Jost Schatzmann ist Managing Director beim Tech-Recruiting Startup Honeypot. Zuvor war er acht Jahre lang bei Xing, zuletzt als VP-Product E-Recruiting. Honeypot ist heute mit mehr als 250.000 angemeldeten IT-Spezialisten und über 1000, die wöchentlich dazu kommen, eine der größten Tech-fokussierten Jobplattformen Europas.

Jost Schatzmann ist Managing Director beim Tech-Recruiting Startup Honeypot. Zuvor war er acht Jahre lang bei Xing, zuletzt als VP-Product E-Recruiting. Honeypot ist heute mit mehr als 250.000 angemeldeten IT-Spezialisten und über 1000, die wöchentlich dazu kommen, eine der größten Tech-fokussierten Jobplattformen Europas.

Bild: © Honeypot

Die Digitalisierung in Deutschland krankt seit Jahren am Fachkräftemangel. Honeypot war einer der ersten Dienstleister am Markt, der Unternehmen via Reverse-Recruiting Tech-Talente vermittelt. Mittlerweile sind sieben Jahre vergangen. Lässt sich der Fachkräftemangel mit innovativen Recruiting-Methoden bekämpfen?

Es gibt kaum mehr ein Unternehmen, das nicht auf eine Weise auch ein Tech-Unternehmen ist. Für viele jüngere Betriebe sind Software und das zugehörige Tech-Team Kernkompetenzen und wesentlicher Erfolgsfaktor. Andere durchlaufen oder durchliefen einen Prozess der Digitalisierung. Eines haben fast alle gemeinsam: Sie brauchen mehr Tech-Fachkräfte. Die enormen Schwierigkeiten, die andere Branchen jetzt mit Blick auf Recruiting und Retention von Fachkräften erleben, sind im Tech-Recruiting nichts Neues.

Reverse Recruiting ist eine Methode, um Talente auf sich aufmerksam zu machen und auf die Verschiebung im Arbeitsmarkt – hin zu einem kompletten Arbeitnehmermarkt, in dem die Talente die Bedingungen bestimmen – einzugehen. Es ist aber keine Lösung für den Mangel. Den Mangel an qualifizierten Fachkräften, egal in welchem Bereich, zu bekämpfen ist eine gesamtgesellschaftliche und staatliche Aufgabe, die uns die nächsten Jahre und eventuell Jahrzehnte beschäftigen wird.

Ja einer allein kann es nicht lösen, trotzdem: Wo können Sie Unternehmen helfen?

Spezialistenplattformen wie Honeypot können Unternehmen helfen, attraktiver zu sein und im War for Talent einen entscheidenden Vorteil zu haben. Allerdings löst sich damit ja nicht das Problem der lokalen Knappheit. Ich sage lokale Knappheit, denn das ist meist der erste Punkt, den wir mit Unternehmen besprechen: Wenn man nur im heimische Teich fischt, also nur deutsche Talente möchte, dann wird das wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Sobald man den Blick aber international erweitert, entweder auf europäische Talente, was  Visaprozesse wegfallen lässt, oder direkt weltweit auf die Suche geht, dann ist es gerade im IT-Bereich einfacher. Und da sehen wir in den letzten Jahren Bewegung: Unsere Tech-Hiring Studie zeigt, dass sich Unternehmen im DACH-Raum zusehends für internationale Fachkräfte öffnen – knapp 90 Prozent sind offen für Kandidat*innen aus dem Ausland – der Anteil der Einstellungen von internationalen Talenten hat sich seit 2020 über Honeypot verdoppelt. Dabei rücken Sprachkenntnisse in den Hintergrund: knapp über die Hälfte der Unternehmen sind aufgeschlossen für IT-ler, die Englisch, nicht aber Deutsch sprechen. Das steigert die Erfolgschancen beim Hiring enorm – unsere Analysen zeigen, dass Unternehmen, die für englischsprachige Talente in Deutschland offen sind,  vier mal so viele Talente zur Auswahl haben, wie Unternehmen, die auf Deutschkenntnissen bestehen.

Durch den umgekehrten Bewerbungsprozess machen Unternehmen sich Gedanken über ihr Angebot als Arbeitgeber

Warum tun sich Unternehmen oft schwer mit dem Reverse-Recruiting bzw. was gibt es dabei zu beachten?

