Power Purchase Agreements, kurz PPAs, gelten als wichtiges Instrument für die Energiewende. Doch der Markt steht unter Druck – vor allem, weil vielen Unternehmen der Zugang fehlt. Tibor Fischer, Leiter des Arbeitsgebiets erneuerbare Energien bei der Deutschen Energie-Agentur (Dena), und Nicolas Eschenbruch, Seniorexperte erneuerbare Energien bei der Dena, erklären im Gespräch mit der ZFK, warum eine staatliche Risikoabsicherung notwendig ist, was Deutschland von seinen Nachbarn lernen kann und warum es höchste Zeit ist, vom Reden ins Machen zu kommen.
Herr Eschenbruch, was macht die Finanzierung von PPAs so schwierig?
Eschenbruch: Das größte Thema bei der Finanzierung erneuerbarer Energien ist, dass diese Projekte in der Regel als singuläre Einheiten finanziert werden, also als eigene Gesellschaft, ohne nennenswerte weitere Vermögenswerte. Bei einem Haus kann eine Bank immer auf den Grundwert als Sicherheit abstellen. Bei Erneuerbare-Energien-Projekten gibt es das nicht. Die einzige wirklich verwertbare Position ist der Verkauf des erzeugten Stroms.
Das EEG hat dafür über die Marktprämie einen Mechanismus geschaffen, der diese Einnahmen über 20 Jahre staatlich garantiert, und diese Garantie macht es Banken sehr leicht, klare Konditionen zu benennen und das Ganze sauber zu modellieren beziehungsweise zu finanzieren. Natürlich gibt es auch hier Herausforderungen: Profilwerte verändern sich, mal ist Windstrom mehr wert, mal PV-Strom. Es gibt das Thema der Kannibalisierung der Stromeinspeisung und Stunden negativer Strompreise. Aber all das beziehungsweise vor allem die Sicherheit der Einnahmen ist über das EEG bisher relativ gut abgedeckt.

Nicolas Eschenbruch
Leiter des Projekts Marktoffensive Erneuerbare Energien bei Deutsche Energie-Agentur (Dena)
Seit 2025 leitet Nicolas Eschenbruch das Projekt Marktoffensive Erneuerbare Energien in der Dena. Zuvor war er als Originator im PPA-Handel tätig und verfügt über mehrere Jahre Praxiserfahrung im kaufmännischen Betrieb von PV- und Windenergieanlagen.
Und bei PPAs fehlt diese staatliche Absicherung?
Eschenbruch: Genau. PPAs sind marktwirtschaftliche, bilaterale Verträge – ohne staatliche Rückendeckung. Das macht es für Banken deutlich schwieriger, das Ausfallrisiko des Abnehmers zu bewerten. Beim deutschen Staat muss man darüber hingegen kaum reden.
Gerade kleinere und mittlere Unternehmen sind oft nicht aktiv im Kapitalgeschäft und haben kein Rating. Und ohne Rating ist ein Abnehmer für Banken schlicht nicht bewertbar. Es geht dann gar nicht mehr darum, wie hoch das Risiko wäre. Es kann noch nicht einmal geprüft werden.
Andere Länder in Europa sichern PPAs bereits staatlich ab. Was kann Deutschland von ihnen lernen?
Eschenbruch: Wichtig ist, dass man sich einzelne Aspekte anschaut und nicht pauschal ein Modell überträgt. Wir haben in der im Rahmen der Marktoffensive Erneuerbare Energien erstellten Analyse zur Wirkung einer PPA-Absicherung mehrere Felder identifiziert, in denen sich die Ansätze unterscheiden.
Erstens der Garantiegeber: In Norwegen funktioniert das über ein umlagebasiertes Versicherungsinstrument mit Prämien, in Spanien und Frankreich über separate Mittel aus dem Haushalt. Wir befürworten eine starke Marktintegration und eine faire Bepreisung von Risiken, weil das die geringste Auswirkung auf den Bundeshaushalt hat und erfahrungsgemäß auch selten abgerufen werden muss.
Zweitens die berechtigten Abnehmer: Spanien fokussiert sich auf die stromintensive Industrie. Wir würden das offener gestalten und uns – wenn überhaupt – auf kleinere und mittlere Unternehmen konzentrieren, denn diese haben bisher schlicht keinen Zugang zu PPAs.
Drittens die Laufzeit: Die meisten Banken sprechen von mindestens zehn Jahren für eine solide Finanzierung. Und viertens die Garantiehöhe: Alle drei Länder ersetzen nicht 100 Prozent, sondern rund 80 Prozent. Das ist ein guter Mechanismus, weil er sicherstellt, dass Vertragsparteien und Banken weiterhin den Anreiz haben, Risiken zu reduzieren. Gleichzeitig haben sie aber eine kalkulatorische Grundlage.
