Deutschland sitzt auf einem gewaltigen Schatz ungenutzter Kapazitäten für den Netzanschluss von Erneuerbaren-Kraftwerken. Das ist das Ergebnis einer Studie von Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) und Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (IEE). Die Lösung: die Überbauung bestehender Netzverknüpfungspunkte. Damit könnten nicht nur zahlreiche Erneuerbaren-Anlagen sofort angeschlossen werden; die Lösung soll auch die Netzbetriebsführung erleichtern und Redispatch-Kosten senken.
"Mit der gemeinsamen Nutzung der Netzverknüpfungspunkte wird ein zentrales Problem der Energiewende gelöst", sagte BEE-Präsidentin Simone Peter bei der Vorstellung der Studie.
Kapazitäten im zweistelligen GW-Bereich
Die Studie hat verschiedene Szenarien der Überbauung untersucht und kommt zu dem Schluss, dass so deutlich mehr erneuerbarer Strom ins Netz eingespeist werden könnte. "Rund zwei Drittel des Einspeisungspotenzials werden bislang nicht genutzt", sagte Matthias Stark, Leiter des Fachbereichs Erneuerbare Energiesysteme und Mitautor der Studie.
Selbst bei modernen Windanlagen werden derzeit nur 33 Prozent des Einspeisepotenzials genutzt. Bei älteren Windanlagen sind es 22 Prozent, bei PV-Anlagen durchschnittlich sogar nur bei 13 Prozent. Durch die Überbauung könnten an bestehenden Netzverknüpfungen zusätzliche Erneuerbaren-Kapazitäten "im zweistelligen GW-Bereich" angeschlossen werden, so Stark weiter.
Nur wenig überschüssiger Strom
Überschüssiger erneuerbarer Strom soll dabei nur im geringen Maße entstehen: So habe eine Überbauung von 150 Prozent laut Studie nur EE-Überschüsse im Promille-Bereich zur Folge. Lediglich an sehr starken Windstandorten an der Küste und im Schwarzwald erreichten die Überschüsse geringe einstellige Prozentzahlen.
Eine Überbauung von 250 Prozent führe im Schnitt zu Überschüssen von 13 Prozent. Bei einem gleichmäßigen Ausbau von Wind und PV oder einem Überhang von PV-Anlagen ließen sich die Überschüsse auf durchschnittlich 5 Prozent senken.
Vorteile für Netzbetreiber
Durch die Überbauung lasse sich das Einspeisepotenzial von Wind- und PV-Anlagen im Schnitt auf 53 Prozent steigern. "Das lässt noch ausreichend Potenzial, um Biomasseanlagen und Elektrolyseure anzuschließen", so Stark. Zudem könne überschüssiger Strom in der Sektorenkopplung genutzt werden.
Auch für Netzbetreiber habe der Vorschlag laut dem BEE viele Vorteile. Zum einen würden bestehende Assets besser genutzt. Zum anderen sinken die Netzkosten und die Betriebsführung würde durch das "Abschneiden" der kurzfristigen Spitzen vereinfacht. In Verbindung mit Speichern lasse sich eine stabilere Einspeisung erreichen. Redispatchmengen und -kosten sinken im Ergebnis.
Änderungen im EEG
Um die Lösung rechtlich umzusetzen, sind laut dem Verband minimale Anpassungen der Paragraphen 8 und 11 im EEG notwendig. Der BEE will zudem mit dem Bundeswirtschaftsministerium und der Bundesnetzagentur entsprechende Musterverträge entwickeln. "Die Bundesregierung sollte die gemeinsame Nutzung und Überbauung von Netzverknüpfungspunkten daher noch in diesem Jahr umsetzen, so Verbandspräsidentin Peter.
Der BEE-Vorschlag wird von zahlreichen Unternehmen aus der Energiewirtschaft getragen. Neben Projektentwicklern und Direktvermarktern gehören auch Netzbetreiber wie Eon sowie kommunale Versorger wie Enercity oder die Stadtwerke Münster zum Unterstützerkreis. (jk)



