Es ist eine Nachricht, die über Frankreich hinaus mit Interesse verfolgt werden dürfte. Der staatliche Energiekonzern EDF schraubt seine Atomstromprognose für dieses Jahr nach oben. Ging er bislang von 315 bis 345 produzierten Terawattstunden (TWh) aus, sollen es nun 340 bis 360 TWh werden. Als Gründe wurden unter anderem Effizienzverbesserungen, Fortschritte bei Reparaturarbeiten und weniger wetterbedingte Beeinträchtigungen im Sommer genannt.
Damit würde dem Konzern, der derzeit mit 56 Reaktoren die mit Abstand meisten Kernkraftwerke in Europa betreibt, das zweite Jahr in Serie eine Erhöhung des jährlichen Atomstromertrags gelingen.

2022 noch Strom-Sorgenkind
Vorbei scheinen die Zeiten, als wegen anhaltender Reparaturen und Wartungsarbeiten im alternden französischen Kernkraftwerkspark selbst gezielte Stromausfälle, auch Brownouts genannt, im Winter drohten. Vorbei scheinen auch die Zeiten, als Frankreich auf deutsche Stromexporte angewiesen war, um unerwartete Produktionsausfälle im eigenen Land zu kompensieren.
Noch im Energiekrisenjahr 2022 galt Frankreich als Strom-Sorgenkind Europas. Der jährliche Atomstromertrag sackte auf ein historisches Tief von 278 TWh ab. Über den gesamten Zeitraum kaufte das Land aus dem Ausland 16,5 TWh mehr Strom, als es verkaufte - ein ungewohntes Szenario für ein Land, das bis dahin regelmäßig satte Überschüsse erzielt hatte. In der Spitze drehten die Strompreise auf den Kurzfristmärkten sogar auf fast 3000 Euro pro Megawattstunde (MWh). (Die ZfK berichtete.)
Wieder Netto-Stromexporteur Nummer eins
Davon scheint Frankreich zurzeit Lichtjahre entfernt zu sein. Schon im vergangenen Jahr ging es mit der Atomstromproduktion wieder nach oben – um 15 Prozent auf 319 TWh. Am Ende dieses Jahres könnte ein weiterer Zuwachs von bis zu 13 Prozent stehen. Damit würde sich Frankreich wieder den Vor-Corona-Werten annähern.
Auch im Außenhandel hat Frankreich erneut seine angestammte Position als Netto-Stromexporteur eingenommen. Während Deutschland, das früher ebenfalls mehr Strom ex- als importierte, zunehmend zum Netto-Importeur wird, beträgt Frankreichs Stromhandelsüberschuss schon jetzt rund 60 TWh. Allein nach Deutschland wurden in diesem Jahr netto knapp 10 TWh exportiert. Damit ist Frankreich Deutschlands größter ausländischer Stromlieferant.
Strompreise in Frankreich niedriger als in Deutschland
Und auch preislich ist Frankreich wieder attraktiv. Im Vergleich der günstigsten jährlichen Börsenstrompreise in der Europäischen Union belegte die französische Gebotszone zuletzt mit rund 48 Euro pro MWh im Day-Ahead-Handel Platz fünf. Die deutsche Strompreiszone landete mit 70 Euro pro MWh auf Rang 14.
Für Unternehmen noch wichtiger sind allerdings Preise auf den Terminmärkten. Auch hier schlägt Frankreich das industrielle Schwergewicht Deutschland. Das Lieferjahr 2025 wurde am Montag in Frankreich für 83 Euro pro MWh gehandelt. Das Lieferjahr 2027 kostete 66 Euro pro MWh. Zum Vergleich: In Deutschland wurden für 2025 rund 96 Euro pro MWh fällig, für 2027 etwa 73 Euro pro MWh. Auch deshalb sieht die Deutsche Industrie- und Handelskammer Frankreich im Wettbwewerb um die energieintensive Industrie als ernsthafte Konkurrenz.
Frankreichs AKW-Pläne
Auch Frankreichs Stromwirtschaft hat ihre Herausforderungen. Der EDF-Kernkraftwerkspark ist im Schnitt 39 Jahre alt. Und außer dem krisengeplagten neuen Reaktor im nordfranzösischen Flamanville, der nun jedoch die Genehmigung für die erste Stromproduktion erhielt, befindet sich derzeit kein weiteres Kernkraftwerk im Bau. Dazu kommt, dass der Konzern EDF selbst hochverschuldet ist.
Geht es nach Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, sollen sechs moderne Kernkraftwerke, EPR 2 genannt, gebaut werden. Ihnen sollen acht weitere Anlagen folgen. Zweifel bleiben. So merkten Nuklearexperten in der 2023-Ausgabe des jährlich erscheinenden "World Nuclea Industry Status Report" an, dass es EPR2-Modelle gegenwärtig nicht einmal auf dem Reißbrett gebe. "Bislang ist kein detaillierts Design verfügbar."
Rechts- und Linksaußen für Kernkraft
Politischen Gegenwind muss Macron in der Kernkraftfrage allerdings derzeit nicht groß fürchten. Sowohl Marine Le Pens Rechtsaußenpartei Rassemblement National, die bei Europa- und Parlamentswahlen die meisten Stimmen einsammelte, als auch Jean-Luc Mélenchons Linksaußenpartei La France Insoumise, die das linke Lager anführt, sind vehemente Kernkraftbefürworter. Wenn überhaupt werfen sie dem Präsidenten, dass er zu zögerlich auf die Auffrischung des nationalen Kernkraftwerkparks gesetzt hat. (aba)
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