ZfK: Sie fordern für den Bau neuer Stromnetze einen erhöhten Eigenkapitalzinssatz von 7,5 Prozent und verweisen auf weitaus höhere Zinssätze in europäischen Nachbarländern. Die Bundesnetzagentur will aber auch die Interessen der Verbraucher und der Wirtschaft im Auge behalten. Müssen Sie am Ende zurückstecken?
Hans-Jürgen Brick: Es ist gut, dass der Stromnetzausbau jetzt wirklich Fahrt aufnimmt. Dafür sind aber auch milliardenschwere Investitionen notwendig. Wir Netzbetreiber müssen immer mehr und immer schneller bauen. Allein Amprion wird in den nächsten fünf Jahren 22 Milliarden Euro in das Übertragungsnetz investieren. Diese Investitionen müssen wir über den internationalen Kapitalmarkt finanzieren. Eine im internationalen Vergleich niedrige Eigenkapitalverzinsung von 5,07 Prozent vor Steuern, wie sie die Bundesnetzagentur derzeit noch für die nächste Regulierungsperiode vorsieht, führt zu schlechteren Konditionen am internationalen Kapitalmarkt. Die Fremdfinanzierung unserer Projekte würde also insgesamt teurer werden, was über die Netzentgelte auch die Stromverbraucher belasten würde. Der von uns geforderte Eigenkapitalzinssatz von 7,5 Prozent vor Steuern würde dagegen einen Vier-Personen-Haushalt weniger als zehn Euro pro Jahr zusätzlich kosten und die Energiewende nicht ausbremsen.
ZfK: Abgesehen vom Streit um die Zinssätze mahnen Sie ein Ende der „anachronistischen Anreizregulierung“ an. Was muss sich konkret ändern?
Brick: Die Anreizregulierung wurde im Jahr 2007 entwickelt. Wir stehen heute aber vor ganz anderen Herausforderungen und brauchen eine viel stärkere Dynamik, um unsere klimapolitischen Ziele zu erreichen. Bei den vor uns liegenden Milliardenprojekten sollten zum Beispiel Anreize geschaffen werden, Projekte „in time and budget“ umzusetzen. Darüber hinaus wird der aktuelle Regulierungsrahmen dem enormen Personalwachstum der Übertragungsnetzbetreiber nicht gerecht. Hier ist eine Refinanzierung der Personalkosten ohne Zeitverzug erforderlich. Wir brauchen also endlich eine Anreizregulierung, die nach vorne gerichtet ist und zu unserer ambitionierten Energiewende passt.
ZfK: Der Kapitalbedarf für die Energiewende und gerade auch für den Netzausbau ist gewaltig. Wie schwierig ist es für Sie als Übertragungsnetzbetreiber mit privater Eigentümerstruktur, das notwendige Kapital zu beschaffen?
Brick: Amprion verfügt seit 2011 über eine stabile, private Eigentümerstruktur bestehend aus fast ausschließlich deutschen Anteilseignern. Wir haben direkten Zugang zum internationalen Kapitalmarkt und finanzieren unsere Projekte damit sehr effizient und erfolgreich. Diese Eigentümerstruktur gibt uns zum einen die notwendige Stabilität, zum anderen die immer wichtigere Flexibilität bei der Kapitalbeschaffung. Bei steigenden Investitionen in den Netzausbau dürfen sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen aber nicht verschlechtern. Ich habe große Sorge, dass mit dem aktuellen Vorschlag der BNetzA für den Eigenkapitalzinssatz das dringend benötigte Eigenkapital nicht mehr ausreichend zur Verfügung stehen wird. Die gerade geschaffene Beschleunigung durch schlankere Planungs- und Genehmigungsverfahren würde wieder verpuffen, wenn Projekte aufgrund fehlenden Kapitals nicht zügig umgesetzt werden können.
ZfK: Wie geht der Ausbau der Höchstspannungstrassen bei Amprion voran? Spüren Sie, dass die Akzeptanz der Menschen vor Ort für die Projekte zunimmt?
Brick: Wir kommen beim Netzausbau gut voran. Die Bundesregierung hat die Ausbauziele für die erneuerbaren Energien deutlich erhöht, aber dafür auch die Genehmigungsverfahren verkürzt. Das hilft uns. Aktuell beginnen wir zum Beispiel den Bau unseres Erdkabelprojekts A-Nord neun Monate früher als ursprünglich geplant. Das ist die erste Gleichstromverbindung, die ab dem Jahr 2027 Windstrom für rund zwei Millionen Haushalte aus dem Norden in den Westen Deutschlands transportieren wird. Natürlich gibt es nach wie vor lokale Widerstände gegen den Netzausbau. Aber es hat sich in den letzten Jahren auch ein stärkeres Bewusstsein für Klimaschutz und den dafür notwendigen Ausbau der Stromtrassen entwickelt. Es gibt keinen Klimaschutz ohne Netzausbau.
