Enercity-Vorstand Marc Hansmann soll als Kandidat der SPD für die Nachfolge von Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok antreten. Das meldete am Montag der NDR unter Berufung auf den Ortsverein.
Der ehemalige Kienbaum-Berater Hansmann ist gut vernetzt in der Sozialdemokratie sowie in der Bundesverwaltung und der Kommunalpolitik: 2007 bis zu seinem Wechsel zu Enercity war der Volkswirt und Dozent der Kämmerer der niedersächsischen Landeshauptstadt. Zuvor arbeitete er im Bundesfinanzministerium. Über die Entwicklung der Kommunalfinanzen im vergangenen Jahrhundert wurde er promoviert. Der 48-Jährige hat einen Lehrauftrag an der Leibniz-Uni und ist Honorar-Professor am Niedersächsischen Studieninstitut, so sein Lebenslauf auf der Enercity-Website. Bei dem Kommunalversorger ist er Kollege der Vorstandschefin Susanna Zapreva und von Arbeitsdirektor Kai-Uwe Weitz. Nun ist er der erste Spitzenkandidat einer Partei für die wahrscheinliche, vorgezogene Hannoveraner OB-Wahl.
OB beantragt vorzeitigen Ruhestand
Hansmann würde bei einem Wahlsieg seinem Parteifreund Schostok nachfolgen. Der ist mit seiner SPD in ihrer Hochburg Hannover in die "Rathaus-Affäre" verwickelt. Vorigen Dienstag zog Schostok daraus die Konsequenz und beantragte beim Rat nach fünfeinhalb Jahren Amtszeit seine vorzeitige Versetzung in den Ruhestand. In der Osterwoche hatte die Staatsanwaltschaft Hannover unter anderem gegen ihn Anklage erhoben wegen des dringenden Tatverdachts der "Untreue in einem besonders schweren Fall". Über die Zulassung muss nun das Landgericht entscheiden.
Nicht von ungefähr sagte Hansmann nun dem NDR, dass der Wahlkampf für ihn und die SPD kein Spaziergang werde. Sein Vorteil sei, dass er keine klassische Politikerkarriere hinter sich habe: "Genau das brauchen wir jetzt." Das Rathaus habe eine Führungskrise hinter sich. "Das will ich ändern. Ich bin ein politisch denkender Mensch, der leiten kann."
Anklage: Zu hohe Bezüge durchgewinkt
OB Schostok begründete seinen Rückzug in einem knappen Statement damit, dass ihm jetzt das Vertrauen des Rates fehle. Auf gut Deutsch: Auch die Sozialdemokratie steht nicht mehr hinter ihm. Die Ermittler werfen ihm vor, er habe spätestens seit April 2017 von unzulässigen Gehaltszuschlägen für zwei Spitzenbeamte im Rathaus gewusst. Sein früherer Büroleiter Frank Herbert, der von den Zahlungen profitiert haben soll, und der suspendierten Kulturdezernent Harald Härke wurden ebenfalls angeklagt. Die Staatsanwaltschaft hatte mehr als ein halbes Jahr gegen die Drei ermittelt.
- Zum einen ging es um unzulässige Gehaltszuschläge an Herbert von insgesamt knapp 50.000 Euro, die die Landeshauptstadt zurückgefordert hat. Härke soll Herbert als Personaldezernent zwischen April 2015 und Mai 2018 eine pauschale Mehrarbeitsvergütung bewilligt haben, um dessen Verlangen nach einer höheren Besoldung nachzukommen. Schostok soll spätestens im April 2017 von den rechtswidrigen Zahlungen erfahren haben. Danach seien diese mit seinem Einvernehmen fortgesetzt worden.
- Zum anderen wird Härke vorgeworfen, zwischen August 2015 und Mai 2018 dem damaligen Leiter der Städtischen Feuerwehr ebenfalls eine unrechtmäßige Zulage genehmigt zu haben. Dabei soll es sich insgesamt um knapp 15.000 Euro handeln, die bereits zurückgezahlt sind.
- Ins Rollen gekommen war die "Rathausaffäre" nach dem Versuch Härkes, seiner Lebensgefährtin einen gut dotierten Job bei der Stadt zu verschaffen. Als Schostok daraufhin versuchte, Härke zu entlassen, wurden laut NDR Informationen über die unzulässigen Gehaltszuschläge gestreut.
Voraussichtlich am 16. Mai kommt der Rat demnach zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. Die Versetzung Schostoks in den Ruhestand bedarf einer 75-prozentigen Mehrheit und der Zustimmung der Kommunalaufsicht im Landesinnenministerium. Von da an hat die Stadt sechs Monate Zeit, um einen neuen Oberbürgermeister wählen zu lassen. (geo)



