Die Energiewirtschaft und speziell die kommunale Versorgerlandschaft kennt Constantin H. Alsheimer gut: Als Vorstandsvorsitzender des größten Netzwerks kommunaler Energie- und Wasserversorger in Deutschland hat er Einblick in die Bilanzen der mehr als 100 Unternehmen der Thüga-Gruppe. Vor seiner jetzigen Funktion war der 56-jährige Energiemanager von Anfang 2009 bis Ende 2023 Vorstandschef des Frankfurter Regionalversorgers Mainova.
Zuletzt hat sich Alsheimer mehrfach in energiepolitische Debatten eingeklinkt, etwa bei den Vorschlägen der Bundesnetzagentur zu den vermiedenen Netzentgelten. Im ersten Teil des ZfK-Interviews skizziert der Thüga-Chef seine Anforderungen an die neue Bundesregierung und bekräftigt seine Kritik an den Netzregulierungsplänen von Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller.
Herr Alsheimer, die neue Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat schon in den ersten Tagen pointiert klar gemacht, wohin sie energiepolitisch steuern will: Erneuerbaren-Ausbau bremsen, Betriebsverbot für Heizkessel kippen, Zubau von bis zu 20 Gigawatt Gaskraftwerken, Klimaschutz nicht mehr als prioritäres Ziel. Sind Sie mit diesem Einstieg zufrieden?
Frau Reiche stellt aus meiner Sicht eine Chance für den Wirtschaftsstandort Deutschland dar. Sie vertritt eine klar marktwirtschaftliche Haltung. Sicherlich sind nicht alle Positionen die Sie erwähnt haben schon in Stein gemeißelt. Es sind Richtungshinweise, so verstehe ich das. Aber die Richtung, die jetzt eingeschlagen werden soll, stimmt. Das energiewirtschaftliche Dreieck muss austariert sein. Es muss ein permanentes Gleichgewicht zwischen den Klimaanforderungen sowie der Versorgungssicherheit und der Bezahlbarkeit geben. Wir können es uns nicht mehr leisten/erlauben nur ein einzelnes Ziel in den Mittelpunkt zu stellen. Alles muss von der Wirtschaft auch bezahlt/finanziert und von den Menschen akzeptiert werden. Die Kostenorientierung halte ich für eine Verpflichtung, die sich mit mehr Markt erreichen lässt. Davon bin ich überzeugt.
Waren die von der Vorgängerregierung ausgegebenen Ziele für den Ausbau der Erneuerbaren zu ambitioniert?
Es gab mal eine Zeit, in der ich in meiner damaligen Funktion als Mainova-Chef den Bau von Gaskraftwerken, Gemeinschaftskraftwerken an den Standorten Irsching und Bremen, verantwortet habe. Die Branche hat damals diese Kraftwerke errichtet, weil sie auf den Markt vertraut hatte und darauf, dass die Förderung der erneuerbaren Energien jeden Verbraucher nicht mehr als die berühmte "Kugel Eis" pro Monat kostet. Und es war ja nicht so, dass der Markt damals nicht funktioniert hätte. Die Politik hat dann aber umgesteuert und sich dafür entschieden, den Ausbau der Erneuerbaren massiv über das EEG zu fördern und somit nach vorn zu bringen. Das ist zwar gelungen, es war aber kein Weg, der über den Markt gesteuert wurde. In der Folge sind andere für die Stromversorgung relevante Investitionen, wie der Bau steuerbarer Kraftwerke, ausgeblieben. Die baut inzwischen/heute niemand mehr, und nun benötigen wir dafür einen Kapazitätsmarkt. Wir haben das Ziel des EE-Ausbaus zwar erreicht. Aber es stand nicht der Markt im Mittelpunkt, sondern das Regelwerk und die Förderung. Mit erheblichen Folgen für die Kosten.
"Es spricht in meinen Augen gar nichts dagegen, wenn ein Immobilieneigentümer heute eine klassische, günstige und effiziente Gasheizung einbaut."
Noch mal zurück zur plakativen Debatte um die Abschaffung des Heizkessel-Verbots. Dahinter steht die Ankündigung, das Gebäudeenergiegesetz (GEG) in seiner derzeitigen Form abzuschaffen und neu zu schreiben. Was sollte in einem neuen GEG drinstehen?
