Deutschland braucht steuerbare Kapazitäten für eine sichere Energieversorgung. Sie ist das Fundament einer Industrienation. Deshalb begrüße ich es, dass die Bundesregierung in den letzten Tagen für mehr Tempo und Klarheit bei der Kraftwerksstrategie gesorgt hat. Das ist ein erster Meilenstein. Denn klar ist: Gaskraftwerke sind die Brücke in eine klimaneutrale Zukunft. Ohne sie wird es nicht gehen.
Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Es geht nicht nur um neue Anlagen. Es muss auch darum gehen, wie wir bestehende Anlagen besser integrieren und nutzen können, bis die neuen Anlagen ans Netz gehen. Optimisten sagen, dass das frühestens 2030 der Fall sein wird. Kurzum stehen wir vor der Frage: Wie überbrücken wir die Lücke bis dahin?
Reservekraftwerke haben in der Praxis ausschließlich eine Back-up-Funktion
Eine Antwort gibt die §-13b-EnWG-Kraftwerksliste der Bundesnetzagentur. Hinter diesem bürokratischen Terminus verbirgt sich das Sicherungsnetz unseres Stromsystems – die systemrelevanten Kraftwerksblöcke. Es geht um einen riesigen Kraftwerkspark mit einer Gesamtleistung von rund zehn Gigawatt (GW). Diese Kraftwerke könnten in der Theorie etwa zehn Millionen Haushalte mit Strom versorgen.
Das ist aber Theorie. Denn in der Praxis haben diese Reservekraftwerke ausschließlich eine Back-up-Funktion. Sie springen nur dann ein, wenn das Netz stabilisiert werden muss. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint – Stichwort Dunkelflaute. Reservekraftwerke haben damit eine existenzielle Bedeutung. Sie garantieren eine sichere Stromversorgung bei Tag und Nacht, bei Wind und Wetter und zu jeder Jahreszeit.
Honoriert wird das allerdings kaum. Mit einem Reservekraftwerk verdient niemand auch nur einen Cent. Bestenfalls erfolgt eine Rückerstattung der tatsächlichen Kosten. Das Fehlen eines Unternehmerlohns engt die Investitionsspielräume zur Weiterentwicklung der Kraftwerksstandorte stark ein – und das in einer Zeit, in der der Zubau an steuerbaren Kapazitäten Milliarden-Investitionen erfordert. Das ist aus meiner Sicht ein unhaltbarer Zustand. Auch die Feuerwehr kann man nicht nur dann bezahlen, wenn die Hütte brennt. Sie muss dauerhaft und auch dann gut gerüstet sein, wenn es ihren Einsatz nicht braucht.
Reservekraftwerke sind kein Nebenthema
Der Blick auf die energiewirtschaftliche Realität zeigt: Reservekraftwerke sind kein Nebenthema. Allein zwischen Oktober 2024 und Mai 2025 kamen etwa die sechs Reservekraftwerke der Steag Iqony Group auf 162 Einsatztage und fast 2000 Betriebsstunden. Tendenz steigend. Die hohen Einsatzzeiten dieser eigentlich nur für den "Notfall" vorgesehenen Kraftwerke machen deutlich, dass wir eine Reservekraftwerksstrategie brauchen – so wie es Christoph Müller, CEO des Übertragungsnetzbetreibers Amprion, kürzlich vorgeschlagen hat.
Das wäre die logische Ergänzung zur Kraftwerksstrategie und ein Vehikel, um die hohen Strompreise in Deutschland zu dämpfen. Ich bin überzeugt: Ein riesiger Kraftwerkspark, der ohnehin sehr regelmäßig für die Netzstabilisierung angefordert wird, sollte im Interesse unseres Landes mehr leisten. Diese Kraftwerke könnten Industrie und Haushalte sicher und günstig mit Strom versorgen. Sie dürfen es aktuell aber nicht. Wir können den Elefanten im Raum jedoch nicht einfach ignorieren: die extrem hohen Strompreise in Deutschland.
Wenn die Reservekraftwerke auch zur Preisstabilisierung eingesetzt würden, könnte das die Strompreise an einem typischen Dunkelflaute-Tag um bis zu 60 Prozent senken. Die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag vorgenommen, das zu ermöglichen. Wir setzen darauf, dass das nun schnell umgesetzt wird. Es würde sofort wirken. Der Winter läuft an, die Dunkelflauten kommen. Diese Maßnahme wäre ein erster spürbarer Befreiungsschlag gegen die hohen Strompreise. Deshalb haben etwa auch die energieintensiven Industrien diesen Vorschlag aktiv in die Debatte eingebracht.
Es geht nicht um den Ausstieg vom Kohleausstieg
Es geht dabei nicht um einen Ausstieg vom Kohleausstieg. Das kann keiner wollen. Als Steag Iqony Group haben wir uns längst auf den Weg in eine klimaneutrale Zukunft gemacht – wir entwickeln unsere Kraftwerksstandorte zu Energy-Hubs von morgen weiter, bauen Batteriespeicher und wasserstofffähige Kraftwerke, treiben die klimafreundliche Wärme voran und investieren in erneuerbare Energien.
Der Einsatz der Reservekraftwerke zur Strompreisdämpfung wäre eine Übergangslösung, die temporär befristet und an klare Bedingungen wie eine Preisschwelle für den Marktbetrieb und eine entsprechende Rückerstattung der Vorhaltekosten an den Übertragungsnetzbetreiber geknüpft wäre. Es geht also um eine Brücke, bis die neuen Anlagen stehen.
Die Betreiber haben die Kraftwerke, die Industrie hat den Bedarf. Jetzt braucht es politischen Mut.





