Zur Bewältigung der Überforderung ist auch die Weiterbildung in Künstlicher Intelligenz (KI) dringend notwendig.

Zur Bewältigung der Überforderung ist auch die Weiterbildung in Künstlicher Intelligenz (KI) dringend notwendig.

Bild:© Konstantin Hermann/AdobeStock

Eine Umfrage des Business-Netzwerks Linkedin zeigt, dass die Mehrheit der befragten Beschäftigten in Deutschland (70 Prozent) Schwierigkeiten mit dem raschen Wandel der Arbeitswelt haben. Als besondere Herausforderungen nennen sie Künstliche Intelligenz (KI) und Remote Work. Diese Veränderungen bieten zwar Chancen, erfordern jedoch neue Kompetenzen und Anpassungsfähigkeit. Besonders die Generation Z und Millennials sind besorgt, da sie unter den erschwerten Bedingungen der Pandemie ihre Karrieren begonnen haben.

Herr Nissen, Ihre Umfrage zeigt, dass sich 70 Prozent der Befragten vom schnellen Wandel in der Arbeitswelt überfordert fühlen. Wie erklären Sie sich diese hohe Zahl?

Die Arbeitswelt befindet sich derzeit in einer beispiellosen Transformation, getrieben vor allem von Künstlicher Intelligenz (KI) und Remote Work. Diese Entwicklungen eröffnen großartige Chancen: Automatisierungen und schnellere Prozesse entlasten uns und schaffen Raum für strategische, kreative sowie menschlich orientierte Aufgaben. Auch das Homeoffice bringt viele geschätzte Freiheiten mit sich. Doch der Wandel erfolgt schnell, und nicht jeder fühlt sich der rasanten Veränderung gewachsen. Der Umgang mit KI erfordert neue Kompetenzen, ebenso wie die Zusammenarbeit und Führung dezentraler Teams.

Marc Nissen ist Director Talent Solutions bei Linkedin DACH.Bild: © Linkedin

Und die Zahlen sind deutlich?

Unsere Daten zeigen, dass sich die Fähigkeiten, die wir für unsere Jobs benötigen, seit 2015 um 25 Prozent verändert haben. KI beschleunigt diesen Wandel weiter, so dass wir bis 2030 mit einer Veränderung um 68 Prozent rechnen. Ein offenes, neugieriges Mindset und die Bereitschaft, ständig Neues zu lernen, sind daher unerlässlich. Arbeitgeber können dies unterstützen, indem sie Mitarbeiterentwicklung priorisieren. 

Fast die Hälfte der Generation Z (46 Prozent) und der Millennials (49 Prozent) befürchtet sogar, beruflich zurückzufallen. Warum gerade diese Gruppen? Haben nicht die Jüngeren eigentlich Spaß an den neuen Medien?

Die jüngeren Generationen sind zwar digital versierter, aber gerade die Gen Z steht noch am Anfang ihrer Karriere und hat entsprechend weniger Erfahrung darin sammeln können, Krisen zu meistern als ältere Generationen. Deshalb ist es jetzt wichtig, dass die Generationen im Austausch bleiben und voneinander lernen. Hinzu kommt, dass viele aus der Gen Z ihre Karriere unter den erschwerten Bedingungen der Pandemie begonnen haben, was Spuren hinterlassen hat. 

Und Millennials jonglieren häufig neben der Arbeit noch einen Haushalt mit kleinen Kindern, was zusätzliche Belastung bedeuten kann.

Was können Beschäftigte selbst gegen diese Angst, abgehängt zu werden, tun?

Ich bin davon überzeugt, dass uns der aktuelle Wandel die Chance ermöglicht, eine gerechtere und inklusive Arbeitswelt zu gestalten. Dafür ist es entscheidend, offen und neugierig zu bleiben und sich zu fordern, ohne sich zu überfordern. Arbeitnehmer können ihre Berührungsängste gegenüber neuer Technologie abbauen, indem sie täglich in kleinen Schritten dazulernen. 

Ein starkes Netzwerk und der Austausch von Erfahrungen sind ebenfalls hilfreich. Und sehr viele gehen übrigens schon diese ersten Schritte: Wir beobachten ein stark gestiegenes Interesse an KI-Weiterbildung – die Abrufzahlen unserer Kurse in diesem Bereich sind im letzten Jahr um beeindruckende 117 Prozent gestiegen.

Und was bedeutet das für die Unternehmen?

Arbeitgeber spielen eine entscheidende Rolle. Daher ist es wichtig, dass sie in Zeiten des schnellen Wandels die Bedenken aller Generationen ernst nehmen, Weiterbildung ermöglichen und Unterstützung bieten. Sie sollten eine Kultur des Lernens schaffen und diese aktiv fördern – eine Win-win-Situation für alle Beteiligten! 

Denn auch Unternehmen profitieren natürlich von den neu erlernten Fähigkeiten ihrer Angestellten. Dabei gewinnen nicht nur KI-Kompetenzen an Bedeutung, sondern auch Soft-Skills: Kreativität, Problemlösungsfähigkeit und emotionale Intelligenz sind einzigartig, menschlich und schwer zu automatisieren. 

Lässt sich die Überforderung auf Dauer wirklich reduzieren? Oder werden die Anforderungen durch die neuen Technologien, das geopolitische Umfeld und die Herausforderungen wie den Fachkräftemangel einfach immer größer?

Ja und nein. Es ist klug, sich auf den anhaltenden Wandel in der Arbeitswelt einzustellen. Gleichzeitig muss der schnelle Wandel nicht zu Überforderung führen. Wichtig ist, der Veränderung positiv gegenüberzustehen und kontinuierlich Neues zu lernen. Linkedin analysiert jedes Jahr die "Most In-Demand Skills", also die am stärksten nachgefragten Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt.

Dabei zeigt sich, dass Anpassungsfähigkeit derzeit zu einer Art "Super-Fähigkeit" wird. Letztes Jahr noch auf Platz 21, ist sie dieses Jahr bereits auf Platz acht gestiegen. Keine andere Fähigkeit hat einen solchen Sprung gemacht. Das verdeutlicht, wie wichtig es ist, den Wandel positiv gestalten zu können.

Sie sagen, vor allem Corona hat Spuren hinterlassen. Ein Viertel der Befragten habe durch hybride Arbeitsmodelle sogar verlernt, effektiv zu kommunizieren?

Während der Pandemie haben wir Remote Work kennen und lieben gelernt. Mehr Flexibilität und Zeitersparnis durch das Wegfallen des Arbeitsweges bedeuten mehr Zeit für Familie und Hobbys. Das Homeoffice ist für viele unentbehrlich geworden. Doch die digitale Arbeitsweise hat unsere Kommunikation verändert. 

Ein Viertel der Befragten unserer Studie gibt an, durch Remote Work die effektive Kommunikation verlernt zu haben. Der "Flurfunk" fehlt, der direkte Austausch hat abgenommen, dafür gibt es mehr Meetings. Daher brauchen wir eine klare und empathische Kommunikation, die auf den digitalen Raum zugeschnitten ist. 

Welche Rolle haben dabei die Führungskräfte?

Führungskräfte stehen besonders in der Verantwortung. Sie sollten inklusiv führen, um alle Mitarbeiter, unabhängig von ihrem Standort, zu einem Team zu formen, und empathisch kommunizieren, um trotz der Distanz in engem Kontakt mit den Mitarbeitern zu bleiben. 

Hinzu kommt, dass die Kommunikation unter den Generationen mitunter hakt. In einer Untersuchung, die wir im Frühjahr durchgeführt haben, haben wir festgestellt, dass mehr als jeder Zehnte aus der Gen Z kaum mit älteren Kollegen spricht. Der Hauptgrund: 39 Prozent der Gen Z befürchten, dass sie sich vor anderen Generationen blamieren könnten. 

Dabei denkt deutlich mehr als die Hälfte (65 Prozent) der Gen Z, dass eine bessere Kommunikation zwischen den Generationen für Weiterentwicklung, Produktivität und Stimmung im Team hilfreich wäre. Hier müssen wir also noch mehr Brücken bauen, damit alle Generationen im Austausch bleiben, sich unterstützen und voneinander lernen.

Das Interview führte Boris Schlizio

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