In der Energiewirtschaft hat die Covid-19-Pandemie aufgrund der veränderten Stromnachfrage – insbesondere durch die Ausfälle in der produzierenden Industrie, aber auch im Gewerbe – starke Verluste auf vielen Stufen der Wertschöpfungskette sowie hohen Aufwand ( etwa durch Zahlungsmoratorium, Umsatzsteuerreduktion) verursacht, aber auf der anderen Seite auch mehr Umsatz (zum Beispiel für IT-Dienstleister) oder langfristige Chancen wie eine höhere Flexibilität beim mobilen Arbeiten gebracht.
Die weitere wirtschaftliche Entwicklung korreliert stark mit dem Verlauf der Pandemie, dem Erfolg der Eindämmungsmaßnahmen und politischer Unterstützung für die Wirtschaft. Zu diesem Ergebnis kommt die Potenzialstudie „COVID-19: Herausforderungen und Chancen für die Energiewirtschaft“ des Trend- und Marktforschungsinstituts Trend-Research.
Sinkende Stromnachfrage und höherer Anteil der Erneuerbaren Energien prägen Energiemarkt
Auch die Energiewirtschaft sei stark von der Coronakrise betroffen und habe in den letzten drei Monaten Verluste auf fast allen Stufen der Wertschöpfungskette verzeichnet, heißt es dort. Die Gründe dazu seien vielfältig: auf allen Ebenen werden Lieferketten unterbrochen, Fristen verschoben und der reguläre Betrieb der Unternehmen beeinflusst. Insolvenzen sowie Zahlungsausfälle stellen Anforderungen an das Forderungsmanagement und den Vertrieb; Zahlungsmoratorien oder die Aussetzung der Insolvenzmeldepflicht verstärken diese. Durch den hohen Produktionsrückgang in der Industrie sinkt die Stromnachfrage, die Netze werden weniger ausgelastet, vorab beschaffte Energiemengen zurückgegeben und der Strompreis fällt, kurzfristig sogar ins Negative. Die Veränderung der Energienachfrage führt zudem zu einem Rückgang des Anteils der Stromerzeugung aus Kohlekraft und einem steigenden Anteil an Erneuerbaren Energien.
Viele dieser kurzfristigen Folgen der Coronakrise werden die Energiewirtschaft auch in den kommenden Monaten und Jahren noch beschäftigen, so Trend-Research: die Umsatzeinbußen und daraus folgende schwache Liquidität der Versorgungsunternehmen können in Kürzungen von Projekten bis hin zu im Markt kolportierten Insolvenzen von Energieversorgern und deren Zulieferern resultieren. Notwendige Sparmaßnahmen werden zu Reduktionen führen und die Nachfragesituation für externe Dienstleistungen nachhaltig beeinflussen, wird in der Studie bilanziert.
Erfahrungen mit der Spanischen Grippe und Sars – eine „zweite Welle“ von COVID-19 ist wahrscheinlich
In der Studie analysiert das Meinungsforschungsinstitut vergangene Pandemien, um auf dieser Grundlage Prognosen für den weiteren Verlauf von Covid-19 zu treffen. Die spanische Grippe etwa habe drei Wellen gehabt und auch das umgehend eingedämmte Sars am Anfang des Jahrtausends konnte über acht Monate hinweg wiederholt kleine Ausbrüche verursachen. Dementsprechend könne auch für Covid-19 mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer zweiten Welle ausgegangen werden, wie sie bei allen größeren globalen Pandemien aufgetreten ist. Diese finden häufig in Abhängigkeit mit den Jahreszeiten statt, da die Wintermonate für die Verbreitung der Viren günstigere Bedingungen bieten.
Doch Corona unterscheidet sich wesentlich von den Pandemien der Vergangenheit: es gab bisher keine Pandemie, die sich so schnell global verbreiten konnte und beinahe die gesamte Weltwirtschaft zu Maßnahmen zwang. Sars wurde schnell eingedämmt und durch internationale Wirtschaftsbeziehungen konnten sich die lokal stark betroffenen Regionen – wie Hong Kong – zeitnah erholen. Grippepandemien, wie die asiatische Grippe in den 50er Jahren, konnten besser bewältigt werden, da Impfstoffe und Medikamente bekannt waren. Die spanische Grippe komme der Covid-19 Pandemie am nächsten, fand aber nun schon vor über 100 Jahren statt und entwickelte sich in einem komplett anderen wirtschaftlichen und technologischen Umfeld.
