Die Folgen der langwierigen und emotional überhitzten öffentlichen Debatte zum Gebäudeenergiegesetz (GEG) halten nach wie vor an. "Eine Aufbruchstimmung wurde dadurch systematisch abgetötet", sagte Axel Gedaschko, Präsident des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, auf einer Diskussionsrunde zur Zukunft der Wärmeversorgung zum Auftakt der Leitmesse E-world am Montag in Essen.
Auch inhaltlich fällt die Bilanz aus seiner Branchensicht negativ aus. Kernpunkt sei das Missverhältnis in puncto Förderung zwischen Wohnungswirtschaft und selbstnutzenden Eigentümern. "Es gibt für uns keinen Speed- oder Sozialbonus. Insgesamt werden wir das so nicht wirtschaftlich umsetzen können", warnte der Verbandspräsident.
Auch auf Seiten der Verbraucherschützer hält sich die Skepsis hartnäckig. "Wir haben massive Verunsicherung gespürt, viele haben nichts gemacht. Und wir spüren diese Verunsicherung immer noch", so Thomas Engelke vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Zahlreiche Bürger könnten sich weiterhin "nichts anderes als eine Gasheizung vorstellen", die mentale Umstellung falle sehr schwer. Nachdem in der öffentlichen Debatte gegen die Wärmepumpe "massiv lobbyiert" worden sei, habe die Fernwärme zwar stärker im Fokus gestanden. "Doch auch die wird inzwischen kritischer gesehen", erklärte der Verbraucherschützer.
"Wärmepumpe sollte dogmatisch durchgepeitscht werden"
Eine unterschiedliche Wahrnehmung der Wärmeversorgungs-Debatte in Ost- und Westdeutschland kann Karsten Rogall, Sprecher der Geschäftsführung der Stadtwerke Leipzig GmbH, indes nicht erkennen. Der Stadtwerke-Chef kritisiert hingegen die überbordende Bürokratie des auch Heizungsgesetz genannten GEG. "Die Wärmepumpe sollte dogmatisch durchgepeitscht werden", kritisiert Rogall. Das Gesetz selbst versuche Einzelfallgerechtigkeit herzustellen, sei dadurch im Kern "viel zu kompliziert".
In Leipzig selbst liege der Fernwärmeanteil derzeit bei einem Drittel, das Potenzial liege bei 40 bis 45 Prozent. Der Ausbau sei sehr kapitalintensiv, "wir müssen uns auf die Innenstadt fokussieren". Zudem werde stets der finanzielle Aufwand für den Ausbau der Stromnetze im Rahmen der Wärmwende außer Acht gelassen. "Wir investieren eine Milliarde in die Fernwärme, aber zwei bis drei Milliarden Euro in die Stromnetze", betonte Rogall.
Die Eckpunkte für die Kommunale Wärmeplanung seien festgezurrt, spätestens Anfang des kommenden Jahres werde der neue gewählte Stadtrat darüber final entscheiden. Die Pläne sehen bis 2027 einen Anteil von 40 Prozent CO2-freie Wärmeversorgung vor, bis 2038 dann die komplette CO2-Neutralität. "Aber je weiter wir ans Ende kommen, desto kleinteiliger und teurer wird es", analysiert Rogall.
"Rückzug aus der Fläche muss ökonomisch tragbar sein"
In Heidelberg ist die Kommunale Wärmeplanung bereits beschlossene Sache, wie Michael Teigeler betonte. Hintergrund sind die Vorgaben per Landesgesetzgebung, die schon vor dem GEG bestanden. Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften seien in die Transformationsplanung fest eingebunden gewesen, erklärt der Geschäftsführer der Stadtwerke Heidelberg Energie. Schließlich sei der Geschosswohnungsausbau ein entscheidender Faktor beim Fernwärmeausbau. Bereits heute werde die Hälfte der Fernwärme CO2-frei erzeugt, Anfang der 30er Jahre sollen es 100 Prozent sein.
Wichtig sei, wie mit den Gasnetzen künftig regulatorisch umgegangen werde. "Der Rückzug aus der Fläche muss ökonomisch tragbar sein", betonte Teigeler. Die Dimension ist beachtlich: Die Stadtwerke Heidelberg verfügen über ein Gasnetz von 900 Kilometer Länge. Das Thema Wasserstoffnetze werde bei der Wärmewende hingegen zu hoch gehängt. "Wasserstoff wird eine deutlich kleinere Relevanz haben als es üblicherweise so gesagt wird", so der Stadtwerke-Chef.
"Fernwärme muss mit der Wärmepumpe konkurrieren und umgekehrt"
Wie soll die Alternative zwischen Fernwärme und Wärmepumpe gestaltet sein? Die Position des Verbraucherschützers ist ganz klar: "Die Fernwärme muss mit der Wärmepumpe konkurrieren und umgekehrt", betonte Engelke. Falle in einer Kommune für ein Quartier die Entscheidung pro Fernwärme müsse dennoch die Wahlfreiheit für eine Wärmepumpe gewährleistet sein, inklusive Förderung. Es müsse das Prinzip der freien Marktwirtschaft gelten.
"Die Branche muss ein gutes Angebot machen. Wenn am Ende ein paar Bürger nicht mitmachen, ist es dennoch rentabel zu betreiben. Es macht keinen Sinn, die Verbraucher zwanghaft in die Fernwärme zu holen", lautet das Plädoyer des Verbraucherschützers.
Hier kommt klarer Widerspruch vom Leipziger Stadtwerke-Chef Rogall: "Eine Förderung für alles in allen Gebieten ist volkswirtschaftlicher Unsinn", sagte Rogall. Entscheide sich eine Stadt innerhalb eines klaren ordnungsrechtlichen Rahmens für den Ausbau der Fernwärme, sei es ökonomisch nicht sinnvoll, dort andere Wärmeformen zuzulassen. Der Stadtwerke-Chef verweist zudem auf rein praktische Probleme. "Wärmepumpen benötigen bekanntlich viel Platz. Den haben wir in einer Innenstadt wie Leipzig nicht."
Bei Neubaugebieten muss es eine klare Entscheidung geben
Der Heidelberger Stadtwerke-Chef Teigeler plädiert dafür, zwischen Altbestand und Neubaugebieten zu differenzieren. "Wenn wir Neubaugebiete ausweisen, muss es eine klare Entscheidung geben. Kommt dort Fernwärme hin, dann gibt es dort nichts anderes, jeder muss sich entscheiden. Wer gegen Fernwärme ist, muss halt woanders bauen", betonte der Stadtwerke-Manager. Beim Altbestand liege der Sachverhalt jedoch anders. Dort müsse für den Kunden Entscheidungsfreiheit gewährleistet sein. Schließlich gehe es am Ende auch um den Umgang mit zufriedenen Kunden.
Auf den hohen Hebel zur Effizienzsteigerung bei Wärmepumpen verweist Verbandspräsident Gedaschko. "Wir müssen als Branche unsere Gebäude zügig in höhere Effizienzklassen bekommen", so der Lobbyist der Immobilienunternehmen. "Mit der Wärmepumpe katapultieren wir uns bei der Effizienz enorm nach oben." Zwar sollten überall die vorhandenen Fernwärmekapazitäten genutzt werden. Doch stelle sich beim Ausbau die Frage nach dem Faktor Zeit. "Was passiert, wenn der Ausbau zu lange dauert?" (hil)



