Nach dem Terroranschlag auf das Berliner Stromnetz im Januar hat eine Expertenkommission ihren Abschlussbericht vorgelegt. Sie fordert verbindliche Autarkiepflichten für Betreiber kritischer Infrastruktur und deckt ein bislang unterschätztes Defizit bei privaten Solaranlagen auf.
Ein Anschlag brachte Berlin an die Grenze
Am 3. Januar 2026 gegen sechs Uhr morgens zerstörte ein Terroranschlag mehrere Hochspannungskabel an einer Kabelbrücke des Kraftwerks Lichterfelde. Rund 45.000 Haushalte, mehr als 100.000 Menschen und 2200 Gewerbebetriebe im Bezirk Steglitz-Zehlendorf blieben daraufhin tagelang ohne Strom, mitten im Winterfrost. Erst am 7. Januar floss wieder durchgängig Strom; die Großschadenslage endete formal zwei Tage später.
Berlin setzt erste Schutzmaßnahmen um
Seit dem Stromausfall im Januar hat Berlin den physischen Schutz wichtiger Anlagen verstärkt. Der Berliner Stromnetzbetreiber Stromnetz Berlin teilte nach Angaben des Rundfunks Berlin-Brandenburg "rbb" am 12. August mit, dass die mehr als 70 Umspannwerke des Unternehmens inzwischen mit 2,40 Meter hohen Zäunen, Stacheldraht und Videoüberwachung gesichert seien. Insgesamt seien rund 20 Kilometer Zaun verstärkt oder neu errichtet worden.
Auch die beiden Kabelendmasten am Königsheideweg in Johannisthal, an denen beim Brandanschlag im September 2025 Hochspannungskabel beschädigt worden waren, wurden zusätzlich gesichert. Die "taz" berichtet, die Anlage verfüge unter anderem über 93 Meter Zaun, Überwachungskameras, Bewegungssensoren und Poller gegen Fahrzeuge. Die Sicherung dieses Standorts habe rund 180.000 Euro gekostet.
Die Maßnahmen sind Teil des vom Berliner Senat im Mai 2026 vorgestellten TOP-Konzepts. Es bündelt technische, organisatorische und physische Vorkehrungen zum Schutz neuralgischer Punkte. Vorgesehen sind unter anderem zusätzliche Georedundanzen, eine verstärkte Videoüberwachung, Systeme zur Angriffserkennung mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI), rund um die Uhr besetzter Wachschutz sowie fortentwickelte Krisen- und Notfallpläne. Der neue Schutz soll einen erneuten Angriff erschweren.
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Ob die Berliner Infrastruktur damit auch die im Expertenbericht geforderte autonome Versorgung über 72 Stunden und später zehn Tage sicherstellen kann, geht aus den bisher veröffentlichten Angaben nicht hervor.
Mitglieder der Expertenkommission:
- der frühere THW-Präsident Albrecht Broemme
- Charité-Vorstandschef Heyo Kroemer
- Brigadegeneral a. D. Uwe Nerger
- die frühere BVG- und DB-Cargo-Chefin Sigrid Nikutta
Am 6. Juli stellte die vierköpfige Expertenkommission ihren Bericht vor. Ihr zentraler Befund lautet, dass weniger als fünf Prozent der Stadtfläche und drei Prozent der Berliner Bevölkerung betroffen waren und Berlin dennoch an seine Belastungsgrenze geriet.
Sieben Leitlinien, mehr als 150 Maßnahmen
Die Kommission fasst ihre Analyse in sieben übergeordneten Handlungsempfehlungen zusammen, denen mehr als 150 Einzelmaßnahmen zugeordnet sind. Eine davon ist die Einführung eines Chief Resilience Officer (CRO), der die Resilienzpolitik künftig ressortübergreifend bündeln soll. Wo die Position in Zukunft angesiedelt werden könnte, ist bisher noch unklar. Wenn es nach Innensenatorin Iris Spranger geht, sollte ein zukünftiger CRO auf Staatssekretärsebene in der Senatskanzlei angesiedelt werden, wie die Sozialdemokratin bei der Pressekonferenz zu verstehen gab.
