Auch am RWE-Standort Weisweiler in Nordrhein-Westfalen wurde ein Gaskraftwerksvorhaben bezuschlagt.

Auch am RWE-Standort Weisweiler in Nordrhein-Westfalen wurde ein Gaskraftwerksvorhaben bezuschlagt.

Bild: © Thomas Banneyer/dpa

Die ersten Ausschreibungsergebnisse im Rahmen des Kraftwerksgesetzes (Strom VKG) sind da. Bei vielen Energieunternehmen und Beratungshäusern dürfte damit das große Analysieren und Rechnen begonnen haben. Schließlich steht die zweite Runde schon vor der Tür.

Hier fünf Auffälligkeiten aus der ersten Runde:

1. Umrüstung schlägt Neubau

Der Kraftwerksbetreiber Leag hat mit seinen Geboten für die ostdeutschen Braunkohlestandorte Jänschwalde und Boxberg einen Coup gelandet. Wie von Energieexperte Fabian Huneke von Agora Energiewende vermutet, setzte der Stromkonzern auf eine Modernisierung bestehender Anlagen statt auf einen Neubau. Das erlaubte ihm offenbar, besonders günstig zu bieten. Der laut Bundesnetzagentur niedrigste bezuschlagte Gebotswert lag bei lediglich rund 130.000 Euro pro Megawatt (MW) reduzierte Leistung pro Jahr. Das sind gerade einmal 53 Prozent des gesetzlichen Höchstwerts.

Die Nachteile des Leag-Kniffs fasste Huneke auf Linkedin so zusammen: "lange Kaltstartzeiten, hohe Start-Stopp-Kosten, Mindestlasten. Für ein erneuerbares System mit schnellen Rampen denkbar ungeeignet."

Auf Neubauten setzt Deutschlands größter Stromerzeuger RWE an seinen bezuschlagten Standorten in Weisweiler, Voerde und Werne (alle in Nordrhein-Westfalen). Er will dort moderne Gas- und Dampfturbinenkraftwerke bauen.

Es ist zu vermuten, dass sich zumindest das höchste der drei RWE-Gebote am oberen Rand der bezuschlagten Gebotsspanne bewegte, sich also gerade noch so durchsetzte. Der höchste noch bezuschlagte Gebotswert lag bei knapp 190.000 Euro.

Der durchschnittliche Zuschlagswert lag bei rund 155.000 Euro, also bei 64 Prozent des gesetzlichen Höchstwerts. "Das ist erst einmal ein gutes Zeichen für Stromkunden", sagte Marco Wünsch, Energieexperte vom Beratungsunternehmen Prognos. "Die neuen Kapazitäten sind trotzdem alles andere als günstig."

2. Bestehender Standort schlägt grüne Wiese

Alle bezuschlagten Gebote entfallen auf bereits bestehende Kraftwerksstandorte. An den bezuschlagten Standorten Weisweiler (RWE), Jänschwalde und Boxberg (Leag) sind derzeit noch Braunkohlekraftwerke in Betrieb. In Voerde und Werne setzt RWE zudem auf Standorte mit Steinkohlevergangenheit.

Auch im bayerischen Leipheim dockt Leag an einen bestehenden Kraftwerksstandort an. Das Unternehmen betreibt dort seit 2023 ein Gasturbinenkraftwerk als sogenanntes besonderes netztechnisches Betriebsmittel, um das Stromnetz zu stabilisieren.

Die Stadtwerke Karlsruhe nutzen das Gelände ihres Heizkraftwerks West, wo seit 1901 Strom und seit 1951 auch Fernwärme produziert wird. Die neue Anlage soll die Wärmeleistung des EnBW-Steinkohlekraftwerks RDK 8 ersetzen, das voraussichtlich noch in diesem Jahrzehnt vom Netz geht.

