Deutschland bekommt praktisch kein Gas aus Russland mehr. Der Staatskonzern Gazprom lässt alle Lieferungen durch die Pipeline Nord Stream 1 nun bis auf Weiteres ruhen - angeblich wegen technischer Probleme. Vermutet wird, dass Kremlchef Wladimir Putin damit den Westen - und insbesondere Deutschland - im Konflikt um die Ukraine noch mehr unter Druck setzen will. Siemens Energy, Hersteller der angeblich defekten Turbine, teilte auf Anfrage mit, dass die Servicetechniker einsatzbereit und immer für Gazprom erreichbar seien. Es gebe aber keinen konkreten Reparaturauftrag von Gazprom. Eine nach Angaben von Siemens Energy reparierte und einsatzbereite Turbine für Nord Stream 1 steht zudem weiter in Mülheim an der Ruhr und wartet auf den Transport.
Auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) machte Putin am Sonntag persönlich verantwortlich. Zugleich versuchte er, Sorgen vor einem Energie-Notstand zu entkräften. Er versicherte: «Wir werden durch diesen Winter kommen.»
Scholz: Russland ist «kein zuverlässiger Energielieferant mehr»
Den Lieferstopp begründete Gazprom am Samstag mit auslaufendem Öl in einer Kompressorstation. Erst wenn das Problem behoben sei, könne wieder Gas fließen. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow gab den Europäern und deren Sanktionspolitik die Schuld. Diese weigerten sich, die Anlagen von Gazprom zu warten.
Im Westen hatten einige mit einer solchen Entwicklung gerechnet. Kanzler Scholz sagte dazu in Berlin: «Putins Russland ist vertragsbrüchig geworden.» Das Land sei «kein zuverlässiger Energielieferant mehr». Auch die Bundesnetzagentur äußerte Zweifel an der russischen Begründung. EU-Ratspräsident Charles Michel versicherte: «Die Nutzung von Gas als Waffe wird an der Entschlossenheit der EU nichts ändern.»
Speicherfüllstände bei 85 Prozent
Die Einspeicherung von Gas in Deutschland geht ungeachtet des Gas-Lieferstopps durch die Pipeline Nord Stream 1 weiter. Inzwischen ist bei den Füllständen der Speicher die Marke von 85 Prozent überschritten, wie das Bundeswirtschaftsministerium am Sonntag auf Twitter mitteilte. Gleiches geht aus Daten hervor, die am Sonntag auf der Webseite der europäischen Gasspeicher-Betreiber veröffentlicht wurden: Demnach waren die Speicher am vergangenen Freitag (2. September) zu 85,02 Prozent gefüllt. Damit ist das von einer Verordnung der Bundesregierung vorgegebene Ziel, am 1. Oktober mindestens 85 Prozent Füllstand zu erreichen, mit deutlichem Vorlauf erreicht.
Deutlich mehr Gas aus Norwegen, Belgien und den Niederlanden
Deutschland bezieht inzwischen deutlich mehr Gas aus Norwegen, Belgien und den Niederlanden, als vor dem Lieferstopp aus Russland kam. Trotzdem ist unklar, ob sich das nächste Speicherziel ohne Nord-Stream-Gas erreichen lässt. Der Geschäftsführer des Branchenverbandes Initiative Energien Speichern (INES), Sebastian Bleschke, hatte zwar bereits Freitagabend angekündigt, dass die Speicher weiter befüllt werden. «Sollte der komplette Ausfall russischer Gastransporte sich bis in den November fortsetzen, wird ein Erreichen des 95-Prozent-Ziels allerdings große Anstrengungen erfordern», sagte er.
Die Bundesnetzagentur schrieb in ihrem Lagebericht am Sonntag, dass die Gasversorgung in Deutschland weiter stabil sei, betonte gleichzeitig aber erneut die Bedeutung eines sparsamen Gasverbrauchs. In der ersten, etwas kälteren Septemberwoche hätten die privaten Verbraucher ihren Gasverbrauch leicht gesteigert, sagte Agenturchef Klaus Müller der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Offenbar sei noch nicht allen klar, dass man zum Gassparen die Einstellungen der Heizung ändern müsse. «Ob es im Winter ohne Rationierungen klappt, können wir alle beeinflussen: Es steht und fällt mit dem Verhalten der privaten Haushalte.»
Selenskyj sieht Russland im «Energiekrieg» gegen Europa
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Putin vor, mittlerweile auch einen «Energiekrieg» gegen Europa zu führen. «Russland will das normale Leben jedes Europäers zerstören - in allen Ländern unseres Kontinents», sagte er in einer Videoansprache. Im von russischen Truppen besetzten AKW Saporischschja - dem größten in Europa - wurde nach Angaben der IAEA die Stromverbindung über die Hauptleitungen gekappt. Die Anlage hänge nur noch über ein Reservekabel am Netz. International gibt es zunehmend Ängste, dass es zu einem Nuklearunglück kommt.
Zukunft von Expertenmission in AKW ungewiss
Das russische Verteidigungsministerium beschuldigte die ukrainische Armee, trotz der Anwesenheit internationaler Experten einen Angriff auf das AKW mit 250 Soldaten und «ausländischen Söldnern» gestartet zu haben - jedoch ohne Erfolg. Beide Seiten werfen sich schon seit Wochen vor, die Anlage trotz aller Risiken zu beschießen. Ungewiss war, ob die seit Donnerstag laufende IAEA-Beobachtung in dem Werk weitergeführt werden kann. Geplant ist, dass mindestens zwei neutrale Experten im AKW bleiben.
Ukraine bietet Deutschland Atomstrom an
Der ukrainische Ministerpräsident Denys Schmyhal bot an, Deutschland in diesem Winter mit Atomstrom aus der Ukraine zu unterstützen. «Derzeit exportiert die Ukraine ihren Strom nach Moldau, Rumänien, in die Slowakei und nach Polen. Aber wir sind durchaus bereit, unsere Exporte auf Deutschland zu erweitern», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Am Sonntag war Schmyhal für Treffen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzler Scholz zu Besuch in Berlin. (dpa/sg)
