Die Unternehmensberatung Frontier Economics hat im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums nun evaluiert, ob diese Maßnahmen noch zeitgemäß sind. Das zentrale Ergebnis lautet: Die Vorgaben erzeugen heute spürbare Marktverzerrungen und schwächen Preissignale.
2022 stellten die Füllstandsvorgaben sicher, dass Speicher in der Hochphase der Krise unabhängig von Marktsignalen frühzeitig befüllt wurden. Sie bildeten einen elementaren Risikopuffer, während alternative LNG-Infrastruktur noch fehlte. Gleichzeitig schufen die Vorgaben verbindliche Erwartungen am Markt, dass Winterreserven verfügbar sein würden. Damit wurde nicht nur physisch Gas bereitgestellt, sondern auch das Vertrauen in die Versorgungssicherheit gestärkt.
Keine Gefahr des Marktversagens
Seitdem wurden diese Vorgaben gelockert – so wurde etwa das Zwischenziel für den Befüllungsstand zum 1. Oktober jeden Jahres aufgehoben. Doch für viele Branchenvertreter geht das nicht weit genug. Die Analysen von Frontier Economics zeigen, dass die Füllstandsvorgaben im Krisenjahr 2022 einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit geleistet haben, heute aber zu spürbaren Marktverzerrungen führen. "Nach der Krise liegt kein strukturelles Marktversagen vor, das eine Fortführung staatlicher Eingriffe erforderlich machen würde", so das Fazit der Experten.
Die Analyse von Frontier Economics zeigt, dass Speicherzwänge heute wirtschaftliche Anreize verzerren, insbesondere für Arbitrage und marktbasiertes Hedging. Der Staat bestimme faktisch die Nachfrage im Sommer und das Angebot im Winter – dadurch verliere der Preis seine steuernde Funktion, so die Bewertung der Experten. Handelsstrategien würden infolgedessen eingeschränkt, etwa durch "use-it-or-lose-it", was die kommerzielle Speicherbewirtschaftung weniger flexibel und weniger profitabel macht. Insgesamt belegt die Modellanalyse: Eine Fortführung der Vorgaben führt dauerhaft zu Ineffizienzen im Markt.
Sommer-Winter-Spread als Indiz
Einen Nachweis dafür liefert der Sommer-Winter-Spread, der die Speicheranreize zusätzlich schwächt. Fällt er, lohnt sich der Speicherbetrieb weniger. Seit 2022 liegt der Spread im Durchschnitt um etwa 2 Euro je Megawattstunde unter dem Vorjahresdurchschnitt. Gleichzeitig reagieren Marktpreise seither stärker auf Füllstandsentwicklungen statt auf fundamentale Knappheitserwartungen. Damit schwinden marktliche Anreize, im Sommer Gas einzulagern – was zusätzliche staatliche Maßnahmen wahrscheinlicher macht. In der Vorbereitung für die Wintersaison haben die Speicherbetreiber die Vorgaben gerade noch erfüllt; ein extrem kalter Winter könnte die Versorgungssicherheit allerdings gefährden. Davon geht ein Szenario der Initiative Energien Speichern (INES) aus. Die Bundesnetzagentur bewertet die mögliche Situation selbst bei tiefen Temperaturen deutlich gelassener.
Seit 2022 wurde die deutsche Gasversorgung fundamental diversifiziert, insbesondere durch LNG-Terminals und zusätzliche Importwege. Die Abhängigkeit von Russland wurde nahezu eliminiert. Heute gilt das System als widerstandsfähiger gegenüber geopolitischen Schocks. Unter diesen Bedingungen könnte der Markt eigenständig angemessene Speicherfüllstände sicherstellen – wie vor der Krise. Deshalb existiere kein belastbarer Grund für permanente staatliche Eingriffe, so die Frontier-Experten.
Zwei Lösungsvorschläge
In ihrem Evaluationspapier schlagen die Experten zwei Lösungsansätze vor: Die kosteneffizienteste und marktkompatibelste Lösung wäre die Abschaffung der Vorgaben, sofern die Bedingungen stabil bleiben. Die offensichtlichen Vorteile wären weniger Bürokratie, bessere Preissignale, keine Verzerrungen. Gleichzeitig identifiziert Frontier Economics mit einer strategischen Reserve ein Instrument, das gezielt zusätzliche Winterreserven schafft, ohne den Alltagsmarkt stark zu beeinflussen.
Auch andere Instrumente – wie Lieferantenpflichten oder strategische Befüllungsprogramme – sind laut Studie möglich. Allerdings seien sie komplexer, teurer oder stärker verzerrend. Am Ende bleibt die Abwägung zwischen Effizienz (Markt) oder Resilienz (strategische Reserve) eine politische Entscheidung.