3. Auch Gasmotoren haben eine Chance

Für viele Stadtwerke sind nicht große Gasturbinenkraftwerke naheliegend, sondern kleinere Gasmotorenkraftwerke, idealerweise mit Wärmeauskopplung für die Wärmeversorgung vor Ort. Ein Bewerber setzte sich mit einem solchen Gebot in der ersten Runde durch: die Stadtwerke Karlsruhe, die Gasmotoren mit einer Gesamtleistung von 53 MW ins Rennen schickten.

Das zeige, dass Gasmotoren mit Wärmeauskopplung "konkurrenzfähig" seien, sagte Prognos-Experte Wünsch. "Mich hat eher überrascht, dass nur ein Gasmotorenkraftwerk in der ersten Runde bezuschlagt wurde."

Das E-Werk Mittelbaden bewarb sich mit einem Gasmotorenkraftwerk ohne Wärmeauskopplung und einer Gesamtleistung von 10 MW. Das Gebot wurde nicht bezuschlagt.

4. Die Marktmachtfrage stellt sich

Mit RWE und Leag teilten die beiden größten Stromerzeuger des Landes 99 Prozent der Ausschreibungsmenge unter sich auf. Mit Ausnahme der Stadtwerke Karlsruhe gingen alle anderen Bewerber leer aus.

Dabei beäugt das Bundeskartellamt RWE und Leag schon jetzt aus Marktmachtgründen kritisch. Laut einem Bericht der Behörde nahmen sowohl RWE als auch Leag im Untersuchungszeitraum Mai 2024 bis April 2025 eine marktbeherrschende Stellung auf dem deutschen Stromerzeugungsmarkt ein. Deshalb warb das Bundeskartellamt für eine Begrenzung der Zuschlagsmengen auf zehn Prozent der gesamten Ausschreibungsmenge – vergeblich.

Nun könnte die Debatte wieder an Fahrt gewinnen. "Wir sehen eine Marktkonzentration, die für den Wettbewerb bei der Stromerzeugung keine gute Nachricht ist", erklärte Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU).

"Die erste Runde bestätigt, was das Bundeskartellamt bereits kritisch angemerkt hat: Die Marktmachtverhältnisse auf dem deutschen Stromerzeugungsmarkt haben sich mit dem Ausschreibungsergebnis eher verfestigt", urteilte auch Prognos-Experte Wünsch.

Gelassener reagierte Felix Matthes in einem ZFK-Interview in diesem Jahr. Auf die theoretische Frage, was passieren würde, wenn sich ausschließlich große Energiekonzerne die ersten Ausschreibungsmengen sichern würden, sagte er: "Dann wäre das auch nicht tragisch. Die Ausschreibungen in diesem Jahr werden erst der Anfang sein. Am Ende werden wir um die 60 Gigawatt Gaskraftwerke brauchen. Da ist genug Platz für weitere Investoren."

Lesen Sie auch: Experte Matthes zu neuer Stromumlage: "Ich gehe von sehr geringen Summen aus"

5. Der Osten dominiert den Süden

Im Frühjahr waren die Sorgen in Ostdeutschland noch groß, dass alle neuen Gaskraftwerke im Süden und Westen der Republik entstehen würden. Es kam anders. Mehr als die Hälfte der Mengen in Runde eins ging in den Osten.

Die stromhungrigen, aber beim Erneuerbaren-Ausbau hinterherhinkenden Südländer Bayern und Baden-Württemberg hatten das Nachsehen. Fünf Prozent der Ausschreibungsmengen gingen nach Bayern und ein Prozent nach Baden-Württemberg. 41 Prozent wurden demgegenüber in Nordrhein-Westfalen bezuschlagt.

Dass Süddeutschland bei der ersten Ausschreibung nicht stärker zum Zug gekommen ist, sieht Prognos-Experte Wünsch nicht so kritisch. "Wir brauchen neue Gaskraftwerke vor allem für Phasen, in denen die erneuerbaren Energien den Strombedarf nicht decken können", erläuterte er. Netzengpässe zwischen Nord- und Süddeutschland würden in diesen Zeiten selten auftreten. "Für klassische Dunkelflauten ist eine regionale Verteilung der neuen Kraftwerke ganz gut."

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper