Von Lucas Maier
Die Europäische Union hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2028 komplett ohne Gas- und Öllieferungen aus Russland auszukommen. Aktuell wird prognostiziert, dass 2025 noch rund 13 Prozent des Erdgases in Europa aus Russland stammen, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet.
Zum Vergleich: Vor dem völkerrechtswidrigen Flächenangriff Russlands auf die Ukraine waren es noch rund 45 Prozent. Bei den Ölimporten machen russische Zulieferungen etwa drei Prozent aus.
Ob Krieg oder Frieden: Kein Gas aus Russland
Am Donnerstag rief US-Präsident Donald Trump die europäischen Staaten dazu auf, die gesamten Importe einzustellen. Im Gespräch mit Reuters machte EU-Energiekommissar Dan Jørgensen aber deutlich, dass die USA keinen Druck auf ihn ausüben würden, noch vor dem Stichtag 1. Januar 2028 auszusteigen. "Putin hat Energieimporte nicht nur als Waffe gegen uns gerichtet, hat Mitgliedsstaaten in Geiselhaft genommen, indirekt helfen wir seinen Krieg zu finanzieren, das muss aufhören", so der dänische Politiker.
Nach Angaben der Berliner Zeitung soll Jørgensen am Freitag, vor dem Treffen der europäischen Energieminister, sogar noch deutlicher geworden sein. "Wir müssen aus der Vergangenheit lernen und dürfen Russland nie wieder erlauben, Energie als Waffe gegen Europa einzusetzen." Und weiter: "Europa wird nie wieder auch nur ein einziges Molekül russischen Gases kaufen, sobald diese Entscheidung getroffen ist. Das sind keine befristeten Sanktionen, das gilt für immer."
Ein Drittel des Gases, das EU-Staaten aus Russland im vergangenen Jahr bezogen haben, stammt aus Käufen am Spotmarkt, wie die Tagesschau berichtete. Bis zum 17. Juni des Jahres 2026 sollen die Käufe von russischem Gas am Spotmarkt verboten werden, neue Verträge sollen bereits ab 1. Januar unterbunden werden, bis dann mit Ende 2027 der Hahn komplett zugedreht werden soll. So sieht es der im Juni veröffentliche Gesetzesentwurf der EU-Kommission vor.
Im ersten Halbjahr 2025 importierte die EU Flüssiggas im Wert4,48 Milliarden Euro aus Russland. Das entspricht einer Steigerung der Ausgaben um rund 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Handelsdeal mit den USA
Insgesamt will die EU demnach Energie im Wert von 750 Milliarden US-Dollar aus den USA importieren – in den nächsten drei Jahren. So lautet der jüngste Deal zwischen der Europäischen Union und der US-Regierung. Neben Gas und Öl schließt der Pakt auch Brennstoffe für Kernkraftwerke und Reaktoren ein. "Wir werden russisches Gas und Öl durch umfangreiche Käufe von US-Flüssigerdgas, Öl und Kernbrennstoffen ersetzen", sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, nach den Verhandlungen in den USA, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).
Im vergangenen Jahr lieferten die USA Energieträger im Wert von rund 70 Milliarden Dollar nach Europa. Das entspricht nicht einmal 30 Prozent der Deal festgehaltenen Jahresimportsumme von 250 Milliarden. Ein Drittel von den Importen entfiel auf LNG-Gas.
Europäischer Gasverbrauch als Argument
Bereits während des LNG-Gashochlaufs in Folge des russischen Großangriffs auf die Ukraine wurde der europäische Gasverbrauch in den USA als Argument für den Zubau an LNG-Terminals genutzt. Das Erdgas, das in den USA zu Flüssiggas verarbeitet wird, wird größtenteils durch Fracking gefördert.
Für die LNG-Terminals gelten weitaus niedrigere Reinhaltungsstandards als es in der EU der Fall ist. Dort bestehenden Industrieanlagen werden laut der Grünen Abgeordneten Lisa Badum, die auf einer USA-Reise 2024 diverse Anlagen besuchte, "ohne entsprechende Standards für Luft- und Flussreinhaltung betrieben". Aus Angst vor Umwelt- und Klimaschäden verhängte Joe Biden in seiner Amtszeit einen LNG-Stopp. Die Trump Administration setze diesen wieder zurück.
Zahnloser Tiger, der für Diskussionsstoff sorgt
Der aktuelle Handelsdeal zwischen EU und USA sei allerdings nicht rechtlich bindend, sondern eher als Absichtserklärung zu verstehen, heißt es von der EU-Kommission. Kritik gibt es dennoch. "Flüssiggas in einer Menge, die 250 Milliarden Euro kostet, wird gar nicht benötigt. Was sollen wir mit diesen Mengen denn anfangen? Und dass diese Importe mit den Klimaschutzzielen völlig unvereinbar sind, liegt auf der Hand", sagte der EU-Energiepolitiker Jens Geier (SPD) zuletzt dem RND. Flüssiggas an sich besteht fast komplett aus Methan.
Bei den Terminals entweicht auf Produktions- und Lieferwegen das umweltschädliche Gas immer wieder, in der Fachsprache nennt sich das "Methanschlupf". Im Vergleich zu Kohlenstoffdioxid (CO₂) ist Methan ungefähr 25-mal klimaschädlicher.
EU kann nicht zu Einkäufen zwingen
Am Ende müssen die Einkäufe von den europäischen Energiekonzernen getätigt werden – wie hoch diese ausfallen, kann den Konzernen nicht vorgeschrieben werden. Dass die EU-Maßnahmen ergreift, um den Handelsdeal zu erfüllen, also Quoten festschreibt, Einkäufe bezuschusst oder über nicht private Stellen große Mengen ordert, scheint bislang doch eher unwahrscheinlich. In den USA rechnet die US-Energiebehörde EIA mit einem Exportvolumen von 207 Milliarden Dollar und das bis 2028, wie der RND schreibt.
"Die Kommission hätte diesem Abkommen niemals zustimmen dürfen – es führt Europa direkt in eine neue Abhängigkeit", warnt SPD-Politiker Geier. "Den gleichen Fehler wie mit Russland dürfen wir kein zweites Mal machen."
Das meiste Flüssiggas, das Deutschland importiert, stammt mit über 50 Prozent zwar aus den USA, den Großteil des in Deutschland verbrauchten Gases wird jedoch über Pipelines bezogen. Dabei sind die drei größten Lieferanten Norwegen, Belgien und die Niederlande.