ZfK: Die mangelnden Stromtransportkapazitäten zwischen Nord und Süd sorgen nach wie vor für erheblichen Aufwand beim Engpassmanagement. Mit welcher Entwicklung bei den Redispatch-Kosten rechnen Sie für Amprion in den kommenden Jahren?
Brick: Mit jedem Lückenschluss im Übertragungsnetz sinkt der Bedarf für Engpassmanagement. Unsere Prognosen zeigen, dass mit der Fertigstellung einzelner Projekte ab dem Jahr 2027 eine Trendumkehr bei den Engpassmanagementkosten entsteht. Allein unser Projekt A-Nord wird ab dem Jahr 2027 die bundesweiten Kosten für Netzengpässe um 700 Millionen Euro pro Jahr senken. Bis dahin müssen wir davon ausgehen, dass die bundesweiten Kosten für Netzengpässe weiter steigen. Diese Kosten sind aus unserer Sicht keine originären Netzkosten, sondern Kosten der Transformation unseres Energiesystems. Diese Transformationskosten sollten aus den Netzentgelten der Netzbetreiber herausgelöst und durch einen staatlichen Zuschuss finanziert werden. Die Bundesregierung hat bereits Instrumente zur Verfügung gestellt, die für einen solchen Zuschuss denkbar wären, wie zum Beispiel den Klima- und Transformationsfonds.
ZfK: Was erwarten Sie von der angekündigten Kraftwerksstrategie der Bundesregierung? Gibt es genügend Investoren, um den Bau der benötigten Back-up-Kapazitäten mit einem Volumen von 25 GW realisieren zu können?
Brick: Eine gute Strategie zeichnet sich durch ein klares und schlüssiges Gesamtkonzept aus. Die Kraftwerksstrategie der Bundesregierung adressiert derzeit allerdings nur die Energieerzeugung, ohne das Energiesystem in seiner Gesamtheit zu berücksichtigen. Als Übertragungsnetzbetreiber liegt unser Hauptaugenmerk auf der Stabilität des Systems. Es geht nicht nur um zusätzliche Erzeugungsanlagen, sondern ebenso um essenzielle Systemdienstleistungen, die die Stabilität des Stromnetzes gewährleisten. Beide Elemente müssen an den richtigen Stellen im Stromnetz platziert werden. Mit unserem Konzept des "Systemmarktes" setzen wir auf ein Strommarktdesign, welches Anreize für garantierte Kapazitäten sowie die gezielte Verortung von Anlagen für die Systemstabilität bietet. Wir sind fest davon überzeugt, dass solche marktgetriebenen Anreize den Investoren mehr Planungssicherheit bieten und zur Effizienz des Systemumbaus beitragen.
ZfK: Ist der von der Ampelkoalition für 2030 geplante Kohleausstieg überhaupt noch zu halten?
Brick: Wir setzen als Übertragungsnetzbetreiber alles daran, den erforderlichen Netzausbau zu beschleunigen, um den Kohleausstieg bis 2030 zu ermöglichen. An erster Stelle steht für uns allerdings die Gewährleistung der Systemstabilität während der Transformation des Energiesystems. Dafür müssen bis zum Jahr 2030 zusätzliche Anlagen installiert werden, die das Stromnetz auch ohne Kohlekraftwerke stabil halten. Ferner ist eine zusätzliche Erzeugungskapazität von etwa 20 Gigawatt erforderlich, was dem Bau von 40 bis 50 Kraftwerken entspricht. Es ist von zentraler Bedeutung, dass zusätzliche Kraftwerke und stabilisierende Anlagen an den richtigen Stellen im Stromnetz verortet werden. Für die Systemstabilität brauchen wir sie besonders im Westen und im Süden der Republik.
ZfK: Wie beurteilen Sie die Stabilität der Stromversorgung für den kommenden Winter? Ist die Gefahr von Engpässen wirklich gebannt?
Brick: Wir erwarten wieder einen herausfordernden Winter, sind jedoch sehr gut vorbereitet: Die Gasspeicher sind gefüllt und eine ausreichende Anzahl von Reservekraftwerken steht bereit, um bei Bedarf das Netz zu stabilisieren. Zudem sind in diesem Jahr wieder mehr französische Kernkraftwerke im Einsatz als noch 2022. Amprion hat in diesem Jahr zwei neue Gaskraftwerke an das Stromnetz angeschlossen, die binnen kürzester Zeit startklar sind und zur Netzstabilität beitragen. Zudem haben wir diverse Maßnahmen realisiert wie zum Beispiel die höhere Auslastung unserer Leitungen. Das alles hilft uns, das Stromnetz auch in herausfordernden Situationen stabil zu halten.
Das Interview führte Klaus Hinkel