Zwei Faktoren ausschlaggebend:
Die weitere wirtschaftliche Entwicklung in Zeiten der aktuellen Pandemie hänge im Wesentlichen von zwei Faktoren ab: der Intensität und dem Erfolg der Eindämmungsmaßnahmen und der weiteren Reaktion der Politik. Basierend auf einer Betrachtung vergangener Pandemien und Wirtschaftskrisen hat Trend-Research in der Studie drei Szenarien – schnelle Erholung („V“), langsame Erholung („U“) sowie Rückfall und Erholung („W“) – zur weiteren wirtschaftlichen Entwicklung erstellt, die eng mit der Entwicklung von COVID-19 korrelieren.
Drei Szenarien
In dem Szenario „schnelle Erholung“ fällt der zweite Ausbruch von COVID-19 vergleichsweise sanft aus und es werden keine weiteren Eindämmungsmaßnahmen nötig. Die getroffenen wirtschaftlichen Hilfsmaßnahmen, wie etwa Wirtschafts- und Konjunkturpakete, sind angemessen und werden von den Marktteilnehmern angenommen, sodass die wirtschaftliche Entwicklung weitgehend positiv verläuft. Da die wichtigen Stromabnehmer aus Industrie und Gewerbe vergleichsweise schnell wieder auf den Verbrauch des Vorjahresniveaus zurückkehren, bleiben die Folgen für die Energiewirtschaft größtenteils auf die Verluste der ersten Welle reduziert.
Im Szenario „langsame Erholung“ kommt es ebenfalls nur zu einer leichten zweiten Welle der Pandemie. Die wirtschaftliche Entwicklung stagniert hier jedoch: es kommt zu einem starken Anstieg an Insolvenzen und somit beispielsweise einer Reduktion der Energienachfrage. Durch die schwache Konjunktur sind außerdem die Projektlage der Dienstleister sowie die Investitionen in neue Infrastruktur negativ betroffen. Aus der Krise entstehende Chancen, wie zum Beispiel in Bezug auf die Digitalisierung, können in diesem Szenario entsprechend weniger genutzt werden. Die langgezogene Rezession wirkt sich insbesondere auf kleine und mittelständische Unternehmen aus.
Im Szenario „Rückfall und Erholung“ fällt die zweite Welle von Covid-19 besonders stark aus. Nach einer anfänglichen Erholung der Wirtschaft steigt die Infektionsrate wieder stark an, wodurch erneut ein größeres Maß an restriktiven Maßnahmen erforderlich ist. Dieser Rückfall trifft insbesondere größere Industrieanlagen schwer, da der Neustart nach einem Lockdown mit hohen Kosten verbunden ist. Gleichzeitig konnten in der kurzen Phase der Erholung während des Sommers die Verluste des ersten Quartals nicht ausgeglichen werden. Der Stromverbrauch sinkt entsprechend. Durch längere Einschränkungen könne ein verstärkter und „nachhaltigerer“ Digitalisierungsschub jedoch auch positive Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung haben.
Entwicklung des Stromverbrauchs
Die Stromnachfrage wird laut Studie unter anderem durch hohe Produktionsrückgänge im Rahmen der Coronakrise stark beeinflusst. Während der Krise steigt die Nachfrage von Haushaltskunden an, während Industrie- und Gewerbekunden weniger Verbrauch verzeichnen. Insbesondere im Szenario Rückfall und Erholung sind die Auswirkungen aufgrund des durch die erneuten Eindämmungsmaßnahmen entstehenden Produktionsrückgangs in der Industrie sowie des Anstiegs von Insolvenzen besonders stark.
Energiemarktdienstleister bekommen wirtschaftliche Auswirkungen erst zeitverzögert zu spüren
Wie in vielen Branchen werden auch bei den Energiemarktdienstleistern die langfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie erst allmählich sichtbar, da die Branche nur indirekt durch eine schwächere Konjunktur betroffen ist. Mit dem allgemeinen Wirtschaftseinbruch, inklusive der hohen Zahl an zu erwartenden Unternehmensinsolvenzen – mit einem Anstieg von bis zu 40 Prozent auf 27.000 Insolvenzen im Jahr 2020 im Szenario Rückfall und Erholung – nach dem Ende der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht im September 2020 und dem Wegfall von Kunden und Zulieferern, werden die wirtschaftlichen Folgen zeitverzögert ab ca. dem vierten Quartal aber auch auf die Dienstleistungsebene treffen.
Zeitgleich profitieren Energiemarktdienstleister durch die höhere Nachfrage nach digitalen Lösungen und digitaler Infrastruktur. So können sich durch die Coronakrise viele Entwicklungen beschleunigen, wie die Konzentration auf Robotik, Automatisierungsprozesse, Liquiditätsanalysen und Self Service. Dies berge große Potentiale für Energiemarktdienstleister: insbesondere das Angebot einer Digitalisierung von Arbeitsprozessen, die Bereitstellung neuer Formate des Kundenservices sowie die Unterstützung bei einer effizienten Standardisierung und Automatisierung bieten Chancen. (sg)



