80 Energieversorger mit separaten Gasgrundversorgungstarifen zählte das Portal Preisvergleich.de am vergangenen Freitag, gestern Vormittag waren es bereits 95. Beim Strom stieg die Zahl in dem Zeitraum von 25 auf 40. „Da läuft eine Welle gerade und es gibt einige Dinge, die sich nicht so anfühlen, als habe man nicht die Zeit gehabt, diese vollständig juristisch auszugestalten“, sagte Lars Quiring, der Geschäftsführer des Energiedatendienstleisters Get AG und Betreiber von Preisvergleich.de
„Energiepreise auf Rekordhoch – Wie geht es weiter?“, unter diesem Titel stand gestern der digitale Online-Live-Talk „ZfK im Gespräch“. Gemeinsam mit Lars Quiring diskutierten drei weitere Branchenexperten über Hintergründe und Folgen und wagten zugleich einen Ausblick. Dass das Thema die Branche elektrisiert, zeigte die hohe Zahl von über 200 Teilnehmer:innen und ihre vielen Fragen. Moderiert wurde die Veranstaltung von ZfK-Chefredakteur Klaus Hinkel und ZfK-Redakteur Andreas Baumer.
"Mittlerweile haben zwei Anbieter einen Tarif mit dem Namen "Gas.de-Kunden" eingeführt".
Es gebe mittlerweile neue Grundversorgungstarife , die nur für eine bestimmte Kundengruppe aufgelegt würden, so Quiring weiter. Mittlerweile hätten sogar zwei Anbieter einen Tarif mit dem Namen „Gas.de-Kunden“ eingeführt. Auch gebe es bereits Grundversorgungstarife für Neukunden, die „dramatisch teurer seien als diejenigen für Bestandskunden – in Einzelfällen um über 50 Prozent.
Die Zahl der Vertragsabschlüsse auf den Portalen habe sich mittlerweile von ihrem Einbruch im Oktober und der ersten Hälfte November auf ein Niveau katapultiert, das höher sei als im vergangenen Jahr. „Gewinner auf den Preisportalen sind aktuell die, die langfristig beschafft und langfristig an ihren Prozessen gearbeitet, sowie ein ganz klares Unternehmensimage aufgebaut haben“, so Quiring.
Die digitalen Herausforderungen beim Split der Grundversorgertarife
Gerade zu Beginn der Energiekrise habe sich gezeigt, dass es hier noch eine Menge Luft nach oben gebe. Einige der negativen Effekte hätten mit einigermaßen prozesssicheren Systemen aufgefangen werden können, ist er sich sicher. Die größte digitale Herausforderung mit Blick auf die gesplitteten Grundversorgungstarife sieht er aktuell in der Abrechnung. „Viele der betroffenen Energieversorger haben hier sehr geächzt, um das irgendwie ins Laufen zu bringen.“
Die Stadtwerke Krefeld waren einer der ersten Kommunalversorger, der einen zweiten Grundversorgungstarif eingeführt hat. Ein Thema, das viele der Diskussions-Teilnehmer umtreibt, entsprechend kamen dazu auch einige Fragen aus dem Chat, insbesondere nach der rechtlichen Absicherung.
"Ein zweiter Grundversorgungstarif ist rechtlich sicher, solange er nicht beklagt wird".
“Die Regelung ist rechtlich sicher, solange sie nicht beklagt wird“, erklärte Arndt Thißen, Bereichsleiter Geschäftskunden und Energiedienstleistungen bei den Stadtwerken Krefeld Energie GmbH (SWK). Das Unternehmen sei einer rechtlichen Einschätzung des VKU gefolgt. „Wir hatten keine andere Wahl. Wir mussten diese Entscheidung treffen, auch um unseren Auftrag in der Grundversorgung der Bestandskunden in Krefeld zu erfüllen“, versicherte Thißen.
Wenn die preisliche Notwendigkeit für den Split wegfalle, werde man die beiden Grundversorgungstarife wieder zusammenführen. Im Vertrieb sieht Thißen aktuell für die SWK deutlich mehr Chancen als Risiken. Man habe viele Neukunden hinzugewinnen können, auch auf dem höheren Strom- und Gaspreisniveau. Sehr erfolgreich sei dabei ein volldigitalisiertes Tranchenmodell, für das sich mittlerweile das Gros der Geschäftskunden der Stadtwerke Krefeld entschieden.
"Die Modelle aus der automatisierten Bepreisung setzen einen liquiden Markt voraus."
In der strukturierten Beschaffung seien Stadtwerke und andere Energieversorger aktuell besonders in Sachen Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit gefordert, betonte Reinhard Klimeck, Bereichsleiter Handel und Portfoliomanagement bei der Stadtwerkekooperation Trianel. Der Energiemarkt sei aktuell durch eine hohe Volatilität gekennzeichnet, mit dieser gehe eine sehr geringe Liquidität einher. „Der OTC-Markt ist relativ leergefegt.“ Wenn man größere Mengen beschaffen wolle, sei die Frage, ob man das kurzfristig realisieren könne.
Die Modelle aus der automatisierten Bepreisung und die damit einhergehenden Prozesse, die man jahrelang gewohnt war, setzten aber einen liquiden Markt voraus, so Klimeck. Insofern sei die aktuelle Situation anspruchsvoll.
Wenn man aus einer „relativ langweiligen Marktphase“ komme, in der alles so vor sich hinfließe, sei es eine Herausforderung, in der Beschaffung schnell handeln und entscheiden zu müssen. Sei es früher dabei um 20 Cent pro MWh gegangen, gehe es heute teils um über zehn Euro. „Das hat eine andere Qualität“. Wichtig sei hier auch eine guten Datengrundlage.
Risikoaufschläge in der Vollversorgung sind stark gestiegen
In der Vollversorgung hingegen gebe es aktuell deutlich weniger Anbieter und sehr stark gestiegene Risikoaufschläge. „Hier muss man schauen, ob man nicht wieder mehr Verantwortung übernimmt und selbst wieder in die Beschaffung geht und Chancen nutzen und Risiken nehmen kann.“ Klimeck sieht im Handelsmarkt aktuell höhere Risiken für Stadtwerke. Diese könne man entweder einpreisen oder auf eine intelligente Art und Weise weitergeben. Ein Weg hierzu wären handelsnahe Produkte.
"Sorge macht mir nicht der Atom-, sondern der parallele Kohleausstieg".
Tobias Federico, Geschäftsführer des Analysehauses Energy Brainpoo, geht davon aus, dass die Volatilität an den Energiemärkten auch in den nächsten Jahren Bestand haben wird. „Sorge macht mir nicht der Atom- sondern der parallele Kohleausstieg“, erklärte Federico. Die meisten Analyst:innen seien sich einig, dass es durchaus in den nächsten Wintern, je nach Wetterlage und nach erwarteter Zubaurate von konventioneller Gastechnik „durchaus etwas enger werden könnte“.
Sollte das eintreffen, werde man in den nächsten Wintern extrem hohe und volatile Strompreise sehen. Für das Ende der laufenden Heizperiode rechnet er mit einer Entspannung bei den Preisen, diese würden aber nicht auf Vor-Corona-Niveau sinken. (hoe)