Es ist zunächst eine Umstellung, bei dem viele Unternehmen einen wichtigen Prozess durchlaufen.Der Markt ist immer stärker arbeitnehmerorientiert, viele Unternehmen müssen erstmal sich selbst als Arbeitgebermarke schärfen, sich überlegen was haben wir überhaupt zu bieten, was wollen die Leute heute, was wollen meine künftigen Arbeitnehmer*innen. Dadurch, dass sich die Unternehmen auf Honeypot gezielt auf Fachkräfte bewerben müssen, befassen sie sich intensiver mit den Personen, die angeschrieben werden und mit der offenen Stelle an sich. Es wird ein Denk- und Reflexionsprozess angestoßen: Was bietet mein Unternehmen, was bietet meine Stelle, was wollen Fachkräfte über diese Stelle wissen, wie kann ich die Stelle so ansprechend und transparent wie möglich gestalten, was hat die Person, die ich anschreibe schon alles gemacht, wie kann ich darauf eingehen und wie wird das in meiner ausgeschriebenen Stelle helfen. All diese Dinge liegen normalerweise bei den Arbeitnehmer*innen, die sich auf eine Stelle bewerben. Das Reverse Recruiting dreht diesen Prozess um, und macht die Unternehmen zum aktiven Part.            

Ein erfolgreiches Recruiting ist erst der Anfang, danach geht es vor allem darum Mitarbeiter*innen zu halten. Wie gelingt das bei Tech-Fachkräften am besten?

Unternehmen stehen nicht mehr nur lokal oder je Branche in Konkurrenz um (IT-)Fachkräfte, sondern konkurrieren international um Talente. Die richtigen Benefits für seine Zielgruppe zu kennen ist also entscheidend – daher fragen wir diese regelmäßig in Studien ab. Unser Developer Happiness Index zeigt: ein gutes Gehalt ist selbstverständlich und steht daher nicht auf Platz eins der Wunschliste. Work-life Balance, Arbeitsumfeld & Unternehmenskultur sowie die Möglichkeit weiterhin zu Lernen sind die wichtigsten Faktoren, wenn es um die Zufriedenheit im Job geht. Die wichtigsten Faktoren in der Evaluierung des nächsten Jobs sind ebenfalls Work-Life-Balance Team/Kultur, Gehalt und Remote-Optionen, sowie möglichst wenig Bürokratie bei der Arbeit und Wertschätzung.

Fluktuation bei Jobs im digitalen Bereich grundsätzlich hoch

Wie nachhaltig ist Reverse-Recruiting?

Reverse Recruiting ist ein Teil im ganzen System, das stimmig sein muss. Hier beginnt auch unsere Arbeit mit den Unternehmen: Wir stellen deutlich mehr als nur einen Pool an geprüften Kandidat*innen bereit. Ein großer Teil der Arbeit ist die Beratung beider Seiten. Für Unternehmen heißt das: Sie bekommen von unseren Expert*innen für Tech Recruiting Insights zu kompetitiven Gehältern, Hilfe beim Screening der Talente, Tipps zu Tech Recruiting Best Practices und der Verbesserung des Recruiting Prozesses. Tech-Recruiting ist anders und bedarf eines besonderen Verständnisses der Tech-Talente und der Industrie. Im Schnitt brauchen Unternehmen 130 Tage um eine Tech-Fachkraft einzustellen, auf Honeypot sind es 37 Tage. Darüber hinaus erreichen wir eine Antwortquote von 90 Prozent, das heißt neun von zehn Developern, die auf Honeypot angeschrieben werden, antworten auf die Anfrage von Unternehmen. Über 50 Prozent aller Anfragen führen zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch. Im Tech-Bereich ist das extrem hoch. Fluktuation ist ein Thema für sich. Developer*innen wechseln im Schnitt etwas über alle zwei Jahre ihren Arbeitgeber. Wenn eine über Honeypot vermittelte IT-Fachkraft in weniger als sechs Monaten kündigt, dann bekommen wir das in der Regel mit – aber das geschieht so gut wie nie.

Mittlerweile hat sich der Personalmangel auf diverse Branchen erweitert. Egal ob Solarinstallateur*innen, Heizungsbauer*innen oder auch Ingenieur*innen, alle werden händeringend gesucht. Denken Sie Reverse-Recruiting kann auch in anderen Berufszweigen funktionieren?

Reverse Recruiting und generell das Aufkommen von Spezialisten-Plattformen in verschiedenen Bereichen (bspw. für medizinisches Fachpersonal, Jobs im juristischen Bereich, für Ingenieur*innen, in der Gastronomie etc.) sind Antworten auf einen umkämpften Markt.  Eine einfache Stellenanzeige auf den gängigen Jobportalen, also den Generalisten, funktioniert in vielen Bereichen schlichtweg nicht mehr. Unternehmen suchen also nach neuen Wegen, um mit Fachkräften überhaupt in Kontakt zu kommen. Auch in der Energiebranche wird sich hier sicherlich noch einiges auf Seiten der Jobplattformen tun.

Das Interview führte Lisa Marx

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