Im Homeoffice gibt es viele Dinge, die ablenken. Umso schwieriger ist es daher auch, die nötige Disziplin aufzubringen.

Im Homeoffice gibt es viele Dinge, die ablenken. Umso schwieriger ist es daher auch, die nötige Disziplin aufzubringen.

Bild: © H_Ko/AdobeStock

Die Corona-Krise hat vieles verändert. Wir alle sind, wie viele andere Unternehmen auch, am 11. März ziemlich abrupt von unserem Arbeitsplatz bei GVS in Stuttgart ins Homeoffice umgezogen. Ursprünglicher Plan: Zunächst nur zwei Tage von zuhause aus zu arbeiten. Damit wollten wir prüfen, ob im Ernstfall die Systeme und Prozesse funktionieren. Die "Generalprobe" ging nahtlos in die "Aufführung" über – aus dem Homeoffice sind die 68 GVSler seitdem nicht mehr zurückgekehrt.

Erstaunlich ist, wie reibungslos dieser Wechsel letztlich von statten ging. Dies ist sicherlich aber auch dem Umstand geschuldet, dass das Team bereits seit langem mit Laptops und Handys ausgerüstet war und viele Mitarbeiter*innen im Rahmen der bisherigen Homeoffice-Regelung bereits in den letzten Jahren Erfahrungen sammelten. Doch die bezogen sich auf ein bis zwei Tage pro Woche und rollierend in den Teams. Dass das gesamte Unternehmen von daheim aus agiert – bisher undenkbar. Doch es funktionierte ohne nennenswerte Beeinträchtigungen.

Vertrieb neu gedacht

In der Folge konnten wir feststellen, dass unser Vertriebsgeschäft, die Vermarktung von Gas und Strom sowie einer Fülle von Dienstleistungen, die analog oder digital über den Online-Marktplatz E-Point erbracht werden, weiter gut funktioniert. Angebote werden nach wie vor gelegt, Besuchstermine mit Kunden zum Austausch und zur Produktvorstellung finden online statt.

Daneben haben wir die Zeit genutzt, um unsere Online-Formate auszudehnen. Bei einem Energie Call SPEZIAL informierten sich Kunden und Interessenten zu den aktuellen Entwicklungen und Turbulenzen in den Commodity-Märkten. Die Nachfrage war sehr stark – und weitere Termine notwendig. Weitere Webinare zu aktuellen Themen, u. a. zum ab 2021 umzusetzenden Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG), entwickelten sich ähnlich.

Keine großen Änderungen beim Zahlungsverhalten

Natürlich stellt sich im Zusammenhang mit dem Vertriebsgeschäft die Frage, wie neben den Neuabschlüssen von Energieliefer- und Dienstleistungsverträgen die Situation bei den aktuell laufenden Lieferverträgen ausschaut. Dazu gibt es zwei Zwischenergebnisse: Zum einen konnten wir noch keine Corona-seitigen Effekte in Bezug auf Kundenallokationen und -nominierungen feststellen. Zum anderen hat sich auch das Zahlungsverhalten unserer Kunden gegenüber der Zeit vor Corona nicht wesentlich geändert.

Es bleibt abzuwarten, ob sich dieses Bild im Laufe der Zeit ändern wird. Eines ist allerdings sicher: Die Bedeutung digitaler Vertriebskanäle hat zugenommen und wir werden zu dem Status Quo vor Corona nicht mehr zurückkehren. Unser Resümee: Geschäftsprozesse und Vertrieb laufen auch in digitalen Formaten stabil!

Neue Flexibilität im Arbeitsalltag 

Daheim arbeiten, Kinder betreuen und versorgen – das ist Arbeiten unter ganz anderen Vorzeichen. Frühzeitig stellten wir dazu die Weichen: Bereits Mitte März öffneten wir das Flex-Zeit-Konto der Mitarbeiter*innen nach unten, um nach Abbau der Überzeiten auch einen Aufbau von Minuszeiten zu ermöglichen. Die Rahmenarbeitszeit wurde deutlich ausgedehnt, so dass die Kollegen*innen mehr zeitliche Flexibilität zur Bearbeitung ihrer Aufgaben erhalten und dadurch Beruf und Privatleben besser in Einklang bringen können. Beide Maßnahmen wurden vom Team explizit begrüßt.

Eine Erfahrung war erstaunlich und deckte sich nicht mit unseren Erwartungen: Die Mitarbeiter*innen haben im Homeoffice eher Überzeiten auf- statt abgebaut! Eine mögliche Erklärung dafür: Durch das Homeoffice findet eine Entgrenzung zwischen Job und arbeitsfreier Zeit statt. Das ist bedenklich, so dass es wichtig bleibt, Pausenzeiten weiterhin einzuhalten und auf eine ausgewogene Work-Life-Balance zu achten. Bewährt haben sich auch, Meeting-freie Zeiten einzuführen und nach jedem Termin fünf bis zehn Minuten "Durchatmen und Verarbeiten" vorzusehen. Gleichwohl ist die gleichzeitige Betreuung von Kindern sehr belastend und wird sich erst mit der vollständigen Öffnung von Schulen und Kitas nachhaltig entspannen.

Aus Erfahrungen lernen – Gutes beibehalten

Was dauerhaft bleibt, sind die umfassenden Erfahrungen, die wir durch die Pandemie sammeln konnten. Einerseits sehen wir den Entwicklungsfortschritt im Umgang mit den digitalen Kommunikationskanälen. Hier haben wir in kurzer Zeit, aus der Notwendigkeit heraus, die Kommunikation von zuhause aus weiter zu betreiben und den Betrieb aufrecht zu erhalten, deutlich hinzugelernt und Vorbehalte abgebaut. Was vor der Krise nicht möglich erschien, geht doch! Vor diesem Hintergrund überarbeiten wir aktuell die bisherigen Homeoffice-Regeln und gestalten sie flexibler aus. Das bedeutet allerdings nicht, das Kind mit dem Bade auszuschütten und Präsenzpflichten abzuschaffen. Änderungen wird es auch bei Dienstreisen geben.

Die gute Performance der Videokonferenzen hat überzeugt und so werden wir viele Präsenztermine kritisch prüfen und einige auch durch digitale Formate ersetzen. Das generiert mehrere Vorteile: Wir sparen Zeit und Kosten ein, wir reduzieren den Stressfaktor und unterstützen zudem den Klimaschutz. Zwei weitere, in nächster Zeit anstehende Themen sind die Umsetzung des papierlosen Büros, das "Corona-erprobt" auch funktioniert sowie die weitere Stabilisierung der IT-Infrastruktur zur Vermeidung von Ausfallzeiten bei Videokonferenzen, die mittlerweile den Status von "Vitalfunktionen" erhalten haben.

Der Autor:

Michael Rimmler ist seit April 2017 alleiniger Geschäftsführer der Gasversorgung Südddeutschland GmbH (GVS), Stuttgart.

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