Die Energiewirtschaft hat erstmals seit vielen Jahren aufgrund gestiegener Emissionen das CO2-Sektorziel verfehlt. So wurden im nun zu Ende gehenden Jahr insgesamt 260 Millionen Tonnen CO2 im Sektor Energiewirtschaft emittiert, wie aus Berechnungen des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hervorgeht. Das sind 44 Prozent weniger als im Referenzjahr 1990, die politische Zielvorgabe sieht aber eine Minderung von 45 Prozent vor.
Auch wenn die Branche damit die Vorgaben nur knapp verfehle, sei die Entwicklung „für das Klima natürlich ein Rückschritt“, sagte BDEW-Chefin Kerstin Andrea bei der Jahresabschlusspressekonferenz am Dienstag in Berlin. „Wir müssen deshalb alles tun, um so schnell wie möglich in die Spur zu kommen.“ Notwendig seien neben mehr Tempo beim Ausbau der Erneuerbaren und der Netzinfrastruktur die zügige Entwicklung eines Wasserstoffmarktes.
Klares Plus bei Erzeugung aus Braun- und Steinkohle
Grund für die Rückschritte bei den CO2-Einsparungen sind die deutlichen Veränderungen im Stromerzeugungsmix in diesem Jahr infolge der Marktverwerfungen durch den Ukraine-Krieg. Zwar ging der Anteil von Erdgas an der Stromerzeugung im Vorjahresvergleich auf 13,5 von 15,4 Prozent zurück. Gleichzeitig kletterte der Anteil von Braun- und Steinkohle auf 31,9 von 28,3 Prozent. Hier machten sich die Rückkehr der Kohlekraftwerke an den Markt sowie die Ende 2021 stillgelegten Kernkraftkapazitäten deutlich bemerkbar.
Zudem sank die Stromerzeugung aus Gas trotz enormer Rohstoffkosten nicht stärker, da sich die teure Produktion aufgrund mangelnder Kapazitäten im europäischen Ausland (vor allem Frankreich) dennoch lohnte. In der Folge steigt auch der Stromexportüberschuss Deutschlands wieder. Immerhin: der Erneuerbaren-Anteil bei der Bruttostromerzeugung kletterte auf 44,6 von zuvor 40,5 Prozent - wobei hier die günstigen Witterungsverhältnisse halfen.
"Gelingens-Haltung bis in jede Amtsstube"
Das kommende Jahr müsse einen „neuen Schub bringen für Investitionen in erneuerbare Energien, in Wasserstoff, in wasserstofffähige Gaskraftwerke und Energienetze“, forderte Andreae. Notwendig seien schlankere Genehmigungsverfahren, „wir brauchen eine Gelingens-Haltung bis in jede Amtsstube“.
Um das Problem fehlender Flächen für den Ausbau der Windkraft an Land zu beheben, müssten die anvisierten zwei Prozent bebaubare Fläche des Bundesgebiets bereits bis zum Jahr 2025 vollständig ausgewiesen sein und nicht erst wie bisher vorgesehen 2032. Um einen PV-Boom auf privaten Dächern auszulösen, sollten die Regeln für Prosuming, Mieterstrom und Energy Sharing verbessert werden, so die Verbandschefin.
Wasserstoff-Hochlauf: USA drohen Europa zu enteilen
Mehr Dynamik sei auch bei der Förderung des Wasserstoffmarktes notwendig, ansonsten drohten die USA beim Aufbau von Elektrolyseuren der Entwicklung in Europa weit zu enteilen. Die großzügigen US-Subventionen im Rahmen des Inflation Reduction Acts dürften ihre Wirkung nicht verfehlen, warnte Andreae.
Deutschland benötige deshalb zügig ein Wasserstoff-Gesetz (H2G), welches die zentralen Punkte für einen schnellen Hochlauf definiere, betonte die BDEW-Chefin. So müsse etwa überschüssiger Windstrom künftig nicht mehr abgeregelt, sondern für die Produktion von Wasserstoff eingesetzt werden. Zudem müssten auf europäischer Ebene drei Fragen gelöst werden: eine einheitliche Definition für grünen Wasserstoff, eine klare Regelung für die Nutzung der vorhandenen Erdgasinfrastruktur für den Wasserstoff-Hochlauf sowie eine Strategie zur Nutzung von Wasserstoff-Importquellen außerhalb der EU. (hil)



