Deutschland hat 2020 fast 740 Mio. Tonnen Treibhausgabe freigesetzt, das sind rund 70 Mio. Tonnen und damit 8,7 Prozent weniger als noch 2019. Die positiven Zahlen des Umweltbundesamtes sind jedoch teilweise auf die Einschränkungen in Folge der Corona-Pandemie zurückzuführen. Die großen Würfe in der Klimapolitik lassen jedoch auf sich warten.
Im Vergleich zu 1990 sanken die Emissionen in Deutschland um gut 40 Prozent, das ist der größte jährliche Rückgang seit dem Referenzjahr. Mit rund 38 Mio. Tonnen CO2 verzeichnet die Energiewirtschaft das größte Minus (14,5 Prozent im Vergleich zu 2019). Mit rund 221 Mio. Tonnen CO2-Äquivalenten lagen die Emissionen deutlich unter der im Bundesklimaschutzgesetz erlaubten Jahresemissionsmenge von 280 Mio. Tonnen.
Aus der Kohle fällt am stärksten ins Gewicht
Den größten Anteil an der positiven Entwicklung hat die Reduzierung der Kohleverstromung. Allein dadurch wurden 23 Mio. Tonnen eingespart. Die Emissionen aus der Steinkohle-Verstromung sanken um 13 Mio. Tonnen CO2 und das trotz der Inbetriebnahme des Kohle-Kraftwerks Datteln 4. Neben den niedrigen Gaspreisen sorgte auch der höhere CO2-Preis, der im Durchschnitt bei etwa 25 Euro pro Tonne CO2 lag, für die Abkehr von der Kohle. Der gesetzlich beschlossene Kohleausstieg wird sich erst in der Klimabilanz 2021 bemerkbar machen, denn erst Ende 2020 sind die erste Kraftwerksblöcke vom Netz gegangen.
Weniger fossile Energieträger bedeuten mehr Erneuerbare. So kletterte der Anteil der Erneuerbaren auf 45 Prozent am Bruttostromverbrauch. Gleichzeitig sank der Bruttostromverbrauch in Folge der Einschränkungen im Corona-Lockdown um mehr als vier Prozent.
Verkehrssektor profitiert maßgeblich von Corona
Auch der Verkehrssektor blieb mit 146 Mio. Tonnen CO2 unter der im Bundesklimaschutzgesetz festgelegten Grenze von 150 Mio. tonnen CO2. Das ist jedoch weitgehend den Corona-Maßnahmen zu verdanken, wie die niedrigen Absatzzahlen für Kraftstoffe und die Daten von Zählstellen an Autobahnen und Bundesstraßen belegen. Lediglich rund zwei Mio. Tonnen der Gesamtminderung von 19 Mio. Tonnen im Vergleich zu 2019 sind auf die Neuzulassungen von E-Autos zurückzuführen.
Die Landwirtschaft, die Industrie und auch der Abfallsektor bleiben ebenfalls unter ihren Emissionsgrenzen. Ausschließlich der Gebäudebereich liegt trotz einer Einsparung von 1,5 Mio. Tonnen an schädlichen Treibhausgasen über der im Klimaschutzgesetz festgelten Grenze. Statt 118 Mio. Tonnen wurden 120 Mio. Tonnen CO2 emittiert.
Fortschritt ist nicht genug
Bundesumweltministerin Svenja Schulze sieht neben den Fortschritten in der Energiewirtschaft noch großen Handlungsbedarf in anderen Bereichen: „Dass Deutschland sein Klimaziel für 2020 jetzt doch geschafft hat, ist für mich kein Grund zum Ausruhen. Das höhere EU-Klimaziel wird auch Deutschland mehr abverlangen. Darum sollte die Bundesregierung jetzt schon das geplante Ausbautempo für Wind- und Sonnenstrom in diesem Jahrzehnt verdoppeln. Auch im Gebäudesektor werden rasch weitere Maßnahmen zu prüfen sein. Dafür sorgt das neue Klimaschutzgesetz mit seinen verbindlichen Zielen für jeden einzelnen Sektor, die jetzt zum ersten Mal Wirkung entfalten.“
Auch der VKU sieht den größten Handlungsbedarf beim Ausbau der Erneuerbaren: „Noch in dieser Legislaturperiode müssen wichtige Entscheidungen für die Energiewende gefällt werden. Dazu gehören unter anderem die zügige Erhöhung der Ausbaukorridore für die erneuerbaren Energien, die Stärkung des Windenergieausbaus sowie die Beschleunigung des Repowering. Nur wenn bestehende Investitionsbremsen zügig gelöst werden, können auch die Klimaziele für 2030 erreicht werden“, kommentiert VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing die Zahlen.
Scheuer und Seehofer gefragt
Patrick Graichen, Direktor Agora Energiewende sieht neben dem BMWi noch andere Ministerin in der Pflicht: „Der Gebäudesektor verfehlt sein Sektorziel, ohne die Corona-Pandemie hätte auch der Verkehrssektor sein Ziel verfehlt. Horst Seehofer muss jetzt laut Klimaschutzgesetz ein Maßnahmenpaket vorlegen, damit der Umstieg auf klimafreundliche Wärmepumpen und die energetische Sanierung endlich in Fahrt kommt. Und tatsächlich müsste auch der Verkehrsminister deutlich nachlegen, um die CO₂-Emissionen im Verkehr nachhaltig zu senken.“
Zumindest mit den höheren Ausbauzielen für Wind und Solar könnte es bald klappen, Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hatte in letzter Zeit immer wieder angekündigt noch bis Ende März neue Ausbauvorschläge zu liefern. (lm)



