Christoph Müller tritt in die Fußstapfen von Hans-Jürgen Brick.

Christoph Müller tritt in die Fußstapfen von Hans-Jürgen Brick.

Bild: © Amprion GmbH/Frank Peterschröder

Von Artjom Maksimenko

Im vergangenen Geschäftsjahr hat Übertragungsnetzbetreiber Amprion bei allen wesentlichen Kennzahlen deutlich zulegen können. So investierte der Netzbetreiber mit Sitz in Dortmund rund vier Milliarden Euro und erreichte damit einen Rekord. Bis 2029 sollen in den Ausbau des Übertragungsnetzes 36,4 Milliarden Euro fließen. Entsprechend zugenommen hat auch der Leitungsbau.

"2024 haben wir 200 Leitungskilometer erfolgreich fertiggestellt – ein neuer Rekord“, sagte Amprion-CEO, Christoph Müller, bei der Bilanzpressekonferenz zu Journalisten. Weitere 1300 Kilometer seien im Bau. "Das ist eine Verdreifachung im Vergleich zum Vorjahr", sagte Müller, der den Posten von Hans-Jürgen Brick im Januar übernommen hatte.

Realistischer und flexibler

Nachdem das Ausbautempo deutlich dazugewonnen habe, sei es nun wichtig, noch bedarfsorientierter zu agieren, sagte Müller. "Wir müssen die Netzplanung flexibler gestalten." Es sei wichtig, dass "wir uns zunächst auf das Stromnetz konzentrieren, das bis 2035 erforderlich ist". Die aktuellen Netzentwicklungspläne würden auf ambitionierten Annahmen beruhen, berücksichtigen aber technologische Entwicklungen wie Speicherlösungen unzureichend. Müller sprach sich für breitere Szenarien aus, die alle realistischen Zukunftspfade einbeziehen.

Erdkabel oder Freileitung

Kritisch äußerte er sich auch zur Aufhebung des Erdkabelvorrangs beim Netzausbau. "Wenn wir nur den Erdkabelvorrang streichen, wird dass die Frage 'Freileitung oder Erdkabel' in die Genehmigungsverfahren verlagern", sagte Müller. Das würde für enorme Verzögerungen sorgen. "Wenn wir das konsequent machen wollen, dann sollten die Freileitungen einen Vorrang bekommen." Dies ist aber wiederum eine hochpolitische Frage und würde vermutlich kontrovers diskutiert.

Nicht nur bei der Art der Leitung, sondern auch beim Thema Eigenkapitalverzinsung fordert Amprion mehr Klarheit und Realitätsnähe. Deutschland habe die ambitioniertesten Ausbauziele Europas, das Niveau der Eigenkapitalverzinsung bewegt sich aber im europäischen Vergleich "am unteren Ende", so Müller. Das passe nicht zusammen und würde die Investorensuche erschweren. Denn Amprion stehe im Wettbewerb um Kapital mit globalen Kapitalmärkten. Hier fordert der Übertragungsnetzbetreiber eine Weiterentwicklung des regulatorischen Rahmens. Diese beinhalte auch eine deutliche Verbesserung des Eigenkapitalzinssatzes auf 9 Prozent vor Steuern, "sodass die deutsche Regulierung im europäischen und internationalen Vergleich mithalten kann".

2024 hatte Amprion grüne Anleihen in Milliardenhöhe platziert, mit denen nachhaltige Netzprojekte finanziert werden. Rund 72 Prozent des Fremdkapitals stammen demnach bereits aus solchen Emissionen. Zudem erhielt das Unternehmen Ende 2024 eine Eigenkapitalzufuhr von 850 Millionen Euro und erwartet weiteres Kapital noch in diesem Jahr.

Forschritte bei Prestigeprojekten

Deutliche Fortschritte konnte Amprion bei seinen Vorzeigeprojekten, den Gleichstromleitungen, machen. So sei für A-Nord im Juni 2024 der Grundstein für die Konverterstation in Emden gelegt worden, im Dezember begannen die Bohrungen für die Emsquerung. "Wir liegen gut in der Zeit, damit A-Nord planmäßig 2027 in Betrieb gehen kann", sagte Müller. Zusammen mit Ultranet werde so ein 600 Kilometer langer Windstromkorridor bis nach Baden-Württemberg entstehen.

Der volkswirtschaftliche Nutzen sei enorm: Nach Inbetriebnahme 2027 sollen A-Nord und Ultranet jährlich rund eine Milliarde Euro an Redispatch-Kosten einsparen, verspricht Müller. Auch bei Offshore-Projekten wie DolWin4 und BorWin4 komme man gut voran. Neben den Großprojekten investiert Amprion massiv in den Ausbau des Wechselstromnetzes. Der Neubau der rheinländischen Höchstspannungsfreileitung zwischen Rommerskirchen und Sechtem sowie neue Anlagen zur Netzstabilisierung, darunter ein Phasenschieber in Lingen, seien entscheidende Bausteine der Energiewende. Im niedersächsischen Lingen entstehe zudem bis 2029 der "leistungsstärkste Netzknoten für grünen Strom in Deutschland".

"Angereizte Kraftwerke produzieren keinen Strom"

Zu den Entscheidungen im Koalitionsvertrag äußerte sich Müller grundsätzlich positiv: 20 Gigawatt an Kraftwerksleistung, die bis 2030 angereizt würden, seien ein guter Richtwert im Sinne der Versorgungssicherheit. Allerdings "produzieren angereizte Kraftwerke keinen Strom", und "kein Ausstieg ohne Ausstieg: ohne neue Kraftwerke werde es keinen versorgungssicheren Kohleausstieg geben".

Für eine bessere Steuerbarkeit des Netzsystems fordert Amprion darüber hinaus eine rechtlich verbindliche Regelung der Netzdienlichkeit klimaneutraler Technologien. Damit sind vor allem kleinere Pholtovoltaikanlagen gemeint, die bislang praktisch ungesteuert ihren Strom in die Verteilnetze einspeisen. Diese müssen künftig auf Preissignale reagieren."Auch Batteriespeicher sind gefordert, ihre Flexibilität netzdienlich einzusetzen und so einen Beitrag zum Gesamtsystem zu leisten", fordert Amprion. Netzdienlich zu sein bedeute auch, dass diese Anlagen in bestimmten Situationen bereit sein müssen, "auf Markterlöse zu verzichten, um die Stabilität des Stromnetzes zu gewährleisten", führte er aus.

Von vier Milliarden im abgelaufenen Geschäftsjahr plant Amprion im laufenden Jahr Investitionen in Höhe von rund 5,4 Milliarden Euro und eine Ausweitung der Belegschaft auf mehr als 3600 Beschäftigte. Die Rolle der Innenfinanzierung werde mit wachsendem Investitionsvolumen weiter steigen – genauso wie die Forderung nach einem fairen regulatorischen Umfeld, hieß es aus Dortmund weiter.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper