Hans-Jürgen Brick, Chef des Übertragungsnetzbetreibers Amprion, wurde zum BDEW-Kongress eingeladen, um über Anspruch und Wirklichkeit der Kraftwerksstrategie zu diskutieren. Tatsächlich zog er die Linien viel größer. In einer Art Brandrede zeigte er mehrere Fehlentwicklungen auf dem Strommarkt auf. Ein Überblick:
Netzstabilisierung und Redispatch-Kosten: "Es häufen sich systemkritische Netzzustände", sagte Brick und nahm den 15. Mai 2024 als Beispiel. An diesem Tag hätten die Übertragungsnetzbetreiber tief in den Kraftwerksbetrieb eingreifen müssen, um ein hohes Grünstromaufkommen zu managen und das deutsche Stromnetz stabil zu halten. Insgesamt sei es um einen Umfang von 12,5 Gigawatt (GW) gegangen. "Das ist etwa die Leistung von 15 Großkraftwerken oder der Strombedarf von 15 Mio. Haushalten."
Redispatch-Kosten
An diesem Tag seien allein 6 GW an erneuerbaren Energien abgeregelt worden. "Das zeigt, wie groß die Herausforderung ist, um das Stromnetz zu stabilisieren", bilanzierte Brick.
2013 hätten die Redispatch-Kosten noch 250 Mio. Euro betragen. Zehn Jahre später seien drei Milliarden Euro angefallen. "Das zeigt, was wir auf dem Weg nach heute falsch gemacht haben."
"Auf Erzeugungsseite keine Planungssicherheit"
Zubau steuerbarer Kapazitäten: In den vergangenen zehn Jahren seien kaum Großkraftwerke gebaut, dafür zahlreiche vom Netz genommen worden, sagte Brick. "2013 hatten wir einen Bestand von 100 Gigawatt steuerbarer, konventioneller Leistung, heute sind es circa 86 Gigawatt und bis 2030 werden es 43 Gigawatt sein, wenn wir mit dem Kohleausstieg voranschreiten."
Derzeit seien Unternehmen aber zu Recht nicht bereit, in neue konventionelle Kraftwerksleistung zu investieren. "Bei negativen Strompreisen und gesetzlicher Erlösabschöpfung [auf dem Höhepunkt der Energiekrise] findet sich auf der Erzeugungsseite keine Planungssicherheit", sagte er.
Reservekraftwerke bis 20 Gigawatt
Stattdessen sei immer mehr Reserveleistung geschaffen worden, zeichnete Brick nach. "In den letzten zehn Jahren wurde alle zwei Jahre eine neue Reserve eingeführt: Die Netzreserve, die Kapazitätsreserve, die Versorgungsreserve. [...] Wir müssen unser System, weil es unvollständig ist, immer weiter absichern mit einem Gesamtvolumen von fast 10.000 Megawatt."
Und der Trend setze sich fort. "Wenn [weitere] konventionelle Kraftwerke vom Markt genommen werden, dann reden wir demnächst über Reservekraftwerke von 13 bis 20 Gigawatt. Die Frage ist, ob da eigentlich vom Strommarkt die Rede sein kann, wenn mehr als ein Drittel in die Reserve geführt wird."
Strom-Nettoimporte verdoppeln sich
Stromimporte: Brick rechnet damit, dass die Nettoimporte in den nächsten Jahren deutlich steigen werden. Schon im vergangenen Jahr seien zehn Prozent des gesamten deutschen Stromverbrauchs aus dem Ausland gedeckt worden, führte er aus. "In den nächsten drei Jahren erwarten wir eine Verdopplung unseres Importbedarfs."
Marktintegration erneuerbarer Energien: "Wir beobachten erhebliche Verwerfungen auf den Strommärkten", sagte Brick. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres habe es 111 Mal Negativstunden gegeben. Das sei viermal so viel wie im Vorjahreszeitraum.
Neue Zahlen zu EEG-Konto
Auch das Preisniveau sei abgesackt. In den ersten fünf Monaten 2023 sei der durchschnittliche Negativpreis bei minus zwei Euro pro Megawattstunde (MWh) gelegen. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres seien es im Schnitt minus 20 Euro pro MWh gewesen.
Auch zum EEG-Konto nannte Brick eindrückliche Zahlen. Die Übertragungsnetzbetreiber müssten dieses Jahr etwa 20 Mrd. Euro aufwenden, sagte er. Das wären etwa 10 Mrd. Euro mehr, als der Bundeshaushalt hergibt. Über das EEG-Konto werden Einnahmen aus der Vermarktung der geförderten Erneuerbarenanlagen und Bundeszuschuss mit den Ausgaben für die EEG-Förderung verrechnet.
"Noch immer kein schlüssiges Gesamtkonzept"
Brick-Bilanz: Am Ende gehe es darum, Erzeugung, Netze und Verbrauch insgesamt zu betrachten, sagte der Amprion-Chef. "Wir haben noch immer kein schlüssiges Gesamtkonzept für ein klimaneutrales Energiesystem. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht vom Weg dorthin abkommen." (aba)



