Geschäftsführer Daniel Banzhaf vor dem neuen Batteriespeicher auf dem Kraftwerksgelände der Stadtwerke Kempen.

Geschäftsführer Daniel Banzhaf vor dem neuen Batteriespeicher auf dem Kraftwerksgelände der Stadtwerke Kempen.

Bild: © Stadtwerke Kempen

Mit kleinen, aber kontinuierlichen Schritten das handelsrechtliche Eigenkapital stärken, neue Geschäftsfelder erschließen und dabei die Bürgerinnen und Bürger finanziell an der Energiewende beteiligen: Das ist das Ziel hinter der Crowdfunding-Strategie der Stadtwerke Kempen aus Nordrhein-Westfalen. Nach der erfolgreichen Einwerbung von einer Million Euro für den Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur vor einigen Monaten ist nun über das Crowdfunding der erste Batteriespeicher in der Stadt am Niederrhein finanziert worden. Es geht um eine Investition von 1,4 Millionen Euro. Am 18. August ging das Projekt bundesweit live und war innerhalb weniger Stunden komplett gezeichnet. Der Großstromspeicher hat eine Leistung von 2,5 Megawatt (MW) und eine Kapazität von fünf Megawattstunden (MWh).

Handelsrechtliches Eigenkapital

Bilanzierung

Ein Genussrecht ist eine hybride Finanzierungsform. Es ist vergleichbar mit einer Mischung aus Eigenkapital und Fremdkapital. Ob es handelsrechtlich zu 100 Prozent als Eigenkapital anerkannt wird, hängt von seiner konkreten vertraglichen Ausgestaltung ab. Entscheidend sind unter anderem die Beteiligung am Verlust, eine ausreichende Langfristigkeit und die Nachrangigkeit gegenüber anderen Gläubigern.

Handelsrechtliches Eigenkapital: wird nach den Bilanzierungsregeln des HGB ausgewiesen.
Wirtschaftliches Eigenkapital: umfasst unter Umständen zusätzlich Finanzierungsinstrumente, die wirtschaftlich eigenkapitalähnlich sind, bilanziell aber nicht zwingend als Eigenkapital gelten.




Das Besondere an der Finanzierung: Anders als bei vielen privatwirtschaftlichen Speicherfinanzierungen handelt es sich nicht um eine Projektfinanzierung, sondern um eine Unternehmensfinanzierung. "Die Stadtwerke Kempen mit ihren Erlösen aus sämtlichen ihrer Geschäftsfelder sind Emittent der Genussrechte und tragen die unternehmerischen Risiken der Speichervermarktung", erklärt Daniel Banzhaf, der Geschäftsführer der Stadtwerke Kempen. Die Anleger beteiligen sich über ihre Genussrechte also am gesamten Unternehmen, nicht nur an einem einzelnen Speicherprojekt.

Die Genussrechte werden bilanziell zu 100 Prozent als Eigenkapital anerkannt.

Der Kommunalversorger vom Niederrhein zahlt pro Jahr eine Verzinsung von 4,4 Prozent. Je nach Geschäftsergebnis der Stadtwerke Kempen gibt es zusätzlich einen erfolgsabhängigen Bonuszins von einem Prozent pro Jahr. Die Laufzeit beträgt zehn Jahre. Durch die Emission finanzieren die Stadtwerke also eine Investition in die Energiewende vor Ort und stärken gleichzeitig die eigene Finanzkraft. "Die Genussrechte werden bilanziell zu 100 Prozent als Eigenkapital anerkannt. Dieses Eigenkapital ist aktuell aber nur ein kleines bisschen teurer als die Aufnahme von Fremdkapital", sagt Banzhaf.

Lesen Sie dazu auch: Warum die Stadtwerke Kempen den Ladesäulenausbau mit Genussrechten finanzieren

Emission zahlt auf Image als "Enabler der Energiewende vor Ort" ein

Die erste Zeichnungsphase bis zum 17. August war allein für Kundinnen und Kunden der Stadtwerke Kempen reserviert. Rund 700.000 Euro konnten so eingesammelt werden. Im zweiten Schritt konnten sich Interessenten aus dem gesamten Bundesgebiet beteiligen. Beim erfolgreichen Ladesäulen-Crowdfunding stammten zwei Drittel der Anleger aus dem Bundesgebiet; ein Drittel der Summe entfiel auf Stadtwerke-Kunden. Auch das erste Crowdfunding-Projekt war binnen weniger Wochen vollständig finanziert. "Die Genussrechtsemissionen zahlen auch auf unser Image ein. Wir werden als innovatives Stadtwerk wahrgenommen, das neue Wege in der Finanzierung geht, die Energiewende vor Ort nachhaltig gestaltet und die Energieversorgung in Kempen zukunftsfähig aufstellt", erklärt Banzhaf.

Die Energiewende benötige nicht nur den Ausbau erneuerbarer Energien, sondern auch leistungsfähige Speichertechnologien. Mit dem Batterie-Großstromspeicher könne überschüssiger Strom gespeichert, die Stromnetze entlastet und die Nutzung regenerativer Energien weiter verbessert werden.

Kooperation mit Quantum ermöglicht sehr schnelle Umsetzung

Im Herbst vergangenen Jahres hatte der Aufsichtsrat der Stadtwerke Kempen grünes Licht für die Investition erteilt. Fünf Monate später, im April dieses Jahres, wurde der Speicher auf das Kraftwerksgelände des Kommunalversorgers geliefert. "Wir wollten sehr schnell sein, um noch zeitnah an diesem attraktiven Geschäftsfeld partizipieren zu können“, erklärt der Stadtwerke-Geschäftsführer.

Möglich wurde die schnelle Realisierung, weil man das Batterie-Geschäftsmodell der Handelskooperation Quantum aus Ratingen nahezu eins zu eins übernommen hat. Die Stadtwerke Kempen sind Gesellschafter von Quantum und beziehen über die Kooperation ihren Strom und ihr Gas. Es handelt sich um einen gleich dimensionierten Speicher, den Quantum vor einigen Monaten in Betrieb genommen hat und dessen Strommengen bereits seit einem halben Jahr vermarktet werden, sowie um dasselbe Planungsbüro. Schnelligkeit sei auch deshalb wichtig, weil im kommenden Jahr mit der Neztentgeltreform Agnes einschneidende Änderungen in der Regulierung anstehen, sagt der Geschäftsführer. Dann werde ein Kapazitätsentgelt vier bis sieben Euro pro Kilowatt im Jahr für Speicher.

Marktgetrieben oder Co-Located? Große Renditeunterschiede

Aktuell profitiert ein rein marktgetriebener Speicher davon, dass er auch in Negativstunden überschüssigen Strom aufnehmen kann und dafür Erlöse bekommt. Diese Energie kann er in Marktphasen mit zu geringem Stromangebot mit Gewinn verkaufen. Ein Co-located-Speicher in der Nähe eines Wind- oder Solarparks hingegen kann in Negativstunden keinen von der Börse vergüteten Strom aufnehmen. Marktexperten gehen davon aus, dass die Rendite für ein Megawatt Speicherleistung vor Kosten bei einem marktgetriebenen Betrieb bei rund 160.000 Euro pro Jahr liegt, bei einem Co-located-Speicher hingegen bei 100.000 Euro.

Speicher unter Marktdruck

"Ich gehe davon aus, dass sich der Speicher in wenigen Jahren amortisieren wird", sagt Banzhaf. Kurz- bis mittelfristig würden sich solche Projekte noch rechnen. Langfristig geht er davon aus, dass die Zahl der Negativstunden abnehmen wird und dass die Spreads (Spannen zwischen den Ein- und Verkaufspreisen an der Strombörse EEX) in den einzelnen Marktphasen zusammenschmelzen werden.

Der Speicher ist mittlerweile technisch in das Stromnetz eingebunden, und die Vermarktung am Energiemarkt ist als letzter Schritt in der Vorbereitung. Ziel ist die Aufnahme des regulären Betriebs bis spätestens September dieses Jahres. Die komplette Abwicklung des Crowdfundings erfolgt digital über die Plattform "DKB-Crowd". Die Stadtwerke Kempen erwirtschaften mit rund 130 Mitarbeitenden über alle Geschäftsbereiche rund 100 Millionen Euro Jahresumsatz.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper