Weil Bundeskanzler Olaf Scholz fehlte, leitete am Mittwoch sein Vize Robert Habeck das Bundeskabinett. Dabei wurde auch die Fortschreibung der nationalen Wasserstoffstrategie beschlossen.

Weil Bundeskanzler Olaf Scholz fehlte, leitete am Mittwoch sein Vize Robert Habeck das Bundeskabinett. Dabei wurde auch die Fortschreibung der nationalen Wasserstoffstrategie beschlossen.

Bild: © Britta Pedersen/dpa

Die neue nationale Wasserstoffstrategie hat das Bundeskabinett passiert. Damit gehen ambitionierte Ziele bei der Erzeugung, dem Import und der Nutzung des Energieträgers in Deutschland einher.

Das 34 Seiten umfassende Werk folgt dem Entwurf, der bereits Mitte Juli von den beteiligten Ministerien vorgelegt wurde. (Die ZfK berichtete.)

Heimische Erzeugungskapazitäten verdoppeln

Mehrere Themenblöcke werden dabei unterschieden. Zum einen will die Bundesregierung die heimischen Erzeugungskapazitäten von fünf auf mindestens zehn Gigawatt (GW) verdoppeln.

Insgesamt geht die Ampel-Koalition nun von einem Wasserstoffbedarf im Jahr 2030 von 95 bis 130 Terawattstunden (TWh) aus. Etwa ein Drittel der benötigten Menge könne in Deutschland erzeugt werden, sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Mittwoch. Zwei Drittel müssten importiert werden.

Wasserstoff-Kernnetz

Zum anderen sieht das Papier den Aufbau einer "leistungsfähigen Wasserstoffinfrastruktur" vor. Die Fernleitungsnetzbetreiber haben bereits ihre Vorstellungen für ein Wasserstoff-Kernnetz vorgestellt. Dieses soll bis 2032 stehen. (Die ZfK berichtete.)

In einer zweiten Stufe soll bis Ende dieses Jahres eine umfassende Wasserstoff-Netzentwicklungsplanung im Energiewirtschaftsgesetz verankert werden. Frühestens dann dürfte auch mehr Klarheit darüber herrschen, was die Netzpläne für Privathaushalte bedeuten. Zunächst geht es nur darum, große Mengen an Wasserstoff überhaupt im Land verteilen zu können.

Wasserstoffanwendungen

Daneben setzt die Bundesregierung den Schwerpunkt auf Verbindungen zu Nachbarländern sowie zu potenziellen Erzeugungsregionen in Skandinavien, Süd- und Osteuropa sowie zu Import-Knotenpunkten in Westeuropa. Sie hofft auch auf Verbindungen nach Nordafrika entweder über Frankreich, Spanien und Portugal (H2Med-Pipeline) oder über Österreich und Italien (Südkorridor).

Drittens skizziert die neugefasste Strategie verschiedene Wasserstoffanwendungen. Kurz gefasst: Im Fokus stehen jene Industriesektoren, die fossile Rohstoffe wie Erdgas, Erdöl oder Kohle in der stofflichen Nutzung ersetzen müssen.

Wasserstoff im Verkehrs- und Stromsektor

Im Mobilitätssektor gelten der Luftfahrt- und Güterverkehr als klassische Anwendungsfälle. Verkehrsminister Volker Wissing verwies jedoch auch auf die Bedeutung von Wasserstoff für den Individualverkehr.

Im Stromsektor sieht die Bundesregierung Wasserstoff als Speicher- und Transportlösung vor. Zudem könnten Wasserstoffkraftwerke in Zeiten hoher Stromnachfrage und geringen Stromangebots aus erneuerbaren Energien eine kurzfristige und saisonale Ausgleichsfunktion übernehmen.

Wärme: Wasserstoff "eher nachgeordnete Rolle"

Die Bundesregierung sieht im Strom- und Wärmebereich für das Jahr 2045 einen jährlichen Wasserstoffbedarf von 80 bis 100 TWh. Um die notwendigen Kapazitäten dafür zu haben, will Wirtschaftsminister Habeck demnächst eine Kraftwerksstrategie vorstellen. Die Verhandlungen mit der EU-Kommission darüber seien inzwischen weit fortgeschritten, sagte der Grünen-Politiker.

Im Wärmesektor misst die Bundesregierung Wasserstoff eine "eher nachgeordnete Rolle" zu. Hier bestünden viele Ausweichmöglichkeiten, heißt es in dem Papier.

BDEW: Klares Zielbild fehlt

Der Energiebranchenverband BDEW begrüßte in einer Stellungnahme, dass die Bundesregierung die nationale Wasserstoffstrategie "nun endlich" vorgelegt habe.

"Leider fehlt für eine konsistente Strategie die Formulierung eines klaren Zielbildes", hieß es. "Dieses sollte [...] ein funktionierender und sich selbst tragender Wettbewerbsmarkt sein. Auf dieses Ziel sollten die Förderinstrumente, aber auch die allgemeinen Rahmenbedingungen und das Marktdesign ausgerichtet werden."

VKU mit Lob und Kritik

Lob und Kritik wechselten sich auch in der Stellungnahme des Stadtwerkeverbands VKU ab. Für gut befand er beispielsweise, dass die heimischen und kommunalen Wasserstofferzeugungspotenziale besser genutzt werden sollen.

Jedoch wäre aus VKU-Sicht ein Elektrolyse-Schnellstartprogramm sinnvoll gewesen, um der lokalen und kommunalen Wasserstoffproduktion den entscheidenden Anschub zu geben.

Unklarheit bei Offshore-Strom

Unklar war Tobias Goldschmidt, Umweltminister von Schleswig-Holstein und Grünen-Politiker, ob die Bundesregierung Wasserstoffproduktion aus Offshore-Strom unterstützt. Hier sollte schnell nachgebessert werden sagte er.

"Der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft ist ein Marathon, der im Sprinttempo gelingen muss", sagte Goldschmidt. "Daher muss es direkt zu Beginn mit vollem Tempo losgehen."

BEE: Auf heimische Potenziale setzen

Kritisch äußerte sich der Erneuerbaren-Verband BEE. Er tadelte, dass die Bundesregierung "vorrangig auf Importe per Schiff, auch von blauem Wasserstoff" ziele statt auf heimische Potenziale für grünen Wasserstoff zu setzen.

"Statt den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen, sollte die Bundesregierung auf eine No-Regret-Strategie setzen, die zunächst den Hochlauf vor Ort anstößt und den verbliebenen Bedarf durch Importe deckt", hieß es. (aba/dpa)

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