Auch die Bevölkerung nimmt der Bericht in die Pflicht. Die Eigenvorsorge der Berlinerinnen und Berliner sei beim Stromausfall mangelhaft gewesen, es habe an konkreter, alltagstauglicher Vorbereitung gefehlt. "Einsatzkräfte haben viele Dinge übernommen, die Teil der Selbstvorsorge und nicht der Daseinsvorsorge waren", sagte etwa Uwe Nerger auf der Pressekonferenz. Künftig solle deshalb eine regelmäßige Übungs- und Lernkultur entstehen, die auch Anwohnerinnen und Anwohner einbezieht.
Zehn Tage auf eigene Faust
Für Energieversorger und andere Betreiber kritischer Infrastruktur (Kritis) fordert der Bericht konkrete Resilienzvorgaben. Als Sofortmaßnahme sollen sie sich zu einer 72-Stunden-Autarkiepflicht für den Notbetrieb verpflichten, mittelfristig zu einer Zehn-Tage-Pflicht. Bis spätestens 2029 fordert die Kommission von allen Akteuren, die an einem Berliner Krisenfall beteiligt sind, den autonomen Betrieb ihrer Kernfunktionen über zehn Tage sicherzustellen.
Die bisher bekannt gewordenen Schutzmaßnahmen von Stromnetze Berlin treffen damit vor allem den physischen und technischen Objektschutz. Ob die Betreiber damit bereits die weitergehenden Empfehlungen der Expertenkommission erfüllen, ist nicht ersichtlich. Der Bericht fordert für den Notbetrieb zunächst eine Autarkie von 72 Stunden und mittelfristig von zehn Tagen. Aus den öffentlichen Angaben zu Zäunen, Kameras, Wachschutz und Georedundanzen geht nicht hervor, ob Stromnetz Berlin diese Betriebsdauer für seine Kernfunktionen nachweisen kann.
Der regierende Bürgermeister, Kai Wegner (CDU), stellte auf der Pressekonferenz jedoch auch klar: "Der Bericht zeichnet ein Idealbild". Und wies darauf hin, "es gibt noch viel mehr kritische Infrastruktur als die Energienetze".
Mobilfunk als Flaschenhals
Auch Mobilfunkanbieter müssten nachziehen, denn ihre Basisstationen halten derzeit nur rund 30 Minuten Pufferbatterie durch. Die Kommission fordert mindestens 72 Stunden – dafür brauche es eine bundeseinheitliche Regelung.
Für den Mobilfunk gibt es inzwischen erste Vereinbarungen. Nach Angaben des Rundfunks Berlin-Brandenburg hat der Berliner Senat gemeinsam mit den vier großen Netzbetreibern, der Berliner Immobilienmanagement (BIM) und Stromnetz Berlin sogenannte Resilienz-Konzepte vereinbart. Sie sollen dafür sorgen, dass Mobilfunk, Internet und Festnetztelefonie bei künftigen Stromausfällen länger verfügbar bleiben oder schneller wieder in Betrieb genommen werden können.
Der rbb machte zugleich keine konkreten Angaben dazu, wie lange die Kommunikationsnetze im Ernstfall unabhängig von der regulären Stromversorgung funktionieren sollen. Damit bleibt offen, ob und wie die Vereinbarungen an die Forderung der Expertenkommission nach einer Mindestautarkie von 72 Stunden anknüpfen.
95 Prozent der Solaranlagen lieferten keinen Strom
Besonders alarmierend ist ein weiterer Befund. Rund 95 Prozent der Berliner Photovoltaikanlagen lieferten während des Ausfalls trotz vorhandener Dachanlage keinen Strom, weil ihnen die Inselbetriebsfähigkeit fehlt. Das Defizit war laut Bericht bis dahin kaum bekannt.
Ähnliche Probleme wurden im Wärmebereich deutlich. Fernwärme und Gas standen an fast allen Häusern zur Verfügung, es fehlte lediglich der Zündfunke und 20 bis 30 Watt für die Umwälzpumpe. Ein Kleinstnotstromgerät hätte gereicht. Vorbereitet war darauf so gut wie niemand, konstatiert der Bericht.
