Die Gaspreise stehen für Händler derzeit denkbar ungünstig – vor allem dann, wenn sie jetzt Gas beschaffen und einspeichern wollen, um es im Winter wieder auszuspeichern und weiterzuverkaufen. Auch am Mittwochvormittag war Erdgas für den kommenden Liefertag (Day-Ahead) am Handelsplatz TTF etwas teurer als für die üblichen Handelsprodukte für den kommenden Winter.
Entsprechend gering ist zurzeit der Appetit am Markt, Gasspeicher weiter zu befüllen. Dabei sind die Speicherfüllstände in Deutschland aktuell historisch niedrig. Am Dienstagvormittag waren sie bei 58 Prozent.
Von der Abstimmung zur Anweisung
Im Oktober beginnt nun auch die offizielle Wintersaison. Wird es deutlich kälter, könnten die Ausspeicherungen anders als jetzt überwiegen und der Füllstand sinken.
Es ist gerade einmal zwei Wochen her, da erklärte der staatliche deutsche Gaskonzern Sefe nach Druck aus dem Bundeswirtschaftsministerium, zusätzlich Gas einspeichern zu wollen. Man handle ausschließlich aus strategischen und wirtschaftlichen Erwägungen und habe eine eigenständige kommerzielle Geschäftsentscheidung getroffen, betonte das Unternehmen. Es gebe keine Anweisung dazu vom Bundeswirtschaftsministerium. Die Einspeicherungen zogen seitdem jedoch nicht merklich an.
Deshalb verschärft Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) nun die Gangart. Wie Sefe selbst bestätigte, wurde das Unternehmen vom Ministerium angewiesen, bis zum 15. Dezember acht Terawattstunden (TWh) Gas zu beschaffen und einzuspeichern. Bei einem Gesamtvolumen von 248 TWh in Deutschlands Speichern entspricht das einem angestrebten Plus von rund drei Prozent.
Sefe beruhigt eigene Kunden
Hamead Ahrary, Vertriebschef der Sefe-Gruppe, erklärte bei der Handelsblatt-Gastagung, dass sein Unternehmen die Vorgaben "marktschonend" erfüllen wolle. Auf die Frage, ob Sefe für seine Kunden, darunter viele Stadtwerke, schon vorgesorgt habe, sagte er knapp: "ja".
Reiche befindet sich in einer verzwickten Lage. Einerseits will sie unbedingt vermeiden, dass der Staat wie im Sommer 2022 zu Mondpreisen Gasspeicher befüllt. Andererseits möchte sie verhindern, dass Deutschland auch wegen ihrer Zurückhaltung im Winter in eine Gasmangellage gerät. Das könnte beispielsweise geschehen, wenn der Winter in der Bundesrepublik sehr kalt wird und Gasimporte etwa wegen US-amerikanischer Ausfuhrbeschränkungen zurückgehen.
Vor- und Nachteile der Sefe-Lösung
Die Sefe-Anweisung bringt ihre eigenen Risiken mit. Das Wirtschaftsministerium sieht sich als ordnungspolitisches Gewissen und mischt sich ungern in Entscheidungen von Staatsunternehmen ein, die im Wettbewerb stehen. Zudem soll Sefe privatisiert werden. Entsteht der Eindruck, dass ein Unternehmen wegen staatlicher Vorgaben unwirtschaftliche Entscheidungen fällen muss, sinkt die Attraktivität für private Investoren.
Die Sefe-Lösung hat für das Wirtschaftsministerium aber auch Vorteile: Anders als im Jahr 2022 soll ein international agierender Gaskonzern mit erfahrenen Händlern Gas beschaffen – und nicht eine Art Gasmarkt-Manager wie der Marktgebietsverantwortliche THE, der in der Beschaffung und Vermarktung größerer Gasmengen bis dahin keine Expertise aufwies. Die Verluste bleiben zudem im Unternehmen. Sie landen also nicht im Bundeshaushalt oder müssen über eine neue Gasspeicherumlage auf Verbraucher gewälzt werden.
Reiche agiert unglücklich
Eine glückliche Figur machte Reiche allerdings nicht. Als das Ministerium vor zwei Wochen erstmals über ausgewählte Medien Nachrichten zu einer möglichen Sefe-Befüllungsanweisung streuen ließ, ging Staatssekretär Frank Wetzel beim VKU-Stadtwerkekongress darauf nicht näher ein. Reiche selbst, damals auf Reisen in den USA, ließ das Thema bei einem Pressestatement ganz aus.
Dabei hätte es durchaus Klarstellungsbedarf gegeben. Manches Medium bezog die kolportierte Anweisung, die dann doch keine Anweisung gewesen sein soll, fälschlicherweise auch auf den zweiten Gaskonzern, der teilweise in staatlicher Hand ist: Uniper.
Für diesen Mittwoch lud Reiche schließlich alle Medien zu einem Pressestatement zum Thema "Versorgung Öl und Gas" ein, sagte den Termin aber kurzfristig "aus organisatorischen Gründen" wieder ab. Stattdessen erklärte eine Ministeriumssprecherin, dass Reiche in Absprache mit Bundeskanzler Friedrich Merz entschieden habe, die Sefe zur vermehrten Einspeicherung anzuweisen. "Der zentrale Grund für diesen Schritt liegt in den weiter andauernden geopolitischen Risiken".
Reiche habe stets deutlich gemacht, dass sie die Entwicklung auf den Gasmärkten eng verfolge und für unterschiedliche Szenarien Instrumente vorbereitet habe, die bei Bedarf eingesetzt werden könnten, führte die Sprecherin aus. "Dieser Bedarf ist nun eingetreten."
Das Ministerium erwartet dabei weiterhin von allen anderen Marktakteuren, ihrer Verpflichtung nachzukommen und Gas für den Winter einzuspeichern – "ohne Wenn und Aber".
Ines-Chef: Situation enger als in 2010er-Jahren
Der Gasspeicherverband Ines hatte Reiche schon vor Monaten geraten, mehr zu tun, um die geringe marktbasierte Speicherbefüllung zu stützen. Dass Deutschland anders als im Energiekrisenjahr 2022 nun auf eine Reihe von LNG-Terminals zurückgreifen könne, die Bedeutung von Gasspeichern also abgenommen habe, wollte Ines-Geschäftsführer Sebastian Heinermann so nicht stehen lassen.
Die Situation sei nach wie vor deutlich enger als vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, sagte er bei der Handelsblatt-Gastagung. Damals konnte Russland Verbrauchsspitzen im Winter mit zusätzlichen Mengen Pipelinegas ausgleichen. Noch heute sei Deutschland an kalten Tagen auf Ausspeicherungen angewiesen.
Rückendeckung erhielt Reiche vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Die zusätzliche Gasspeicherbefüllung sei "sinnvoll", sagte Verbandschefin Kerstin Andreae. Grundsätzlich hielt sie fest, dass die Gasversorgung in Deutschland zuverlässig bleibe. "Die für diesen Winter vertraglich vereinbarten Mengen werden geliefert werden – dafür haben Gashändler und Lieferanten vorgesorgt", teilte sie mit. "Das galt vor der Ankündigung der Bundesregierung und gilt auch weiterhin."