Kerstin Andreae ist seit 2019 Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

Kerstin Andreae ist seit 2019 Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

Bild: © Bernd von Jutrczenka/dpa

Einen Tag nach der Veröffentlichung eines Strategiepapiers für den Wasserstoffhochlauf hat der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) Vorschläge für einen zukünftigen Strommarkt vorgelegt. Das Diskussionspapier trägt den Titel „Ein langfristiges Marktdesign für Deutschland“ um umfasst rund 120 Seiten. „Das heutige Marktdesign vermeidet Brüche, ist aber kein Garant dafür, dass der Dreiklang aus Erneuerbaren Energien, Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit gelingt. Es bedarf daher zusätzlicher Instrumente“, sagte Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, am Mittwoch in Berlin.

Behandelt werden in dem Papier die Themen „Finanzierung der Erneuerbaren Energien“, „Versorgungssicherheit“, „Netzdienliche Flexibilität“ sowie „Deutsche Preiszone“. Die Vorschläge des Verbandes sind als Input zu den derzeit laufenden Diskussionen der von der Bundesregierung eingesetzten „Plattform klimaneutrales Stromsystem“ sowie der Arbeit an der Kraftwerksstrategie zu verstehen.

Bedarf an gesicherter Leistung von 20 bis 40 GW

„Uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Das gilt insbesondere für das Erreichen der Aus- und Umbauziele für 2030. Aufgrund der Vielzahl von Unsicherheiten sollte die Bundesregierung rasch Klarheit darüber schaffen, wie Versorgungssicherheit mittel- und langfristig organisiert werden soll“, sagte Andreae. Unter den heutigen Rahmenbedingungen lägen die erforderlichen Voraussetzungen für den Bau der nötigen Kapazitäten gesicherter Leistung im Jahr 2030 nicht vor. Der sowohl von der Bundesregierung als auch von mehreren großen Studien (Dena, BDI, Agora) gesehene erforderliche zusätzliche Bedarf an gesicherter Leistung in Deutschland liege bei rund 20 bis 40 Gigawatt (GW).

In dem Papier spricht sich der BDEW für einen zentralen Kapazitätsmarkt aus. Ein solcher Markt müsse „klimaverträglichen“ konventionellen Erzeugungsanlagen, Anlagen auf Basis erneuerbarer Energien unter Einschluss von Windenergie und Photovoltaik, lastseitigen Flexibilitäten und Speichern ebenso wie Importen offenstehen. Die daran teilnehmenden Anlagen sollten – zusätzlich zu den geltenden Anforderungen – sicherstellen, dass die jeweilige Investition zur Erreichung der Klimaziele für 2030 und 2045 beitrage.

Kapazitätsmarkt noch in dieser Legislatur angehen

„Ein zentraler Kapazitätsmarkt zur Deckung der Residuallast sollte noch in dieser Legislaturperiode angegangen werden. Kurzfristig brauchen wir Anreize für den Bau von H2-Ready-Kraftwerken im Rahmen der Kraftwerksstrategie, mittel- und langfristig brauchen wir den systematischen Ansatz eines Kapazitätsmarktes“, erklärte Andreae.

Im Mittelpunkt langfristiger Reformen des Strommarktes müsse zudem die Finanzierung des Ausbaus Erneuerbarer stehen. Sie sollte aus BDEW-Sicht zunehmend durch Erlöse aus dem Strommarkt erfolgen. Damit Erneuerbare schrittweise in den Markt kommen, sollten langfristige Stromlieferverträge – so genannte Power Purchase Agreements (PPAs) – in Zukunft eine noch größere Rolle beim Erneuerbaren-Ausbau einnehmen.

Teilnahme an PPAs und Differenzverträgen freiwillig

„Es ist allerdings nicht realistisch, dass sich allein über PPAs die Ausbauziele für Erneuerbare Energien erreichen lassen“, ergänzte Andrea. Unter der Prämisse Koste zu reduzieren sei somit auch nach 2030 noch eine Dualität zwischen nicht gefördertem und durch Ausschreibungen abgesichertem Ausbau sinnvoll. Die Teilnahme an PPAs und Differenzverträgen (CfDs - Contracts for difference) müsse stets freiwillig sein. „Die Einführung nachträglicher Erlösabschöpfungen für Bestandsanlagen lehnen wir ab, da sie das Vertrauen der Investoren erschüttern würde“, so Andreae.

Auch das Thema Flexibilitäten spielt eine Rolle. „Der Einsatz von Flexibilität wird zunehmend wichtiger. Industrieabnehmer werden aber bislang belohnt, wenn sie Strom auch dann verbrauchen, wenn Sonne und Wind nicht zur Verfügung stehen. Es muss künftig darum gehen, verlässliche, messbare Inflexibilität in eine verlässliche, messbare Bereitschaft zum flexiblen Einsatz umzuwandeln,“ forderte Andreae.

Deutsche Preiszone unbedingt erhalten

Das zukünftige Marktdesign müsse Netzbetreibern zusätzliche Option eröffnen, ihre Netze flexibel zu betreiben. Der Fokus liege dabei auf die Flexibilität von Lasten und Speichern, die von Marktteilnehmern freiwillig zur Verfügung gestellt würden.

Auch zum Thema Preiszone gab es von der BDEW-Chefin eine klare Aussage: „Die deutsche Preiszone muss unbedingt erhalten werden: Sie trägt zu einem hochliquiden Strommarkt bei, um den uns viele – insbesondere mit Blick auf die Terminmärkte – beneiden“, sagte Andreae. Es gebe keinen zwingenden Grund, die Preiszone zu teilen.

Große HGÜ-Leitungen entlasten zusätzlich

Redispatch-Volumina und -Kosten würden durch die Teilung der Preiszone zurückgehen, würden aber auch dann wegen des Ausbaus der erneuerbaren Energien und nicht in ausreichendem Maße vorhandener flexibler Lasten auf einem hohen Niveau verharren. Die Fertigstellung vor allem der großen HGÜ-Verbindungen (Hochspannungs-Gleichstromübertragung) entlaste zudem die Preiszone. (hil)

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