Macht sich für ein Umschwenken von der Erdverkabelung auf Freileitungen stark: Werner Götz, Chef des Übertragungsnetzbetreibers Transnet BW.

Macht sich für ein Umschwenken von der Erdverkabelung auf Freileitungen stark: Werner Götz, Chef des Übertragungsnetzbetreibers Transnet BW.

Bild: © TransnetBW

ZfK: Ihr Branchenkollege von Amprion, Hans-Jürgen Brick, hat auf dem BDEW-Kongress gewarnt, es häuften sich systemkritische Netzzustände. Die Übertragungsnetzbetreiber müssten immer öfter tief in den Kraftwerksbetrieb eingreifen, um ein hohes Grünstromaufkommen zu managen und das deutsche Stromnetz stabil zu halten. Können Sie diesen Trend bestätigen?

Götz: Unser Energiesystem befindet sich mitten im Umbruch. Dabei treten in der Tat Herausforderungen für den Netzbetrieb auf. Die Erzeugung von erneuerbarem Strom richtet sich schließlich nicht nach der Stromnachfrage, sondern nach Wind und Sonne. Und als Netzbetreiber haben wir die anspruchsvolle Aufgabe, Angebot und Nachfrage stets im Gleichgewicht zu halten. Dieser Aufgabe kommen wir nach. Für den Fall einer zu hohen Erneuerbaren-Einspeisung arbeiten wir Übertragungsnetzbetreiber beispielsweise daran, die gesetzliche Vorgabe „Nutzen statt Abregeln“ umzusetzen. Aber das geht nicht von heute auf morgen. Die Lösung hängt stark mit dem Ausbau des Wasserstoffnetzes zusammen. Denn perspektivisch soll überschüssiger Erneuerbaren-Strom in die Erzeugung von Wasserstoff gehen.

ZfK: Wie werden sich aus Ihrer Sicht die Stromimporte in den kommenden Jahren entwickeln? Im vergangenen Jahr wurden rund zehn Prozent des gesamten deutschen Stromverbrauchs aus dem Ausland gedeckt. Wird die Menge in den kommenden Jahren weiter ansteigen?

Götz: Wir erwarten auch, dass das europäische Stromhandelsaufkommen zunehmen wird – und das ist eine positive Entwicklung! Denn es zeigt, dass der europäische Binnenmarkt funktioniert und sich das günstigste Angebot durchsetzt. Wir von TransnetBW haben in der Studie „Energy System 2050“ ermittelt, dass sich der grenzüberschreitende Stromtransport bei der Umsetzung des europäischen „Green Deals“ von heute 70 auf 200 Gigawatt erhöhen wird. Um das zu ermöglichen, baut Transnet BW seine Grenzkuppelstellen aus, die sogenannten Interkonnektoren.

„Das eigentliche Problem ist die fehlende Transportkapazität von Windstrom vom windreichen Norden in den verbrauchsstarken Süden Deutschlands. Dieses Problem lösen wir nicht mit einem Gebotszonensplit.“

ZfK: Die Diskussion um eine Teilung der Stromgebotszonen in Deutschland ist noch nicht vom Tisch. Auch Brüssel hat das weiterhin im Blick. Wie ist Ihre Position dazu?

Götz: Wir halten es aus drei Gründen nicht für zielführend, einen Gebotszonensplit vorzunehmen. Erstens wird sich die viel beschworene Lenkungswirkung nicht bewahrheiten. Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt, dass Preissignale weder für Investitionen in erneuerbare Energien noch für Investitionen in gesicherte Leistung ausreichend sind. Zweitens ist das eigentliche Problem die fehlende Transportkapazität von Windstrom vom windreichen Norden in den verbrauchsstarken Süden Deutschlands. Dieses Problem lösen wir nicht mit einem Gebotszonensplit, sondern mit einem beschleunigten Netzausbau. Drittens wird sich der Erneuerbaren-Ausbau bis 2030 verdreifachen. Ein Gebotszonensplit würde für diese Dynamik zu schwerfällig und zu langwierig wirken.

„Für die drei Projekte rechnen wir mit Einsparungen von 20 bis 23 Milliarden Euro im Vergleich zur Erdverkabelung. Das entspricht etwa einer Halbierung der Kosten.“

ZfK: TransnetBW unterstützt die Initiative der Länder Baden-Württemberg und Sachsen, die Erdkabel-Pflicht zu kippen. Was versprechen Sie sich davon mit Blick auf Einsparvolumen und Projektbeschleunigung?

Götz: Wir setzen uns schon länger im Schulterschluss mit anderen Übertragungsnetzbetreibern dafür ein, bei den drei neuen Gleichstrom-Übertragungsleitungen „OstWestLink“, „NordWestLink“ und „SuedWestLink“ von der Erdverkabelung auf Freileitungen umschwenken zu können. Für die drei Projekte rechnen wir mit Einsparungen von 20 bis 23 Milliarden Euro im Vergleich zur Erdverkabelung. Das entspricht etwa einer Halbierung der Kosten. Ich freue mich dabei sehr über die Unterstützung vieler Bundesländer und vieler Fachpolitikerinnen und Fachpolitiker aus Regierung und Opposition. Auch große Verbände stehen hinter unserer Forderung. Noch ist es nicht zu spät, um bei den drei Projekten von Erdverkabelung auf Freileitung umzuschwenken, ohne die geplante Inbetriebnahme 2037 zu gefährden! Das Bundesbedarfsplangesetz wird vermutlich im August durch die Bundesregierung beschlossen und danach in den Deutschen Bundestag gegeben werden. Ich setze mich bis dahin bei jeder sich bietenden Gelegenheit dafür ein, Freileitungen wieder möglich zu machen.