Das Gebäudeenergiegesetzmuss eine gewisse Fairness zwischen den Technologien ermöglichen. Ich empfinde derzeit keine Chancengleichheit, auch für Hybridlösungen nicht. Es ist klar erkennbar, dass die Voraussetzungen für die Umstellung auf wasserstoffbetriebene Heizungsanlagen so hoch sind, dass sie im Grunde nicht erfüllt werden können. Die Stadtwerke und Energieversorger sollen mit Blick auf den Abschied von fossilem Gas weit in die Zukunft reichende Verpflichtungserklärungen abgeben, die man unternehmerisch so nicht abgeben kann.
Auch bei den Wärmeentwicklungsplänen vor Ort sollte es mehr Entscheidungsfreiheit geben. Vielleicht entscheidet sich die Politik vor Ort ja, die Wärmeversorgung mit dem Umbau der Netze zwischen 2035 und 2045 von Gas auf Strom umzustellen, weil man nicht alles sofort ertüchtigen kann. Und es spricht in meinen Augen auch gar nichts dagegen, wenn ein Immobilieneigentümer heute eine klassische, günstige und effiziente Gasheizung einbaut, weil das Haus in zehn Jahren renoviert wird und dann eine moderne Wärmepumpe eingesetzt werden soll. Ein solcher Weg, der wirtschaftlich rational wäre, ist ihm aber verschlossen. Deshalb sollte es mehr Freiheitsgrade sowohl für Hauseigentümer als auch für Stadtwerke bei der kommunalen Wärmeplanung geben.
Wie beurteilen Sie den Plan, bis zum Jahr 2030 Gaskraftwerke im Umfang von bis zu 20 Gigawatt zubauen zu wollen? Ist das realistisch?
Erforderlich und dringlich sind diese Kraftwerke. Den Bau innerhalb von fünf Jahren im Umfang von 20 Gigawatt umzusetzen, halte ich aber ehrlich gesagt für wenig realistisch. Dennoch muss der Bau dieser Kraftwerke so schnell wie möglich angegangen werden. Um das zu ermöglichen, brauchen wir einen Kapazitätsmarkt, der auch dezentrale Elemente enthalten muss. Die Vergabemaßstäbe müssen nicht nur Großkraftwerke mit 400 bis 500 Megawatt in den Blick nehmen, sondern auch kleinere Anlagen mit kürzeren Laufzeiten. Es gibt ganz viele dezentrale Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen, die freie Leistungskapazitäten haben und auch nominieren könnten, aber sicher nicht auf 20 Jahre und mit der Anforderung von 300 oder 400 Megawatt.
Wird sich die Thüga selbst oder die Thüga-Gruppe am Bau solcher Back-up-Kraftwerke beteiligen?
Wir als Thüga selbst bauen keine Kraftwerke, aber unsere Partnerunternehmen eventuell schon. Diese treffen ihre Entscheidungen für sich. Aber momentan sehe ich diese Entwicklung bei unseren Beteiligungen nicht. Wenn es dagegen um die Frage dezentraler kleinerer Kraftwerke und Leistungsmengen geht, werden die Unternehmen der Thüga-Gruppe ganz bestimmt dabei sein.
Sie fordern, dass es einen "Realitätscheck" für die Energiewende geben muss. Wo entspricht denn die derzeitige Planung nicht der Realität und wo muss konkret nachjustiert werden?
Die Energiewende ist ein langfristiges Vorhaben. Wenn wir den Zeithorizont von zehn oder 20 Jahren betrachten, müssen die Vorgaben immer wieder überprüft werden. Es muss die Frage gestellt werden, sind wir noch auf der richtigen Spur und haben sich Mengengerüste geändert? Wenn wir fragen, hat sich der Hochlauf der Wärmepumpen so entwickelt wie avisiert? Die Antwort lautet nein. Hat sich der Hochlauf der Elektrofahrzeuge so entwickelt wie geplant? Nein. Wird sich die Photovoltaik wie geplant um das Dreifache bis 2030 steigern? An dieser Stelle steht ein Fragezeichen mit Blick auf die Überlastung vieler Netzstrukturen. Wie geht es mit dem Absatz beim Industriestrom weiter? Oder wie steht es um die Sanierungsquoten bei den Hauseigentümern? Und was heißt das zusammengenommen alles für die Systementwicklung der Netze? Und welche Folgen hat das für den Anpassungsbedarf beim Netzausbau? Das nicht zu überprüfen und nachzujustieren, wäre sträflich und nicht zielführend.
