einem von Erneuerbaren dominierten Stromsystem spiele die Flexibilität auf der Nachfrageseite. Unter- und Überangebot von Strom müssten sich über Preissignale abbilden. Perspektivisch könne diese Flexibilität auch helfen, die Kapazitäten im Netz besser auszunutzen und dadurch Kosten zu senken. Um hier entsprechende Anreize zu setzen, solle der Smart Meter Roll Out soll durch den Verteilnetzbetreiber verantwortet werden. Dieser könne über Geschäftsmodelle für Flexibilität kostenneutral gestaltet werden, so dass der Smart Meter für diese Verbraucher ohne zusätzliche Belastungen zur Verfügung gestellt werden könnten.

Durch Umstellung der Netzentgeltsystematik auf eine kapazitätsbasierte Berechnung könnten sich monetäre Anreize für die Anbieter von Kleinstflexibilität voll entfalten. Für sie müssten zudem geeignete Marktstrukturen entwickelt werden, damit Aggregatoren die Flexibilität in das System integrieren könnten.

Systemkosten senken durch effiziente Nutzung und Ausbau des Stromnetzes

Um die Bezahlbarkeit der Energiewende sicherzustellen, müssen die Systemkosten durch eine effizientere Nutzung und Ausbau des Stromnetzes gesenkt werden, heißt es abschließend. Der nicht netzorientierte Zubau von erneuerbaren Energien könne so nicht weitergehen. Man benötige hier zukünftig Signale für die Standortwahl, die die Situation der Netze berücksichtigen.

Dafür kämen verschiedene Instrumente in Frage, etwa eine Netzampel im Verteilnetz. Diese bildete die heutige und zukünftige Netzsituation von grün bis rot ab. Sie sollte sich dafür an den Netzausbauplänen im Verteilnetz orientieren, die auch die kommunale Flächennutzungsplanung für Erneuerbare Energien und zusätzliche Verbraucher widerspiegeln. 

Bei gelber und roter Ampel dauere der Netzanschluss länger. Zudem sollte der Investor bei Zubau von erneuerbaren Energien in ein gelbes oder rotes Netzgebiet einen höheren Anteil an den Netzausbaukosten tragen. Ähnliche Mechanismen könnten auch für den Zubau von Speichern und für zusätzliche Lasten eingeführt werden. Im Ergebnis gebe es eine starke Lenkungswirkung hin zu Standorten, die unter Netzgesichtspunkten kostengünstiger sind. 

Fokussierter und pragmatischer Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft

Eine klare Positionierung enthält das Papier auch zum Hochlauf einer Wasserstoffwirtschaft. Diese bleibe weiterhin eine relativ teure Option zur Dekarbonisierung. Das liege zu einem großen Teil an den unnötig hohen regulatorischen Hürden für die Erzeugung von "erneuerbarem" und "low-carbon" H2.  Zunächst sollte zunächst  an diesen Rahmenbedingungen gearbeitet werden (Abschaffung der Definition von grünem Wasserstoff auf EU-Ebene, Hebung von Flexibilitätspotenzialen in der Sektorkopplung). 

Ebenso gestrichen werden sollten die aktuellen Elektrolyseur-Ausbauziele. Das langfristige Ziel sollte sein, dass sich nach der Hochlaufphase der Wasserstoffmarkt anhand der Preissignale aus dem EU ETS selbständig entwickelt. In der Hochlaufphase sei allerdings eine weitergehende Unterstützung notwendig. (hoe)

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