Derzeit ist nachhaltig produzierter Wasserstoff noch nicht in größeren Mengen verfügbar.

Derzeit ist nachhaltig produzierter Wasserstoff noch nicht in größeren Mengen verfügbar.

Bild: © luchschenF/Adobe Stock

Die von derEU-Kommission vorgestellteWasserstoffstrategie wie auch das Papier zum „Integrierten Energiesystem“ stoßen auf viel Zustimmung, rufen aber auch Kritik hervor. VKU-Präsident Michael Ebling sagte, es sei richtig, dass die EU-Kommission die Idee eines integrierten, kreislauforientierten Energiesystems verwirklichen wolle, das vor allem Energieeffizienz, Sektorenkopplung und Nachhaltigkeit in den Fokus rückt. „Die Dekarbonisierung in der Europäischen Union kann nur mit einem sektorenübergreifenden und ganzheitlichen Ansatz gelingen. Für eine klimaneutrale Wirtschaft ist es entscheidend, das Energiesystem als Ganzes zu betrachten und dabei sämtliche Energieträger und Erzeugungsarten, Infrastrukturen und Verbrauchssektoren im Blick zu behalten.“

Für die Kommunalwirtschaft seien die Stärkung der Fernwärme als Beitrag zur Wärmewende, die Abschaffung von Doppelbelastungen für Speicher sowie neue Fördermöglichkeiten für den Ausbau Erneuerbarer Energien wichtige Elemente der Kommissionsstrategie. Sie müsse jetzt zügig in konkrete Maßnahmen übersetzt werden. „Denn klar ist: Dekarbonisierung und Energiewende werden vor Ort umgesetzt, und zwar von den Kommunen und kommunalen Unternehmen. Dazu muss zeitnah ein verlässlicher Investitionsrahmen aus Brüssel und Berlin kommen“, so Ebling.

Riechel sieht Licht und Schatten in der Strategie

Michael Riechel, Vorsitzender des Vorstandes der Thüga Aktiengesellschaft, bezeichnete es als bemerkenswert, dass die Strategie die dezentrale Produktion von Wasserstoff sowie die Nutzung der für die Thüga-Gruppe elementar wichtigen Verteilnetze thematisiere. "Die zögerliche Haltung der Kommission in punkto Beimischung von Wasserstoff in die Verteilnetze sehen wir kritisch. Deutschland wird die anspruchsvollen CO2-Minderungsziele mit Strom und dem Ausbau der Elektromobilität allein nicht schaffen. Dazu braucht es den Einsatz von erneuerbarem und dekarbonisiertem Gas. Deshalb können wir nicht wie vorgesehen bis 2025 mit der Klärung offener Fragen zur Wasserstoffbeimischung warten, die die Kommission zurecht adressiert. Stattdessen müssen wir konkrete Testfälle schaffen und zügig mit der Beimischung beginnen, um auf lange Sicht reine Wasserstoffnetze betreiben zu können", so Riechel weiter.

Wasserstoff nur über Ferngasnetze an die Großindustrie zu liefern, sei ebenfalls nicht zielführend. Die Energy System Integration Strategy der EU-Kommission spiegele zudem leider die veraltete All-Electric-Sicht wider. "Diverse Studien - wie z.B. die der dena - haben klar nachgewiesen, dass eine reine Elektrifizierungsstrategie wesentlich teurer und weniger resilient ist", gibt der Thüga-Chef zu bedenken.

Kehler lobt Technologieoffenheit

Timm Kehler, Vorstand der Brancheninitiative Zukunft Erdgas, lobt die Technologieoffenheit der Wasserstoffstrategie. „Die Europäische Kommission hat heute die Weichen gestellt, um in allen Sektoren in eine klimaschonende und bezahlbare Wasserstoffzukunft einzusteigen. Wichtig dabei ist: Sie hat sich nicht auf nur eine Wasserstofftechnologie festgelegt. Die Erzeugung von CO2-neutralem Wasserstoff durch Erdgas wird auch berücksichtigt.“

Die Schaffung von Marktregeln für die Nutzung der Gasinfrastruktur sei ein wichtiges Signal, um eine Wasserstoffwirtschaft bezahlbar zu gestalten. „Das Gasleitungsnetz des europäischen Binnenmarktes wurde in den letzten 15 Jahren bestens ausgebaut und integriert. Somit kann der Energieträger Wasserstoff Europa im Sinne einer Montanunion 2.0 verbinden und zur Dekarbonisierung beitragen“, so Kehler abschließend.

Strategie nun zügig umsetzen

Zufrieden sind auch die fünf Partner des Wasserstoffprojektes GET H2 Nukleus (bp, Evonik, Nowega, OGE, RWE). "Im Zusammenspiel mit der Nationalen Wasserstoffstrategie ist das Konzept der EU ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer europäischen Wasserstoffwirtschaft und damit für die Erreichung der Klimaziele", sagt Bernhard Niemeyer-Pilgrim, Vorstandsmitglied der BP Europa SE.

