Erstakademiker:innen haben es auf ihrem Karriereweg schwerer als ihre Kolleg:innen, deren Eltern studiert haben. Das gilt sowohl für den Einstieg in den Job als auch auf dem späteren Karriereweg. Die herkunftsbedingte Lücke verkleinere sich zwar im Lauf der Karriere, ganz schließen können die "First-Generation Professionals" sie jedoch nicht. Das zeigt eine neue Studie der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG).
"Der Bildungshintergrund als Diversitätsdimension ist für viele Unternehmen ein blinder Fleck", lässt sich Sebastian Ullrich, Studienautor und selbst Hochschulabsolvent in der ersten Generation, in der dazugehörigen Mitteilung zitieren. "Arbeiterkinder nicht zu fördern oder sie gar nicht erst einzustellen bedeutet jedoch verschenktes Potenzial." Denn für Unternehmen lohnt es sich, Erstakademiker:innen zu unterstützen: Sie sind stärker intrinsisch motiviert und um 32 Prozent loyaler gegenüber dem Unternehmen als ihre Kolleg:innen aus Akademikerhaushalten.
Wünsche sind gleich – Startvoraussetzungen nicht
Gefragt nach ihren Bedürfnissen im Job, gibt es keine signifikanten Unterschiede zwischen Arbeiterkindern und Kolleg:innen aus Akademikerhaushalten. Am wichtigsten für alle Berufseinsteiger:innen sind das Gehalt (45 Prozent), Begeisterung für die Tätigkeit (33 Prozent) sowie der Lernfortschritt (33 Prozent).
Die Startbedingungen unterscheiden sich jedoch stark: "Erstakademiker:innen haben oft weniger lineare Lebensläufe, sie verfügen über weniger Informationen zu Karrieremöglichkeiten und schlechteren Zugang zu einem beruflichen Netzwerk. Das führt zu Hürden beim Berufsstart", erläutert Studienautor Ullrich.
47 Prozent haben keine Zeit für Praktika
So gaben 47 Prozent der befragten Erstakademiker:innen an, aufgrund anderer Verpflichtungen keine Zeit für Praktika gehabt zu haben – das sind elf Prozentpunkte mehr als bei der Vergleichsgruppe. Auch das Wissen um die Bedeutung von Praktika ist oft nicht vorhanden (-12 Prozentpunkte). Die stärkste Lücke klafft jedoch beim Netzwerk: Nur ein Drittel der Arbeiterkinder gab an, dass sie beim Berufsstart Zugang zu wichtigen Kontakten hatten. Bei den Kolleg:innen aus Akademikerhaushalten war dieser Anteil fast doppelt so hoch (61 Prozent).
Die Lücke wird kleiner, schließt sich jedoch nicht
Diese Ungleichheiten bleiben während der gesamten Karriere bestehen. Die Umfragedaten zeigen zwar, dass Erstakademiker:innen im Laufe ihrer professionellen Entwicklung aufholen; ganz schließen können sie die Lücke jedoch nie. First-Generation Professionals bleiben schlechter informiert, sie können weniger gut auf Augenhöhe kommunizieren und tun sich schwerer, Kontakte in ihrer Firma zu knüpfen. Dennoch gibt es sowohl für Arbeitnehmer:innen als auch für Unternehmen Möglichkeiten, das volle Potenzial von Erstakademiker:innen zu nutzen.
Handlungsfelder, um Erstakademiker:innen zu fördern
Hier müssen Unternehmen ansetzen: Sie sollten Bewusstsein für den Bildungshintergrund schaffen, auch auf höchster Ebene. Außerdem sollten sie Eintrittsbarrieren für Arbeiterkinder anpassen und Förderprogramme wie Mentoring aufsetzen, zeigt die Studie. Aus eigener Erfahrung weiß Autor Sebastian Ullrich jedoch auch, dass die First-Generation Professionals selbst tätig werden müssen, um in der Karriere erfolgreich zu sein. Man müsse sich in Netzwerken engagieren, an Schulungen teilnehmen oder selbst Mentor:in werden. (gun)



