Anton Berger ist Partner bei der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft Rödl & Partner mit Sitz in Nürnberg.

Anton Berger ist Partner bei der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft Rödl & Partner mit Sitz in Nürnberg.

Bild: © Rödl & Partner

Die Mehrheit der Energieversorger bewertet die wirtschaftliche Lage ihres Unternehmens nach wie vor als „sehr gut“ oder „gut“. Die Hälfte geht aber davon aus, dass sie die Renditeanforderungen der Gesellschafter künftig kaum oder nicht mehr erfüllen können.

Als Gründe werden insbesondere die anstehende tiefgreifende Transformation des Energiesystems sowie sinkende Netzrenditen angegeben. Das zeigt die aktuelle Marktstudie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Rödl & Partner zu den so genannten 5D der Energiewirtschaft, die jetzt in der zweiten Auflage erschienen ist.

Darin werden Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer und Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger von Stadtwerken und anderen Energieversorgungsunternehmen (EVU) zu den Auswirkungen der fünf wichtigsten makroökonomischen Megatrends Dekarbonisierung, Dezentralisierung, Digitalisierung, Demografie und Diversifizierung auf ihre Unternehmen befragt. An der Umfrage nahmen unter anderem 45 Entscheiderinnen und Entscheider von kommunalen Energieversorgern teil.

Drei Jahre Krise sind kaum spürbar. (Anton Berger, Geschäftsbereichsleiter Energie bei Rödl & Partner)

Von der überwiegend positiven Grundeinschätzung der wirtschaftlichen Lage der Unternehmen zeigte sich Anton Berger, Leiter des Geschäftsbereichs Energie und Partner von Rödl & Partner überrascht. „Drei Jahre Krise sind so kaum spürbar“, sagte er im Gespräch mit der ZfK.  

Die Renditeanforderungen der Vergangenheit hätten sich vor allem primär aus dem Energievertrieb (Strom und vor allem Gas) und teilweise aus dem Netzbereich sowie aus erfolgreich realisierten EE-
Projekten abgeleitet.

"Um den zukünftigen Investitionsbedarf zu decken, bedarf es primär einer Erhöhung der Innenfinanzierungskraft. Diese ist über die Jahre bei vielen Stadtwerken zurückgegangen, unter anderem weil Gewinne ausgeschüttet wurden und dadurch keine respektive wenig Rücklagen gebildet werden konnten", so Berger weiter. Zudem seien die Abschreibungen vielerorts eher zurückgegangen.

Werden höhere Gewinnthesaurierungen zunehmen?

Ursachen hierfür seien rückläufige Investitionen und bereits abgeschriebene Anlagen, die für die Refinanzierung keine Mittel mehr zur Verfügung stellen. Der Fremdkapitalanteil in den Unternehmen habe so über die Jahre eher zugenommen.

"Hier werden die Stadtwerken bei den anstehenden Themen (Investitionen in den Umbau von Gas auf Wärme, Realisierung von EE-Vorhaben) in der Fremdfinanzierung erheblich an Grenzen stoßen respektive dies dann teilweise. nicht leisten können", ist Berger überzeugt.

Folglich stelle sich die Frage: woher die notwendigen Mittel künftig kommen sollen, sei es über eine höhere Gewinnthesaurierung im Unternehmen, die Reduzierung der defizitären Aufgaben bei den Stadtwerken oder aber die Prüfung von Desinvestitionen?

Stadtwerke und Energieversorger werben sich gegenseitig die Mitarbeiter ab.

Im Vergleich zu ersten Studie in 2019 hat sich der Fachkräftemangel in der Branche noch einmal deutlich verschärft. Vor vier Jahren antworteten noch 46 Prozent der Befragten, dass sie den Fachkräftemangel bereits „stark“ bis „sehr stark“ zu spüren bekommen. Mittlerweile sind es 82 Prozent.

„Es mangelt ganz konkret an Ingenieuren und technischen Fachkräften. Ohne jeden Zweifel kann dies bereits zu einer Verzögerung bei der Umsetzung wichtiger Projekte geführt haben“, sagt Anton Berger. Die Energiewende werde nicht stattfinden, nur weil man sie beschließt.

Man stelle auch fest, dass kleinere Stadtwerke mittlerweile erhebliche Problem hätten, ihre Aufgaben vollumfänglich zu erfüllen. „Unter anderem  werben sich bereits Stadtwerke und Energieversorger gegenseitig die Mitarbeiter ab“.

Gehaltsniveau: Wettbewerbsfähig, aber ständige Überprüfung zentral

Viele Mitarbeiter würden in den nächsten zehn Jahren aus den Unternehmen ausscheiden, was ein Vorantreiben des Wissenstransfers erforderlich mache. "Auch hier besteht bei vielen Unternehmen noch erheblicher Handlungsbedarf. An vielen Stellen hat man sich mit diesem Thema noch nicht beschäftigt", erklärt Berger.

Das Gehaltsniveau werde von den meisten Unternehmen als wettbewerbsfähig eingeschätzt, bedürfe jedoch fortwährender Überprüfung. Energieversorger stünden vor der Herausforderung, sich zu diversifizieren und integrierte Versorgungslösungen für Mobilität, Strom und Wärme zu entwickeln.

Dienstleistungen für Kommunen als Wachstumsthema

Neben den Themen Smart City und Quartiersversorgungslösungen bestehe großes Interesse an der Erbringung von Dienstleistungen für Kommunen, insbesondere im Bereich der E-Mobilitätsinfrastruktur, Abrechnungen und Straßenbeleuchtung.

Die ist ein möglicher wichtiger Baustein, um wenigstens zum Teil die absehbaren Rückgänge im Gasgeschäft  zu kompensieren. "Auch wenn Gasnetze in Deutschland noch auf absehbare Zeit eine wichtige Rolle bei der Energieversorgung spielen werden, erscheint eine Bewerbung um Gaskonzessionen für die Studienteilnehmer aktuell und perspektivisch nicht mehr sinnvoll. Das ist sicher keine Überraschung, aber doch eine Entwicklung, die recht schnell kam", bringt Berger die Lage auf den Punkt.

Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass noch einige, vor allem kleinere Stadtwerke vom Markt verschwinden werden.

Nachholbedarf ortet die Studie im Bereich Digitalisierung bei der Beschäftigung mit Cloud-Computing, Internet of Things (IoT), KI, Big Data oder der Blockchain. Auch ein strukturiertes Innovationsmanagement sei bei kaum einem Unternehmen vorhanden.

„Da die 5 Ds ineinandergreifen und eng miteinander verzahnt sind, liefert die Gesamtbetrachtung wertvolle Erkenntnisse mit dem Ziel ein ganzheitliches Verständnis für die Energiewirtschaft aus Sicht von Stadtwerken und Energieversorgern zu entwickeln“, resümiert Berger. An sich würde eines der 5 Ds als Aufgabe für die nächsten Jahre reichen. 

„Aber die ToDos der 5 D´s in Summe generiert Aufgaben in einer nie dagewesenen Fülle. Vermutlich ist das für ein Vielzahl von Unternehmen so nicht leistbar“, prognostiziert der Bereichsleiter Energie
bei Rödl & Partner. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass hier noch einige, vor allem  kleinere Stadtwerke vom Markt verschwinden würden, oder ihre Tätigkeiten teilweise oder ganz outsourcen müssten. (hoe)

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