ZfK: Fürchten Sie bei einer Rückkehr zu den großen Freileitungsprojekten nicht eine neue Akzeptanzdebatte?

Götz: Nein. Ich befürchte vielmehr, dass die Akzeptanz der Energiewende dauerhaft Schaden nehmen wird, wenn die Kosten für den Netzausbau über das unbedingt erforderliche Maß hinaussteigen. Die Politik sollte daher ein Interesse daran haben, die Kosten so gering wie möglich zu halten. In einer repräsentativen Umfrage, die wir beim Online-Umfrageunternehmen Civey beauftragt haben, zeigt die überwältigende Mehrheit der Befragten eine sehr klare Haltung: Der Ausbau der Stromnetze in Deutschland muss beschleunigt werden! Gleichzeitig spricht sich die große Mehrheit der Befragten flächendeckend dafür aus, beim beschleunigten Netzausbau vorrangig die Kostensteigerungen zu begrenzen, dicht gefolgt vom Abbau bürokratischer Hürden – noch vor der für uns ebenfalls wichtigen Bürgerbeteiligung.

„Am Ende sind ihre Verbote und Klagen aussichtlos, da wir im klaren gesetzlichen Auftrag handeln und unser Vorgehen juristisch abgesichert ist.“

ZfK: Und wie sieht es mit Verzögerungen durch Proteste und Klagen aus?

Götz: Hin und wieder erleben wir, dass Einzelne versuchen, unseren Netzbauprojekten Steine in den Weg zu werfen und beispielsweise mit Betretungsverboten oder Klagen bewusst zu verzögern. Das kostet uns unnötig Zeit – und die klagenden Personen auch unnötig Geld und Nerven. Denn am Ende sind ihre Verbote und Klagen aussichtlos, da wir im klaren, gesetzlichen Auftrag handeln und unser Vorgehen juristisch abgesichert ist. In dieser Welt der individuellen und lokalen Betroffenheiten würde ich mir wünschen, dass insbesondere die lokale Politik dem nicht so schnell nachgibt, sondern Rückgrat beweisen würde, wenn es um das Umsetzen der für die Energiewende notwendigen Projekte geht. Denn beim Umbau der Energielandschaft in Deutschland haben wir schlichtweg keine Zeit mehr.

ZfK: Viele Verteilnetzbetreiber sind derzeit mit enorm steigenden Anschlussbegehren konfrontiert, gerade bei kleineren Photovoltaikanlagen. Das führt nach deren Aussage zu drastisch steigender Rückspeisung in das Übertragungsnetz und zum massiven Anstieg von Redispatch. Wie sehen Sie diese Entwicklung als Übertragungsnetzbetreiber?

„Allein für das Übertragungsnetz von Transnet BW haben wir in einer wissenschaftlichen Kurzstudie ein Einsparpotenzial von 230 Millionen durch die Einbindung von Kleinstflexibilitäten in den Redispatch identifiziert.“

Götz: Ich kann nicht für die Verteilnetzbetreiber sprechen. Wir beobachten die Entwicklungen beim Netzengpassmanagement aber mit großer Sorge. Auch deshalb, weil wir als Übertragungsnetzbetreiberin in Baden-Württemberg südlich des Netzengpasses liegen. Das heißt, dass wir an fast allen Redispatch-Maßnahmen beteiligt sind. Nachdem im Jahr 2022 die Rekordsumme von über 4,2 Milliarden Euro für Netzengpassmanagementmaßnahmen aufgewendet wurde, waren es im Jahr 2023 noch über 3 Milliarden Euro. Betrachtet man jedoch die Eingriffe in die Erzeugungsleistung, so zeigt sich, dass die Redispatch-Maßnahmen trotz sinkender Kosten insgesamt zugenommen haben.

ZfK: Welche Lösungen gibt es aus Ihrer Sicht?

Götz: Jede fertiggestellte Nord-Süd-Übertragungsleitung wirkt sich reduzierend auf das Netzengpassmanagement aus. Außerdem machen wir – wie z. B. beim Thema Freileitung – konkrete Vorschläge, wie die Energiewende bezahlbar bleiben kann. Zum anderen sollten wir die großen Potenziale an Kleinstflexibilitäten, also Elektroautos, Wärmepumpen oder Heimspeicher, für die Lastverschiebung nutzen. Allein für das Übertragungsnetz von Transnet BW haben wir in einer wissenschaftlichen Kurzstudie ein Einsparpotenzial von 230 Millionen durch die Einbindung von Kleinstflexibilitäten in den Redispatch identifiziert, und das allein für den Zeitraum 2022 bis 2028. Die Nutzbarmachung dieser Flexibilitäten hinkt jedoch aus verschiedenen technischen, regulatorischen und wirtschaftlichen Gründen hinterher. Deshalb schlagen wir als Transnet BW vor, das bestehende Redispatch-Regime um einen marktbasierten Mechanismus zu ergänzen. Diesen komplementären, hybriden Redispatch testen wir bereits erfolgreich in mehreren Pilotprojekten. Die Politik sollte daher ein ganzheitliches Energiemarktdesign anstreben, das die Nutzung dieser Kleinstflexibilitäten ermöglicht.

(Die Fragen stellte Klaus Hinkel)

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