Von Lea Pätzold
Während "Work-Life-Balance" darauf abzielt, Arbeit und Privatleben zu harmonisieren, geht das Konzept des "Work-Life-Blending" einen Schritt weiter: Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen. Mitarbeitende können während der Arbeitszeit längere Pausen für private Termine einlegen, gleichzeitig wird erwartet, dass berufliche Aufgaben auch in der Freizeit erledigt werden. So soll der Arbeitsalltag flexibler an das Leben angepasst werden.
Bei den Stadtwerken Solingen gibt es seit Langem flexible Arbeitszeiten. Innerhalb eines Zeitfensters von 6 bis 20 Uhr können die Mitarbeitenden ihren Arbeitstag flexibel gestalten. Die Stadtwerke Tübingen bieten neben einem großzügigen Zeitrahmen auch zahlreiche Teilzeitmodelle an, um die Arbeitszeit individuell anzupassen.
Die Corona-Pandemie hat die Verfügbarkeit von mobilem Arbeiten beschleunigt und auch danach bleibt es ein Bestandteil des Arbeitsalltags. Durch das Homeoffice entfällt die Pendelzeit, die stattdessen für Freizeit genutzt werden kann. Martin Bender, Personalleiter bei den Stadtwerken Solingen, betont jedoch, dass der persönliche Kontakt im Team nicht vernachlässigt werden darf. Deshalb ist die Homeoffice-Zeit begrenzt und der direkte Austausch in Solingen ein fester Bestandteil des Arbeitsalltags.
Vier-Tage-Woche in technischen Berufen
Auch in Tübingen soll der Teamkontakt durch ein 60:40-Verhältnis zwischen Büroarbeit und Homeoffice gewährleistet bleiben. Dort geht flexibles Arbeiten noch weiter: "Auch Themen wie Chancengerechtigkeit, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder Teilzeit-Führung sind Teil unseres New-Work-Ansatzes", erklärt Melanie Wasner von den Stadtwerken Tübingen. Trotz der flexiblen Angebote muss der Betriebsablauf reibungslos funktionieren.
Dies erfordert eine gute Organisation und einen hohen Einsatz der Führungskräfte. Absprachen und die verantwortungsvolle Erfüllung der Aufgaben sind entscheidend, um die Erreichbarkeit der Abteilungen sicherzustellen. Zur zusätzlichen Unterstützung wurde in Tübingen eine App für Desk-Sharing eingeführt. Das Stadtwerk Solingen setzt auf Vertrauen, das sich laut Martin Bender auszahlt: "Wenn es unseren Kolleginnen und Kollegen gut geht, geht es auch der Firma gut."
Allerdings können nicht alle Bereiche bei den Stadtwerken von flexiblen Arbeitsmodellen profitieren. "So weit ist die Technik noch nicht, dass man einen Bus von zu Hause steuern kann", erläutert Bender. Besonders technische Bereiche und Abteilungen mit viel Kundenkontakt sind auf feste Arbeitsstrukturen angewiesen. Die Stadtwerke Tübingen ziehen daher in Erwägung, die Vier-Tage-Woche für technische Berufe testweise einzuführen.
Gefahr der Dauerverfügbarkeit
Die Mitarbeitenden, die flexible Angebote nutzen können, nehmen diese gerne an, und das Feedback ist durchweg positiv. Besonders junge Bewerbende fragen in Vorstellungsgesprächen gezielt nach flexiblen Arbeitsmodellen und sehen sie oft als Voraussetzung für eine Anstellung. Aber auch in anderen Lebensphasen, etwa bei der Kinderbetreuung oder der Pflege älterer Angehöriger, spielt Flexibilität eine entscheidende Rolle.
Es wird deutlich, dass die Flexibilität in beiden Stadtwerken möglich ist. Doch auf ein vollständiges "Work-Life-Blending" wird bewusst verzichtet. "Eine zu starke Vermischung halte ich auf zwei Ebenen für gefährlich: Die Produktivität sinkt, während gleichzeitig die persönliche Belastung steigt", sagt Melanie Wasner von den Stadtwerken Tübingen.
Flexible Arbeitsmodelle gehören zwar, wo möglich, zum Alltag, aber die Trennung von Arbeitszeit und Freizeit bleibt wichtig und trägt auch zur Gesundheit der Mitarbeitenden bei. In Ausnahmefällen profitiert das Unternehmen zwar von der Bereitschaft der Mitarbeitenden, außerhalb der Arbeitszeiten einzuspringen, doch es muss eine gesunde Balance gefunden werden, denn "Work-Life-Blending darf nicht Dauerverfügbarkeit bedeuten", betont Bender.


