Brüssel hat Gas und vor allem grünes Gas verstärkt im Fokus, um Klimaschutz und die Sektorenkopplung voranzutreiben. Dies wurde beim zweiten Tag der Jahrestagung „Gas 2030“ des Handelsblatts in Berlin deutlich. "Ohne weitergehende Anstrengungen werden wir bis 2050 nur eine Reduktion der CO2-Emissionen in Europa um 60 Prozent erreichen und damit unsere Klimaschutzziele verfehlen", unterstrich Bartek Gurba von der Generaldirektion Energie der Europäischen Kommission.
Hierzu bereite man derzeit verschiedene Optionen für eine verstärkte Nutzung gasförmiger Energieträger im Rahmen einer größeren Studie auf und bereite eine Strategie vor. "Doch ist die Thematik von der regulatorischen Seite her nicht so einfach anzugehen", sagte Gurba, weil es nicht nur um die verschiedenen Gasprodukte gehe, sondern unter anderem auch um deren möglichst CO2-arme Erzeugung.
Bestehende Gasinfrastruktur nutzen
"Die Frage des Life-Cycles verschiedener Gase diskutieren wir schon seit Monaten sehr intensiv, um das klimafreundliche Gas zu identifizieren", so Gurba. Zudem eruiere man, wie man die bestehende Gasinfrastruktur beispielsweise für erneuerbar erzeugten Wasserstoff nutzen könne, wie hoch die Beimischungsraten sein können oder ob man eine Parallelinfrastruktur schaffen müsse. "Unser Ziel ist es, künftig die Planung von Strom- und Gasnetzen besser aufeinander abzustimmen", sagte Gurba gegenüber der ZfK.
Mehr als 100 Barrieren für grüne Gase identifiziert
Auch plane man, soweit es in der Kompetenz Brüssels liege, regulatorische Hemmnisse für die Nutzung grüner Gase abzubauen. "Wir haben momentan schon mehr als 100 verschiedene Barrieren aufgelistet und schauen nun, ob es auf europäischer Ebene sinnvoll ist, dies anzugehen", sagte Gurba. Ziel sei jedenfalls, ein günstigeres Marktumfeld für die Erzeugung, Nutzung und den Vertrieb grüner Gase zu schaffen. Auf diese Weise auch eine teilweise Überförderung wie im erneuerbaren Stromsektor vermeiden.
Nicht festlegen möchte sich die EU-Kommission bisher bei der Frage, ob den Netzbetreibern zumindest befristet die Möglichkeit eingeräumt wird, große Elektrolyseure bauen zu dürfen, um die Technik hochzuskalieren und den Markt in Schwung zu bringen. "Wir haben uns hierzu noch keine abschließende Meinung gebildet, diskutieren dies jedoch intensiv", so Gurba im Gespräch mit der ZfK. Grundsätzlich könne er sich vorstellen ähnlich beim Aufbau der Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge im Falle eines Marktversagens dies Netzbetreibern befristet zu erlauben. "Doch wollen wir nicht grundsätzlich das Unbundling wieder zurücknehmen", sagte Gurba.
Hüwener: PtG im industriellen Maßstab voranbringen
"Wir wollen dem Markt nichts wegnehmen, jedoch in einer Startphase Investitionen und konkrete Projekte für grünen Wasserstoff auch aus dem regulierten Bereich heraus auf den Weg bringen", betonte Thomas Hüwener, Miglied der Geschäftsführung von Open Grid Europe. Konkret geht es um die Realisierung eines 100 Megawatt (MW) starken Elektrolyseurs im Raum Lingen (Niedersachsen) im Rahmen des Projekts "Hybridge" zusammen mit Amprion sowie den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur. Knackpunkt sei derzeit die Genehmigung durch die Bundesnetzagentur.
"Wir wollen die Power-to-Gas-Technologie so vorantreiben, dass sie künftig im industriellen Maßstab eingesetzt werden kann", unterstrich Hüwener. Wenn das Projekt auf den Weg gebracht sei, sei man gerne bereit dies an andere zu übergeben.
Verstärkte Sektorenkopplung als Ziel
Ziel jedenfalls müsse eine verstärkte Sektorenkopplung und Dekarbonisierung sein, hierzu brauchen man nun Akteure aus dem Markt sowie auch aus dem regulierten Bereich. Ein weiteres grünes Wasserstoffprojekt im industriellen Maßstab, an welchem Open Grid Europe beteiligt ist, soll im Rahmen des Reallabors Westküste 100 realisiert werden. (hcn)