Konkret gehen Sie also wie manche Experten davon aus, dass wir in der Zukunft gar nicht so viel Strom benötigen wie bisher prognostiziert?
Das kann ich nicht vorhersagen. Ich nehme wahr, dass durch die Entwicklung bei der künstlichen Intelligenz und den immensen Strombedarf der Rechenzentren in den Ballungszentren sehr viel Leistung abgefragt wird. Gleichzeitig geht der Strombedarf der Industriebetriebe zurück. Man muss sehen, wie sich das in einer bundesweiten, volkswirtschaftlichen Betrachtung saldiert. Insgesamt wächst der Bedarf, je mehr Bereiche wir elektrifizieren, was immer noch der Plan ist. Für mich wäre eher die Frage, ob es nicht klug wäre, sich bei der Weiterentwicklung der Energiewende auf Schwerpunkte zu konzentrieren. Beispielsweise könnten KI-Unternehmen und Rechenzentren bevorzugt werden, da sie viel Strom verbrauchen und gleichzeitig viel Wärme produzieren. Es kann Sinn machen, die Wärmepläne vor Ort daran auszurichten. Das könnte am Ende bedeuten, an verschiedenen Standorten prioritär die Gasnetze auf Wasserstoff umzurüsten und damit die Systemkosten niedriger zu halten als bei einem ungebremsten Ausbau der Verteilnetze.
"Ehrlicherweise gibt es kaum eine substanzielle Chance, unser Strompreisniveau im Vergleich zu den anderen Wirtschaftsnationen zu senken."
Die neue Bundesregierung will möglichst schnell das Strompreisniveau senken. Stromsteuer auf europarechtliches Mindestniveau reduzieren, Netzentgelte und Umlagen runter, ein Industriestrompreis sind die Stichworte. Das wird sehr teuer. Sollten stattdessen nicht eher Investitionen angereizt werden, um die Systemkosten insgesamt runterzubringen?
Ich bin kein Kritiker dieser Pläne, halte das für politisch absolut geboten. Es ist sehr wichtig, dass die Unternehmen und die Verbraucher die Energiewende weiterhin akzeptieren. Die deutsche Industrie steht im Wettbewerb mit anderen Staaten und Standorten, die deutlich niedrigere Energiepreise haben. Ein Unternehmer hat mich jüngst gefragt, wie man die Energiekosten hierzulande senken kann. Ich habe ihm gesagt, ich sehe nur die Möglichkeit, mehr günstigeren Strom aus den europäischen Nachbarstaaten zu importieren und dafür den Netzausbau innerhalb Europas zu beschleunigen. Aber ehrlicherweise gibt es kaum eine substanzielle Chance, unser Strompreisniveau im Vergleich zu den anderen Wirtschaftsnationen zu senken. Deshalb müssen die Strompreise gedämpft werden, um die Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen. Zumindest so lange, bis die anderen Staaten mit ihren Strompreisen ein Stück weit aufgeschlossen haben.
Mag sein, dass Kritiker das als eine konsumtive Ausgabe deklarieren, die keine direkten neuen Investitionen anreizt. Aber wir dürfen unsere industrielle Basis nicht verlieren. Die Energiewirtschaft lebt nicht auf einer Insel, wir sind Teil dieser Volkswirtschaft. Wir werden als Branche nur dann unsere Transformation erfolgreich hinbekommen, wenn diese im Einklang mit den Menschen im Land und der Industrie funktioniert.
Bei den Stadtwerken mehren sich die kritischen Stimmen zu den von der Bundesnetzagentur geplanten Änderungen des Regulierungsrahmens für Netzbetreiber. VKU-Chef Ingbert Liebing sprach gar von einem "toxischen Cocktail", den Verteilnetzbetreibern drohten Mindereinnahmen von bis zu 30 Prozent. Welches Ungemach kommt auf die Stadtwerke zu?
Jenseits aller Begriffe hat Herr Liebing in der Sache Recht. Denn was die Bundesnetzagentur hier plant, betrifft eine Schlüsselfrage der Transformation des Energiesystems, nämlich wie die Stromnetze künftig ausgebaut werden. Zwar verstehe ich den Regulierer, wenn er die Bezahlbarkeit im Blick behalten und die Ausbaukosten möglichst niedrig halten will. Was ich aber nicht nachvollziehen kann, ist, dass die Bundesnetzagentur glaubt, dass man ausgehend vom derzeit drittniedrigsten Verzinsungsniveau in Europa die Netzentgelte noch mal substanziell reduzieren kann. Und zwar durch Kürzungen sowohl bei der Anerkennung der operativen Kosten als auch der Kapitalkosten.
Es ist doch ein Irrglaube, wenn die Bundesnetzagentur meint, das Geld der Investoren werde trotz des dann europaweit niedrigsten Verzinsungsniveaus trotzdem in den deutschen Stromnetzausbau fließen. Auch die geplanten Einschnitte bei der Anerkennung der Personalkosten sind für mich völlig unverständlich. Die Energieversorger und Stadtwerke stehen bei der knappen Ressource Personal im Wettbewerb mit anderen Industriebereichen. Wir müssen alles tun, um Nachwuchs für unsere Aufgaben zu begeistern und zu gewinnen. Die derzeitigen Pläne der Bundesnetzagentur gefährden die notwendige Transformation der Branche.
"Jetzt als Regulierer hinzugehen und diese gezielte Vergütung für systemdienliche Einspeisung rückwirkend zu kappen, bedeutet einen erheblichen Vertrauensverlust."
Die Bundesnetzagentur scheint derzeit im Angriffsmodus zu sein. Löst auch der Vorschlag, die vermiedenen Netznutzungsentgelte für dezentrale Bestandsanlagen rückwirkend zu streichen, bei den Kommunalversorgern alles andere als Euphorie aus?
Das ist ein Eingriff, der auf bestehende Investitionen zielt. Das verbietet sich aus meiner Sicht. Die Marktteilnehmer haben Kraftwerke im städtischen Bereich errichtet, wodurch der Ausbau von Transportnetzen überflüssig wurde und damit Kosten eingespart wurden. Vor allem wurden diese Projekte, etwa über Contracting-Modelle, unter den bestehenden gesetzlichen Voraussetzungen längerfristig vermarktet. Und das selbstverständlich im Vertrauen darauf, dass sich die Rahmenbedingungen in der Laufzeit der Anlagen nicht verändern werden. Jetzt als Regulierer hinzugehen und diese gezielte Vergütung für systemdienliche Einspeisung rückwirkend zu kappen, bedeutet einen erheblichen Vertrauensverlust. Wenn man als Vorstand die Lektion lernen muss, dass Investitionen im Nachhinein entwertet werden, wird das Folgen für künftige Entscheidungen haben. Unser gemeinsames Ziel ist es doch, den Ausbau der Verteilnetze moderat zu halten, indem wir Kraftwerke dezentral etablieren. Dieses Ziel wird durch den Plan, die vermiedenen Netzentgelte künftig zu kürzen und dann später ganz abzuschaffen, ein gutes Stück konterkariert.
Die Bundesnetzagentur kann seit geraumer Zeit unabhängig von der Politik ihre Entscheidungen treffen. Überreizt Präsident Klaus Müller seine Rolle?
Dazu steht mir keine Einschätzung zu. Herr Müller hat eine Aufgabe und eine eigene Verantwortung. Das respektiere ich. Und ich vertraue darauf, dass Klaus Müller das Ziel hat, ein neuralgisches Element der Energiewende wirksam nach vorn zu bekommen. Aber ich bezweifle, dass dieses Ziel mit den bisher geplanten Maßnahmen erreicht wird.
Das Interview führte Klaus Hinkel



