Nord-Stream-Wirbel und Zollkrieg, Wasserstoffhochlauf und Fachkräftemangel, Strompreissenkung und Gaskraftwerke: An Reizwörtern hat es der diesjährigen Handelsblatt-Stadtwerketagung wahrlich nicht gemangelt – und an Klartext auch nicht. Sieben Schlaglichter im Überblick:
Nord-Stream-Debatte
Erleben die Nord-Stream-Stränge ein Comeback? Spekulationen nährte jüngst Russlands Außenminister Sergej Lawrow, als er bestätigte, dass sein Land mit den USA über eine Inbetriebnahme verhandeln würde. Angeblich soll es Interesse von US-Investoren geben, die Anteile an der Schweizer Firma Nord Stream AG übernehmen könnten. Ein solcher Deal könnte Teil eines Waffenstillstands oder Friedensabkommens mit der Ukraine sein.
Philipp Steinberg, zuständiger Abteilungsleiter im Bundeswirtschaftsministerium, stellte nun klar, dass seinem Haus keine offizielle Position dazu seitens der USA übermittelt worden sei. Die Bundesregierung bereite sich jedoch auf alle Szenarien vor. Wenn es eine solche Initiative gebe, "müssen wir sicherstellen, dass wir nicht wieder in die gleiche Abhängigkeit kommen" wie vor dem Kriegsausbruch 2022, sagte er. Die Bundesregierung müsse sich zudem anders als in den 2010er-Jahren in den europäischen Diskurs mit einklinken.
Auf Nachfrage bestätigte Steinberg, dass auch die Zertifizierung von Nord Stream 2 eine Option sei. Zur Erinnerung: Nach langem Hin und Her hatte die Bundesnetzagentur bereits im November 2021 die Zertifizierung des Leitungsbetreibers ausgesetzt. Eine Zertifizierung käme nur dann in Betracht, wenn der Betreiber in einer Rechtsform nach deutschem Recht organisiert sei, hieß es damals.
Zwei Tage vor der russischen Invasion stoppte die Bundesregierung schließlich das Zertifizierungsverfahren und begrub praktisch das milliardenschwere Vorhaben. Im September 2022 wurde ein Anschlag auf die Pipelines verübt, wobei drei der vier Nord-Stream-Stränge beschädigt wurden.
LNG aus den USA
Steinberg kann sich durchaus vorstellen, dass Deutschland mehr Flüssigerdgas oder LNG aus den USA bezieht als bislang, um der US-Regierung im Handelsstreit entgegenzukommen. Etwa 17 Prozent der deutschen Gasimporte kämen aus den USA, sagte der Spitzenbeamte. "17 Prozent finde ich jetzt okay." Da könnte noch etwas mehr gehen. Da sei man weit davon entfernt, zu stark von den USA abhängig zu sein.
Gasspeicherbefüllung
Die gute Nachricht vorweg: Inzwischen könnte es sich wieder lohnen, Gas im Sommer einzuspeichern und im Winter auszuspeichern. Am Mittwoch lag der Gaspreis für den Liefermonat Mai bei unter 34 Euro pro Megawattstunde (MWh) und der Gaspreis für den Dezember bei fast 35 Euro pro MWh. Damit sinkt das Risiko, dass die Befüllung vergleichsweise leerer Gasspeicher eine massive und möglicherweise teure Intervention des Staates erfordert. Die deutschen Gasspeicher waren zuletzt im Durchschnitt zu 29 Prozent gefüllt.
Zur Einordnung: Als die Gasspeicher im Sommer 2022 relativ leer waren, musste am Ende der Marktgebietsverantwortliche THE im Auftrag der Bundesregierung in großem Stil und zu historisch hohen Preisen Gas einkaufen, um die Speicher zu füllen. Dies verursachte Milliardenkosten.
Man sei nicht mehr in einer Koste-es-was-es-wolle-Situation, sagte Steinberg nun. Der Spitzenbeamte verwies einmal mehr darauf, dass sein Ministerium in letzten Abstimmungen sei, um eine Flexibilisierung herbeizuführen.