Berlin als Modellstadt
"Mein Ziel ist es, Berlin zur Modellstadt der Krisenfestigkeit zu machen", sagte Wegner bei der Vorstellung. Innensenatorin Spranger betonte, der Bericht mache deutlich, "welche umfassende Aufgabe Berlin vor sich hat, um die Resilienz der Stadt weiter zu stärken". In einem entscheidenden Punkt bestätige der Bericht sie zudem, so Spranger: Berlin benötige "deutlich mehr Geld für den Ausbau des Katastrophenschutzes".
In der anschließenden Fragerunde nannte Spranger auch die Größenordnung. Allein für Berlin sei ein dreistelliger Millionenbetrag nötig, ein Vielfaches der bislang für den Katastrophenschutz eingeplanten 22 Millionen Euro. Allein für den Aufbau eines zentralen Lagezentrums würde es einen dreistelligen Millionenbetrag brauchen, mahnte Spranger.
Der Senat verweist zugleich auf umfangreiche Investitionen in das Berliner Stromnetz. Nach Angaben der Senatskanzlei sind für die Jahre 2025 bis 2029 rund 2,86 Milliarden Euro für die Modernisierung, Digitalisierung und den Ausbau des Netzes einschließlich zusätzlicher Georedundanzen eingeplant. Die Summe umfasst nach Darstellung des Senats den Netzausbau insgesamt. Sie lässt sich daher nicht unmittelbar mit den zusätzlichen Mitteln gleichsetzen, die die Expertenkommission für den Katastrophenschutz und die Krisenvorsorge fordert.
Zuletzt sei Wegner selbst zu Besuch in der Berliner Partnerstadt Warschau gewesen und habe sich das dortige Lagezentrum angeschaut. "Wie man sich dort vorbereitet, zeigt eine klare Prioritätensetzung." Wegner würde sich eine solche Prioritätensetzung auch in der deutschen Hauptstadt wünschen.
"Wenn es einen Anschlag gibt, dann erfolgt der in Berlin", mahnte Wegner mit Blick auf die hohe Anschlagsgefahr in Berlin. Deshalb brauche es weitaus mehr Geld vom Bund.
Der Bericht bleibt ein Arbeitsauftrag
Die Kommission mahnte zur Eile, weil der Anschlag vom 3. Januar nach ihren Angaben bereits der dritte terroristische Anschlag auf die Berliner Stromversorgung binnen zwei Jahren war. Berlin hat seitdem erste sichtbare Schutzmaßnahmen umgesetzt. Nach Angaben von Stromnetz Berlin, die der Rundfunk Berlin-Brandenburg verbreitete, wurden mehr als 70 Umspannwerke mit höheren Zäunen und Videoüberwachung gesichert. Die taz berichtete zudem über die aufwendige Sicherung der Kabelendmasten in Johannisthal.
Die neuen Maßnahmen sollen den physischen Zugriff auf neuralgische Anlagen erschweren. Sie beantworten jedoch noch nicht die weitergehenden Fragen des Expertenberichts: Wie lange können kritische Funktionen im Notbetrieb autonom aufrechterhalten werden? Welche Rolle übernehmen Netzbetreiber, Mobilfunkanbieter und Behörden? Und wie wird der zusätzliche Schutz finanziert?
Welche Prioritäten der Senat und die Parteien beim Schutz kritischer Infrastruktur setzen, zeigt der Vergleich der Positionen von Verband kommunaler Unternehmen (VKU) und Berliner Parteien. Die endgültigen Entscheidungen über Finanzierung, Zuständigkeiten und weitere Maßnahmen liegen beim Senat und beim Abgeordnetenhaus. Der Expertenbericht bleibt damit ein Arbeitsauftrag: Berlin muss zeigen, ob die Stadt ihre kritischen Funktionen nach einem schweren Angriff nicht nur wiederherstellen, sondern über Tage hinweg aufrechterhalten kann.