Die Kritik in Europa an der deutschen Bundesregierung war groß, als diese just einen Tag vor einem Gipfel der EU-Energieminister selbst die Einführung einer Gaspreisbremse ankündigte und von einem nationalen "Doppel-Wumms" sprach. Jetzt hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen selbst eine Art Gas-Wumms angekündigt. Ein Überblick:
40 Milliarden für Entlastungen: Die EU-Kommission schlug vor, fast 40 Milliarden Euro aus dem Gemeinschaftshaushalt, die für die regionale Entwicklung eingeplant waren, unter anderem für Entlastungen von Unternehmen und Bürgern umzuwidmen.
Problem dabei: Die EU-Staaten und das Europaparlament müssen noch darüber verhandeln. Von der Leyen sagte, die Kommission prüfe zudem, was für zusätzliche Gelder notwendig seien, um die Energiewende voranzubringen und eine Zersplitterung des EU-Binnenmarktes zu vermeiden.
Gemeinsame Gaseinkäufe: Die geballte Marktmacht der EU soll für niedrigere Preise sorgen. So sollen die Gasspeicher im kommenden Jahr koordiniert gefüllt werden. Konkret müssen Unternehmen dem Vorschlag der EU-Kommission zufolge einer zentralen Stelle mitteilen, wie viel Gas sie brauchen. Für mindestens 15 Prozent der vorgeschriebenen Speicherfüllstände soll das verpflichtend sei.
Dafür werden dann Angebote eingeholt und die Firmen können entscheiden, ob sie sich einem oder mehreren Konsortien zusammentun, um das Gas gemeinsam zu kaufen. Das System soll nach Angaben der Kommission im Frühling funktionsfähig sein. Russisches Gas wäre von den Einkäufen ausgenommen.
Der Haken hierbei: Neu ist das Vorhaben nicht. Schon im März hatten sich die EU-Staaten darauf verständigt, künftig gemeinsam Gas einzukaufen. Eine gemeinsame Koordinierungsplattform wurde eingerichtet, brachte aber keine Ergebnisse.
Stattdessen füllten die EU-Staaten ihre Gasspeicher auf eigene Faust und überboten sich so teils gegenseitig. Das wurde besonders der Bundesrepublik vorgeworfen. Der Vorschlag sieht nun vor, dass die Kommission über Geschäfte in einem Umfang von mehr als 500 Millionen Kubikmeter Gas informiert werden soll und eine Einschätzung dazu abgeben kann.
Reform am Großhandelsmarkt für Gas: Die EU-Kommission arbeitet zudem an einem neuen Preisindex für Flüssiggas (LNG) als Ergänzung zu dem Gaspreisindex des niederländischen Großhandelsplatzes TTF.
Viele Kaufverträge in der EU orientieren sich am TTF, der wegen der unterbrochenen Gaslieferungen aus Russland stark schwankt. Für LNG-Lieferungen, die relativ stabil sind, soll es daher ab Ende März 2023 einen anderen Richtwert am Markt geben. Davon verspricht sich Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), dass die Preise nach unten gehen. Zusätzlich sollen tägliche Preisspitzen bei kurzfristigen Geschäften mit Gas an Energiebörsen durch einen Mechanismus abgefedert werden.
Im Notfall Gaspreisdeckel: Weiter auf sich warten lässt ein konkreter Vorschlag für einen Gaspreisdeckel, wie ihn mehr als die Hälfte der EU-Staaten fordert. Stattdessen stellte die EU-Kommission lediglich in Aussicht, dass im Fall extremer Preise als letztes Mittel ein beweglicher Preisdeckel am TTF vorgeschlagen werden könnte. Andere Handelsplätze in der EU würden dann über Preiskorridore an den Preis des TTF gekoppelt.
Gas sparen: Ein wesentlicher Baustein zur der Bewältigung der Krise ist auch das Sparen von Energie. Im August und September ging der Gasverbrauch im Vergleich zu den vergangenen fünf Jahren nach Angaben der Kommission um 15 Prozent zurück. Damit es so weitergeht, schlug die Behörde vor, dass Staaten auch den Verbrauch von geschützten Konsumenten – gerade von Haushalten – reduzieren dürfen, wenn es sich um "nicht-essenziellen Konsum" handelt, etwa das Heizen von privaten Schwimmbädern.
Wie es weitergeht: Als nächstes befassen Kanzler Olaf Scholz und seine EU-Kollege sich beim Gipfel Ende der Woche mit dem Dauerthema Energie. Einige Vorschläge vom Dienstag wie die gemeinsamen Gaseinkäufe könnten dann bereits bei einem Ministertreffen im November angenommen werden. Bei anderen, etwa dem Preisdeckel, muss die EU-Kommission Gesetzesvorschläge vorlegen, die dann noch verhandelt werden müssen. (dpa/aba)



