Eine Stromversorgung mit mindestens 80 Prozent erneuerbaren Energien bis 2030 ist ohne Kern- und Kohlekraftwerke machbar. Das zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Allerdings müsste Deutschland dafür die Ausbauziele bei den Erneuerbaren vollständig erreichen. Zudem müsste die aktuelle Leistung der Gaskraftwerke erhalten bleiben und diejenige der Biomassekraftwerke um etwa 20 Prozent steigen. Erdgaskraftwerke würden in diesem Szenario dann noch 18 Prozent der Stromerzeugung ausmachen.
Die Forscher kommen außerdem zu dem Ergebnis, dass das Abschalten der letzten Atomkraftwerke in Deutschland nicht wesentlich zu den Preisspitzen der vergangenen Jahre beigetragen und auch keine substanziellen Netzengpässe verursacht hat. Mithilfe eines Strommarktmodells haben sie zwei Szenarien berechnet und miteinander verglichen: Im ersten waren – wie im Jahr 2021 – noch sechs Kernkraftwerke in Betrieb, im zweiten keines mehr.
Höhere Strompreise
Die Modellrechnungen für das Referenzjahr 2021 zeigen demnach, dass der durchschnittliche Strompreis ohne Kernkraftwerke kurzfristig um bis zu elf Prozent gestiegen wäre. "Allerdings ist das gering im Vergleich zum tatsächlichen Strompreisanstieg im selben Jahr von etwa 41 Euro pro Megawattstunde im April auf bis über 250 Euro pro Megawattstunde im Dezember, verursacht durch höhere Rohstoffpreise", so Christian von Hirschhausen, Forschungsdirektor in der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt im DIW Berlin.
Vor allem die kriegsbedingten Gaspreissteigerungen und die enormen Ausfälle französischer Kernkraftwerke hätten die Strompreise erhöht. Dies sei bedingt durch die dominante Stellung der Atomkraft im französischen Energiemix. Auch der Effekt auf die Netzengpässe ist laut Szenarioanalyse eher gering. In der Realität sind bei der Abschaltung der verbleibenden drei Kernkraftwerke vor einem Jahr die Preise zunächst leicht gesunken.
Zunehmender Redispatch
Für den deutschen Strompreis der letzten Jahre sei die Erzeugung aus den letzten deutschen Kernkraftwerken insgesamt nur ein geringer Einflussfaktor. Bedeutender sind demnach die Rohstoffpreise für fossile Energieträger wie Steinkohle und vor allem Erdgas, da diese Kraftwerke in den Stunden, in denen erneuerbare Energie nicht die Nachfrage decken können, meist den Preis am Day-Ahead-Markt bestimmen.
Die Abschaltung der letzten sechs Kernkraftwerke im vergangenen Jahr veränderte auch die Netzsituation kaum. Die hypothetischen Modellsimulationen für das Jahr 2021 haben ergeben, dass die existierenden Netzengpässe weitgehend unverändert geblieben wären und die Anpassungsmaßnahmen (Redispatch) um etwa 4 TWh hätten erhöht werden müssen. Zum Vergleich: Historisch betrug die Menge des Redispatch im Jahr 2021 rund 21,5 TWh und wuchs 2022 und 2023 auf 32,5 TWh und 33,1 TWh an. (jk)