Kommen wir noch einmal zu den Abnehmern. Warum werben sie hier für einen größeren Adressatenkreis, als dies etwa in Spanien der Fall ist?
Fischer: Die Botschaft der Finanzwirtschaft ist hier sehr klar: Es hat keinen Sinn, das zu eng zu fassen. Der Mittelstand muss mitgenommen werden – das ist für uns zentral. Man kann die Risikoabsicherung auch politisch jenseits der Energiewirtschaft betrachten. Sie wäre eine echte Hilfestellung für den Mittelstand, fast so etwas wie ein zukunftsfester Industriestrompreis. Gleichzeitig sollte man große Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, nicht ausschließen. Und was uns in den Gesprächen noch einmal sehr deutlich geworden ist: Auch immer mehr Energieversorger und Stadtwerke stoßen angesichts gewaltiger Energiewende-Investitionen an ihre Grenzen.

Tibor Fischer
Leiter des Arbeitsgebiets Erneuerbare Energien bei Deutsche Energie-Agentur (Dena)
Tibor Fischer verantwortet seit 2015 zahlreiche nationale und internationale Projekte im Arbeitsgebiet erneuerbare Energien bei der Dena, seit 2019 ist er Leiter des Arbeitsgebiets Erneuerbare Energien. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der Analyse der Rahmenbedingungen für erneuerbare Energien und neue Geschäftsmodelle im Strom- und Wärmemarkt, der Beratung von öffentlichen Institutionen und Unternehmen sowie der Initiierung von Projekten und Vorhaben. Aktuelle Schwerpunkte seiner Arbeit liegen insbesondere auf neuen Finanzierunginstrumenten für erneuerbare Energien sowie Ansätzen der Dekarbonisierung einzelner Sektoren über integrierte Versorgungskonzepte.
Wie schwer tun sich derzeit Stadtwerke beim Abschluss von PPAs?
Eschenbruch: Da müssen wir unterscheiden. Stadtwerk ist nicht gleich Stadtwerk. Nehmen wir ein Stadtwerk, das Erneuerbare-Energien-Anlagen betreibt. Üblicherweise gründen sie in diesem Fall eine Gesellschaft und vermarkten darüber den Strom. PPAs mit Unternehmen vor Ort kommen trotzdem oft nicht zustande, obwohl diese bekannt und vertrauenswürdig wären, weil die finanziellen Risiken zu groß sind. Hier würde eine Risikoabsicherung direkt ansetzen.
Wenn Stadtwerke als Stromabnehmer auftreten, kommt noch etwas hinzu. Selbst wenn ein Stadtwerk PPA-Strom abnehmen möchte, etwa von einem Windpark, muss es diesen ja weiterverkaufen. Fällt ein Kunde vor Ort aus, steht das Stadtwerk trotzdem für den dahinterliegenden Liefervertrag gerade. Das Stadtwerk ist also das Scharnier zwischen dem regionalen Unternehmen und dem großen Energiemarkt. Es trägt damit ein erhebliches Risiko.
Fischer: Hinzu kommt, dass PPAs für viele Stadtwerke schlicht Neuland sind. Deshalb arbeitet die Marktoffensive Erneuerbare Energien als Projekt stark an der Standardisierung. Wir haben zwei Standardverträge entwickelt. Der erste war für physische PPA, der auch als Hilfestellung für kleinere Stadtwerke konzipiert ist. Auf der E-World wurde gerade unser zweiter Standardvertrag diskutiert und vorgestellt, der sich auf virtuelle PPA bezieht.
Es hat sich gezeigt: Neben der Risikoabsicherung ist es genauso wichtig, dass Stadtwerke als wichtige Player in der Energiewirtschaft überhaupt erst in die Lage versetzt werden, sich in diesem Markt zu bewegen.
Welchen Vorteil haben PPAs gegenüber anderen Beschaffungsprodukten?
Eschenbruch: Der entscheidende Vorteil ist die Laufzeit. Mit Futures, die man als Base oder Peak beschafft, oder mit Kurzfristhandel kann man das nicht abbilden. Wenn ein Unternehmen sagt, es möchte sich für die nächsten zehn Jahre anteilig mit seinen Strompreisen absichern, ist das aktuell faktisch nur über PPAs möglich. Weiterhin lassen sich nachhaltige Bezugskriterien in der eigenen Wertschöpfungskette besser steuern: Das hilft zum Beispiel auch als Vorbedingungen zur Erlangung von Mitteln wie der Strompreiskompensation über spezifische Herkunftsnachweise.
Fischer: Aus Sicht von Stadtwerken kommt noch eine Metaebene dazu. Man könnte über eigene Verträge erneuerbare Energien regional bündeln und verteilen. Das käme der Wirtschaft vor Ort direkt zugute. Preissicherheit und Dekarbonisierung gehen dann Hand in Hand.