Ein preistreibender Faktor sind derzeit die deutschen Gasspeicherziele. Demnach müssen bis Anfang November alle Gasspeicher zu 90 Prozent voll sein. Die Energiebranche hatte in den vergangenen Wochen eine Lockerung dieser Vorgabe angemahnt. Das Problem: Die deutschen Gasspeicherziele folgen EU-Recht.
Steinberg sagte nun aber, dass die EU-Kommission bei dem Thema "zunehmend flexibel" sei. "Ich bin guten Mutes, dass wir sehr zeitnah eine Flexibilisierung der EU-Füllstandsvorgaben erleben werden".
Wasserstoffhochlauf
Steinberg gab zu, dass der Wasserstoffhochlauf "ein bisschen langsamer" sei, als viele erwartet hätten. Zugleich warnte er davor, eine "Endzeitstimmung" zu verbreiten. Auch bei den erneuerbaren Energien habe es viele Jahre gedauert, ehe sie mehr als die Hälfte der Stromerzeugung in Deutschland abgedeckt hätten.
Steinberg erinnerte daran, dass das im vergangenen Jahr aufgesetzte Wasserstoffkernnetz "atmend" geplant worden sei, um sich geänderten Realitäten anzupassen. Notfalls könne man das Enddatum 2037 noch weiter strecken. Nach aktuellem Stand können Netzbetreiber nur bis 2037 von dem Finanzierungsmechanismus profitieren, den der Bund aufgesetzt hat.
Strompreissenkung
Die von Union und SPD geplante deutliche Strompreissenkung nannte Entega-Chefin Marie-Luise Wolff ein teures "Freibier". Nach ihrer Rechnung würde eine pauschale Senkung der Stromsteuer sowie eine Reduzierung der Netzentgelte den Bund allein in den kommenden vier Jahren rund 60 Milliarden Euro kosten.
Die Strompreissenkung werde erst einmal für Beruhigung sorgen, führte sie aus. "Aber Freibier für alle ist eben teuer. Und wir wissen alle: Wenn wir das einmal gegeben haben, ist es wahnsinnig schwer, das wieder zurückzudrehen." Mit Blick auf weiterhin hohe Netzentgelte in den kommenden Jahren "werden wir [die Netzentgeltzuschüsse] nicht halten können", sagte sie.
Aus Wolffs Sicht sollte der Bund ohnehin woanders ansetzen, um Netzkosten zu senken. "Geld für Netzausbau ist besser angelegt als Geld für die Deckelung von Netzentgelten", sagte sie.
Neue Gaskraftwerke
Klare Worte fand Wolff auch zum geplanten Zubau von Gaskraftwerken mit einer Gesamtleistung von bis zu 20 Gigawatt (GW) bis 2030, auf den sich Union und SPD im Koalitionsvertrag geeinigt haben. Das würde 40 bis 50 große Gaskraftwerke in viereinhalb Jahren heißen, erläuterte die Entega-Chefin. "Das geht nicht. Never."
Fachkräftemangel
Für Wolff wird das Thema im politischen Berlin noch immer zu wenig belichtet. "Wir haben eine Alterskohorte, die uns in den nächsten zehn Jahren in Hundertschaften wegbricht", sagte sie. "Und wir wissen nicht im Moment, wo wir [ihre Nachfolger] herbekommen sollen."
Die Kommunalwirtschaft habe bereits die Ausbildungsplätze verdrei- und vervierfacht. "Das wird aber nicht reichen. Wir brauchen auch hier Unterstützung vom Staat durch einen Schwerpunkt auf Bildung und Ausbildung. Das muss schneller gehen." Dabei müsse ein Fokus auf technisches Fachpersonal gelegt werden. "Denn wir sind keine Klickwirtschaft, wir sind eine Händewirtschaft. Wenn wir die Hände nicht haben, können die uns mit Geld zuschütten. Es wird nichts helfen."



