Seit Anfang des Jahres hat Heiko Hambrock, der beim niedersächsischen Elektromobilitätsunternehmen EWE Go ein Team von etwa 60 Mitarbeitern führt, seine Arbeitszeit um 20 Prozent reduziert. «Ich werde dieses Jahr 50», sagt der Diplom-Betriebswirt. «Ich habe mich entschieden, dass ich mit meiner Lebenszeit auch noch ein paar andere Dinge – außer so viel zu arbeiten – machen möchte.»
So steht auf seiner Zweijahresplanung neben beruflichen Terminen Zeit für Familie, Freunde und sein Hobby Langdistanz-Triathlon. Im Job war einiges an Abstimmung nötig, aber Hambrock ist überzeugt davon, dass es funktionieren wird. «Ich habe quasi eine permanente Vertretung», sagt er.
Zuspruch – vom eigenen Team
Auch Elena Hoberg, die das Privatkundenmarketing beim Telekommunikationsunternehmen EWE Tel leitet, hat ihre Arbeitszeit reduziert. Seit Juni 2020 arbeitet sie 28 Stunden pro Woche – verteilt je nach Bedarf. «Wir sprechen das natürlich im Team ab», sagt sie.
Zunächst nutzte die 35-Jährige die freien Stunden für ein berufsbegleitendes Studium. Inzwischen ist sie froh, mehr Zeit für ihre Familie, Freunde und Hunde zu haben. Ihr Team aus zehn Frauen und Männern habe ihre Teilzeit-Entscheidung positiv aufgenommen, erzählt Hoberg. «Ich war tatsächlich erstaunt, wie viel Zuspruch es dafür gab.» Ihren beruflichen Aufgaben könne sie voll gerecht werden.
Teilzeit-Manager noch wenig verbreitet
Die meisten Führungskräfte in Deutschland arbeiten mindestens 40 Stunden pro Woche, viele deutlich mehr. Nach der Arbeitszeitbefragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hatten im Jahr 2019 rund zwölf Prozent der Menschen eine Führungsposition in Teilzeit. «Frauen arbeiten deutlich öfter auch mit einer Vorgesetztenfunktion in Teilzeit als Männer», teilt eine Sprecherin des Bundesarbeitsministeriums mit. «Gründe dafür könnten vor allem die Vereinbarkeit von beruflichen und privaten Belangen sein, da Frauen immer noch stärker als Männer bei der Absicherung des Familienlebens Verantwortung übernehmen.»
Die Bundesregierung unterstützt Teilzeitarbeit und schreibt per Gesetz vor, dass Arbeitgeber dies auch in leitenden Positionen ermöglichen müssen. Eine Führungsaufgabe allein kann demnach kein Grund sein, einen Wunsch nach Teilzeit abzulehnen. Dennoch ist Führen in Teilzeit wenig verbreitet.
Pluspunkte bei Bewerbern
Doch der Wettbewerb um gute Fach- und Führungskräfte bringt immer mehr Unternehmen dazu, flexible und familienfreundliche Arbeitsmodelle anzubieten. Teilzeitmöglichkeiten gewinnen dabei an Bedeutung. Nach Angaben der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände haben Unternehmen ein hohes Interesse daran, gute Führungskräfte zu gewinnen, zu fördern und langfristig zu binden – auch in Teilzeit. «Oftmals sind gerade fehlende Betreuungsmöglichkeiten der Grund dafür, dass Beschäftigte in Teilzeit arbeiten», teilt eine Sprecherin mit. Der Ausbau von qualitativ hochwertiger Kinderbetreuung und Ganztagsschulen sollte daher vorangetrieben werden.
Der Oldenburger Energie- und Telekommunikationskonzern EWE hält Führen in Teilzeit für zukunftsweisend. Seit Dezember schreibt das Unternehmen alle Führungspositionen teilzeitgeeignet aus – möglich sind Wochen-, Monats-, Jahres- und flexible Teilzeit. Ziel ist, eine größere Bandbreite an Talenten für verantwortungsvolle Posten zu gewinnen, wie Personalvorständin Marion Rövekamp sagt. So sollen Frauen, die sich aus familiären Gründen bislang gegen eine Führungsposition entschieden haben, motiviert werden. Aber: «Wir werden nur weiterkommen, wenn Männer wie Frauen diese Angebote annehmen.» (dpa/hp)