"Jetzt braucht es eine zeitnahe Umsetzung der geplanten Maßnahmen der deutschen und der europäischen Wasserstoffstrategien. Nur so kann die notwendige Investitionssicherheit für die an Wasserstoffprojekten beteiligten Unternehmen geschaffen werden", mahnt Thomas Basten, Leiter Pipelines der Evonik-Division Technology & Infrastructure. Die bisherigen Signale aus der Politik seien sehr positiv.

Linke: Wärmemarkt stärker berücksichtigen

Der DVGW-Vorstandsvorsitzende Gerald Linke spricht von einem „starken Signal“ und einem „wichtigen Meilenstein auf dem Weg hin zu einem integrierten europäischen Energiesystem, in dem Wasserstoff eine tragende Säule sein wird.“ Er hätte sich allerdings gewünscht, dass auf europäischer Ebene das enorme Dekarbonisierungspotenzial von klimaneutralem Wasserstoff im Wärmemarkt noch stärker mitberücksichtigt wird.

Ein klares Bekenntnis für einen zügigen und vollständigen Umstieg auf Erneuerbare Energien vermisst Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie e.V. (BEE). Es sei natürlich zu begrüßen, dass die Strategie der EU-Kommission den beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren Energien in allen Bereichen in den Mittelpunkt stellt. Auch das Efficiency First-Prinzip als Handlungsmaxime sowie die Einführung von Nachhaltigkeitskriterien für Wasserstoffprodukte sowie Quoten für einzelne Endverbrauchssektoren sei der richtige Fokus.

Peter: Erneuerbare schnell ausbauen

„Es reicht allerdings nicht, die Bedeutung von grünem Wasserstoff nur zu betonen. Diese Bedeutung muss sich auch in ambitionierten Einsatzquoten in den verschiedenen Sektoren für grünen Wasserstoff widerspiegeln“, bemängelt Peter. Die Wasserstoff-Strategie müsse außerdem mit einem beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren Energien kombiniert werden. Das Argument, dass die Marktentwicklung die Förderung von blauem und grauem Wasserstoff nötig mache, bei dessen Produktion erhebliche Mengen an CO2 anfallen, sei nicht tragfähig. „Eine konsequente Herangehensweise muss den gesamten CO2-Fußabdruck von Wasserstoffprodukten berücksichtigen und erlaubt schon deshalb einzig die Förderung von grünem Wasserstoff“, so Peter abschließend.

Ähnlich argumentiert Verena Graichen, stellvertretende Vorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).Aus klimapolitischer und ökonomischer Sicht bleibt unverständlich, warum die EU-Kommission auch übergangsweise blauen Wasserstoff nutzen möchte, der aus Erdgas und mit CO2-Speicherung hergestellt wird. Investitionen in fossilen Wasserstoff sind eine klimapolitische Sackgasse. Die EU muss das anerkennen und nur noch grünen Wasserstoff fördern, der nach den eigenen Zahlen der EU-Kommission schon innerhalb eines Jahrzehnts konkurrenzfähig wird.“

Kritik an der Wasserstoff-Allianz

Die EU müsse zudem aufpassen, dass die Aktivitäten der europäischen Wasserstoff-Allianz nicht den Klimaschutz unterlaufen. „Die Allianz wird ein mächtiger Player am Wasserstoffmarkt werden, der nicht nur beratend tätig wird, sondern EU-finanzierte Projekte identifiziert und umsetzt. Diese Verschmelzung von Politik und Industrie droht auf Kosten des Klimaschutzes zu gehen. Unternehmen mit fossilen Geschäftsfeldern erhalten einen starken Einfluss auf den Übergang zu einer Wasserstoffwirtschaft und können die Einführung erneuerbarer Energien in ihrem Interesse verzögern oder sogar verhindern. Dazu passt, dass die Zivilgesellschaft kaum vertreten ist und die Erneuerbare-Energien-Verbände gar nicht eingeladen wurden“, kritisiert sie.

So sieht es auch die Deutsche Umwelthilfe. "Die europäische Wasserstoffstrategie zeigt deutlich die Handschrift der Erdgaslobby, die auch bei der deutschen Strategie schon mitgemischt hat“, sagt Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der DUH. „Die EU vergibt eine große Chance, gemeinsam mit den benachbarten Regionen neue, am Klimaschutz orientierte Energiepartnerschaften aufzubauen. Stattdessen werden überholte Geschäftsmodelle der fossilen Gasbranche erhalten. Ein ehrlicher Blick auf die Gaswirtschaft ist notwendig: Klimafreundlich und zukunftsfähig ist nur grüner Wasserstoff. Dieser wird begrenzt verfügbar sein und muss daher bestimmten Einsatzbereichen vorbehalten sein.“ (amo)

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