Der bundesweite Lieferstopp des Billiganbieters Stromio für hunderttausende Stromkunden wirkt nach. Deutliche Worte fand nun Marie-Luise Wolff, Präsidentin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) und Vorstandsvorsitzende des Darmstädter Regionalversorgers Entega.
"Die Weigerung von Stromio, ihre Kundinnen und Kunden weiterhin zu beliefern, offenbart einmal mehr eine schwerwiegende Regulierungslücke", ließ die Managerin per BDEW-Presseaussendung ausrichten. "Billiganbieter betreiben Geschäftemacherei auf Kosten der Kunden und wälzen das ökonomische Risiko auf die Grundversorger ab. Hier muss die neue Bundesregierung eingreifen."
"Unseriöse Geschäftsmodelle"
Angesichts explodierender Preise an den Energiemärkten könne es nicht weiter angehen, dass Anbieter in Niedrigpreiszeiten Reibach machten und sich bei steigenden Preisen nicht mehr um ihre Kunden kümmerten, führte sie aus.
"Die Grundversorger übernehmen Verantwortung für ihre Bestandskunden und garantieren die Belieferung neuer Kunden unkompliziert und unterbrechungsfrei", schloss Wolff. "Das muss von der Politik honoriert und unseriösen Geschäftsmodellen in der Daseinsvorsorge Einhalt geboten werden."
Auch Liebing appelliert an Bundesregierung
Auch VKU-Geschäftsführer Ingbert Liebing nimmt die neue Bundesregierung in die Pflicht. Diese sollte sich Gedanken machen, wie Wettbewerb und das "bewährte System der Grundversorgung" besser austariert werden könnten.
"Dabei sollte im Interesse der Kunden auch eine effizientere Aufsicht der Bundesnetzagentur über unseriöse Anbieter vorgenommen werden", teilte er per Presseaussendung mit. "Die kommunalen Unternehmen stehen für einen Dialog darüber zur Verfügung."
Liebing lobt Stadtwerke
Kommunale Stadtwerke lobte er hingegen. Diese hätten "vorausschauend geplant" und könnten daher ihren Kunden Unsicherheit und noch größere Preissprünge ersparen.
"Zugleich nehmen sie gestrandete Kunden in der Ersatzversorgung auf. Mit differenzierten Tarifen können dabei die negativen Folgen für Bestandskunden begrenzt werden."
Vattenfall: 74.000 Kunden in Ersatzversorgung
Einzelne Bekanntmachungen örtlicher Grundversorger zeigen das Ausmaß des Stromio-Lieferstopps. Energiekonzern Vattenfall musste nach eigenen Angaben in seinen Grundversorgungsgebieten Berlin und Hamburg etwa 74.000 Verbraucher übernehmen, bei EnBW war es eine mittlere fünfstellige Zahl. Eon wollte aus Wettbewerbsgründen keine Angaben machen.
Die Stadtwerke Duisburg meldeten 5000 Neukunden in der Ersatzversorgung, der Wiesbadener Versorger ESWE 2500 zusätzliche Haushalte.
Bmwi antwortet nur allgemein
Die Stadtwerke Tübingen, die Strom-Grundversorger in der eigenen Stadt mit knapp 90.000 Einwohnern sind, übernahmen mehr als 500 Kunden, die Stadtwerke Bayreuth im Nordosten Bayerns zählten knapp 500 Kunden in Stadt und Umgebung.
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz antwortete auf die ZfK-Fragen, ob sich aus seiner Sicht aktuell das System der Grund- und Ersatzversorgung bewähre und ob es vorhabe, Grundversorgern in der derzeitigen Lage zu helfen, nicht explizit.
Bmwi: "Beobachten Lage sehr genau"
"Bitte haben Sie Verständnis, dass wir zu einzelnen Fällen und einzelnen Unternehmen keine Stellung nehmen können", hieß es weiter.
Zu den Turbulenzen an den Energiemärkten schrieb eine Sprecherin des Ministeriums: "Wir beobachten die Lage sehr genau. Die Versorgungssicherheit ist weiter gewährleistet. Wir haben aktuell keine Anzeichen für Versorgungsengpässe."
LCG Energy stellt Stromlieferung ein
Nach ZfK-Zählung haben seit Beginn der Energiekrise mindestens sieben Anbieter Insolvenz angemeldet. Zu ihnen gehört auch das Münchner Unternehmen Buzzn. Auf seiner Website schreibt es dass es in den kommenden Tagen mit der Eröffnung eines Insolvenzverfahren rechnet. Die Nachricht datiert vom 8. Dezember.
Einige weitere Unternehmen haben ihre Energielieferungen teilweise oder komplett gestoppt. Jüngstes Beispiel ist der Versorger LCG Energy aus Würselen (Nordrhein-Westfalen), der nach ZfK-Informationen nach dem Gas- nun auch das Stromgeschäft aufgibt. Das Unternehmen will von kommendem Jahr an nur noch im Bereich der erneuerbaren Energien unterwegs sein. (aba)


