Die Marktmachtverhältnisse auf dem deutschen Stromerzeugungsmarkt haben sich nach Einschätzung des Bundeskartellamts in den vergangenen Monaten verfestigt. "Gegenwärtig sind keine Entwicklungen absehbar, die eine Entspannung in der Zukunft erwarten lassen", schreibt die Bundesbehörde in ihrem jüngsten Marktmachtbericht.
Im Gegenteil: Das Kartellamt geht davon aus, dass sich die Lage seit dem Abschalten der letzten drei Kernkraftwerke sowie weiterer Erzeugungsanlagen seit April dieses Jahres weiter verschärft hat und in absehbarer Zukunft tendenziell noch weiter verschärfen wird.
RWE vor Leag und EnBW
Dabei nimmt die Kontrollbehörde neben dem Marktführer RWE, dem das Amt bereits im vergangenen Jahr eine marktbeherrschende Stellung bescheinigt hatte, auch die Cottbuser Leag und die Karlsruher EnBW ins Visier. Die Unternehmen belegen die Plätze zwei und drei in der Liste der größten Stromerzeuger in Deutschland.
Im Jahr 2021 betrug der RWE-Marktanteil an der nicht EEG-geförderten Stromproduktion in Deutschland 26,1 Prozent. Der Essener Konzern betreibt unter anderem mehrere Braunkohle- und Gaskraftwerke. Der Energiekonzern Leag, dem insbesondere große ostdeutsche Braunkohlekraftwerke gehören, folgte mit einem Marktanteil von 15,7 Prozent. EnBW, Betreiber mehrerer konventioneller Kraftwerke sowie Pumpspeicherkraftwerke, wies einen Marktanteil von 11,4 Prozent auf.
"EnBW und Leag nahe an Schwelle herangerückt"
Bei der Stromproduktion von EEG-Anlagen verfügen die oben aufgeführten Anbieter übigens über wesentlich geringere Anteile. Das Bundeskartellamt kommt unter Hinzunahme der Eon- und Vattenfall-Anlagen auf lediglich rund 6,4 Prozent.
Ausschlaggebened für die Marktmacht-Bewertung des Bundeskartellamts ist jedoch nicht, wie viel Strom ein Anbieter insgesamt produziert hat, sondern ob und inwieweit das Unternehmen für die Stromnachfrage unverzichtbar ist. Und hier stellte die Behörde einmal mehr fest, dass insbesondere RWE in einer Vielzahl von Stunden unverzichtbar sei. Und: "EnBW und Leag sind nahe an diese Schwelle herangerückt."
RWE-Kapazitäten oft unverzichtbar
Zwar habe RWE im Berichtszeitraum mehrere eigene Kraftwerke abgeschaltet, schreibt die Behörde. Auf die Unverzichtbarkeit des Essener Stromproduzenten für die Deckung der Stromnachfrage habe dies aber keine Auswirkungen gehabt. "Dies liegt daran, dass die Unverzichtbarkeit eines Anbieters nur von den im Markt verfügbaren Kraftwerkskapazitäten anderer Anbieter abhängt."
Hier sei es aber insbesondere durch die Abschaltung der Kernkraftwerke Grohnde und Brokdorf von Eon zum Jahresbeginn 2022 zu einem erheblichen Rückgang von Kraftwerkskapazitäten gekommen. Erst durch die befristete Rückkehr der Reservekraftwerke wurde dieser Rückgang von Kraftwerkskapazitäten zum Ende des Berichtszeitraums im Saldo nahezu ausgeglichen. "Hierbei kehrten aber auch Reservekraftwerke von RWE in den Markt zurück."
Marktmachtzuwachs bei EnBW und Leag
Auch den Marktmachtzuwachs der Energiekonzerne EnBW und Leag führt die Bundesbehörde auf den Rückgang der insgesamt verfügbaren Kraftwerkskapazitäten zurück. Im Vergleich zu RWE sei dieser Anstieg relativ zum Ausgangsniveau leicht stärker ausgeprägt, heißt es in dem Bericht.
Denn durch die Abschaltung von RWE-Kraftwerken gewinne der Kraftwerkspark der beiden Anbieter zusätzlich an Bedeutung für die Deckung der Stromnachfrage.
Einfluss von Stromimporten
Das Kartellamt untersuchte auch den Einfluss von Stromimporten. Das Fazit: "Stromimporte werden perspektivisch zunehmend unverzichtbar, um die Marktmacht der führenden inländischen Anbieter wettbewerblich in Schach zu halten."
Ausländische Erzeugungskapazitäten seien vor allem dann wichtig, wenn die inländische Stromerzeugung aus Wind und Sonne gering sei, die Stromnachfrage aber gleichzeitig hoch. "Ohne ausreichende Stromimporte in solchen Momenten der Knappheit wäre die Marktmacht inländischer Stromerzeuger noch stärker ausgeprägt." (aba/dpa)



