Die Bundesnetzagentur reagiert auf steigende Leitzinsen und schlägt eine Erhöhung der Eigenkapitalverzinsung für Deutschlands mehr als 800 Strom- und rund 700 Gasnetzbetreiber vor. Das geht aus einem Eckpunktepapier hervor, das die Bonner Aufsichtsbehörde am Mittwoch veröffentlichte.
Prinzipiell soll der Eigenkapitalzinssatz für Neuanlagen dynamischer werden und jährlich statt wie bislang alle fünf Jahre geändert werden können. Nach aktuellen Prognosen soll er für 2024 etwa 7,09 Prozent betragen. Inklusive Gewerbesteuer wären es 8,1 Prozent.
Aktueller Zinssatz bei 5,07 Prozent
Derzeit gilt für Gasnetzbetreiber ein Eigenkapitalzinssatz für Neuanlagen von 5,07 Prozent. Bei Stromnetzbetreibern sind es noch 6,91 Prozent. Hier sollte die Senkung auf 5,07 Prozent erst im kommenden Jahr erfolgen. Bei den genannten Werten wurde eine gegebenenfalls anfallende Körperschaftsteuer nicht mit eingerechnet.
Der 5,07-Prozent-Satz wurde inmitten der Corona-Krise im Herbst 2021 festgelegt. Die Leitzinsen befanden sich damals auf historisch niedrigem Niveau.
EZB-Leitzins zieht kräftig an
Die Rahmenbedingungen haben sich seitdem grundlegend geändert. Seit Juli 2022 erhöhte die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins im Euroraum kräftig – von null auf zuletzt 3,75 Prozent. Weitere Anhebungen sind angesichts hoher Teuerungsraten in der Union nicht ausgeschlossen.
Für den Anlagenbestand soll der Eigenkapitalzinssatz nach Vorschlag der Bundesnetzagentur unverändert bei 5,07 Prozent bleiben. "Die niedriger verzinsten und entsprechend abgesicherten Investitionen, die sich im Bestand der Netzbetreiber befinden, konnten in den vergangenen Jahren im Umfeld äußerst niedriger Zinssätze auch langfristig entsprechend günstig finanziert werden", erklärte die Behörde.
500 Mio. Mehrbelastung pro Jahr?
Schon im Vorfeld hatte die Bundesnetzagentur verlauten lassen, dass sie bei den Zinsen für Netzbetrieb und Investitionen aktiv werde, wenn sich die Rahmenbedingungen auf den Finanzmärkten ändern würden. Dazu kommt, dass Netzbetreiber bundesweit vor einem massiven Aus-, Um- und Rückbau von Strom- und Gasnetzen stehen.
Experten gehen davon aus, dass sich das Stromnetzentgelt-Aufkommen durch das geplante Zinsplus bundesweit pro Jahr um insgesamt rund 500 Millionen Euro erhöhen wird. Pro Durchschnittshaushalt mit einem Jahresverbrauch von 3500 Kilowattstunden würde dies Mehrkosten in Höhe von zehn bis zwölf Euro pro Jahr bedeuten.
"Spürbare Anreize" für Investitionen schaffen
Mit dem jetzigen Schritt wolle die Bundesnetzagentur neue Investitionen besser verzinsen und "spürbare Anreize" für Investitionen bei den Netzbetreibern schaffen, teilte Präsident Klaus Müller mit. Gleichzeitig wolle man den langfristig zu niedrigen Zinsen finanzierten Bestand "nicht übermäßig" vergüten. "Denn die Renditen der Netzbetreiber werden von den Netznutzern bezahlt, also Haushalten, Industrie und Gewerbe. Die Mehrbelastung dort muss auf das Notwendigste begrenzt bleiben."
Die Festlegung gilt für die vierte Regulierungsperiode, die für Gasnetzbetreiber Ende 2027 sowie für Stromnetzbetreiber Ende 2028 ausläuft.
Variabler Basiszins plus Wagniszuschlag
Nach Vorstellung der Bundesnetzagentur soll sich der Eigenkapitalzinssatz für Neuanlagen künftig aus einem jährlich variablen Basiszins sowie einem "konstanten angemessenen Wagniszuschlag" von derzeit rund drei Prozent ergeben.
Bislang wurde für den Basiszins ein Zehnjahresdurchschnitt des risikolosen Zinssatzes herangezogen.
Branche mit Lob und Kritik
In einer ersten Stellungnahme begrüßte der Stadtwerkeverband VKU, die Anreizregulierung einer grundlegenden Überholung zu unterziehen, als "richtigen Ansatz". Das für 2024 prognostizierte Zinsplus nannte er aber "mit Blick auf die benötigten Investitionen [...] enttäuschend."
Als "unverständlich" bezeichnete der Energiebranchenverband BDEW den Vorschlag der Bundesnetzagentur, lediglich den Zinssatz für Neuinvestitionen anzupassen, nicht jedoch für Bestandsinvestitionen. "Die Neuregelung muss auch die Investitionen der früheren Jahre beinhalten", forderte er.
Weitere Informationen zu den neuen Eigenkapitalzinssätzen hat die Bundesnetzagentur unter diesem Link zusammengetragen.



